Der Atomausstieg

Eine Vision für eine zukunftsfähige Welt

Weitere inspirierende Beiträge über das Leben und Wirken des großen Visionärs Robert Jungk lesen Sie in "Zukunft gewinnen!".
 
Der Ausstieg aus der Hochrisikotechnologie Atomkraft ist notwendig. Der Umstieg auf eine dezentrale Energieversorgung durch Erneuerbare Energien ist ebenso notwendig. Robert Jungk kämpfte bereits vor vielen Jahren für dieses Ziel. Langsam, sehr langsam scheint sich nun etwas zu tun. Aber die Gegenseite hat den Kampf noch nicht aufgegeben. Für die Umsetzung einer Vision ist es somit unabdingbar einen langen Atem zu haben.
 
Im Jahr 1972 erschien das Buch „Die Grenzen des Wachstums" vom Club of Rome und als sich 20 Jahre später alle wichtigen Staatschefs zur Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio trafen, wurde dies als Geburtsstunde der Nachhaltigkeit gefeiert. Es dauerte noch einmal 20 Jahre bis 2012 die Erneuerbaren Energien in Deutschland fast ein Viertel der Stromversorgung stellten. Erst kurz zuvor hatte der Deutsche Bundestag mit den Stimmen aller Fraktionen den Atomausstieg beschlossen.
 
Was verbindet alle diese Daten und was haben sie mit Robert Jungk zu tun?
Robert Jungk war Sprachrohr einer Generation. Auch vor Sitzblockaden und Demonstrationen schreckte er nicht zurück. © JBZ-ArchivIn der Umweltbewegung der 1970er Jahre war für mich und meine Generation das Buch des Club of Rome das Fundament für unsere Diskussionen. Auf einer begrenzten Erde kann es auf Dauer kein grenzenloses Wachstum geben. Denn sowohl die Ressourcen, als auch die Aufnahmefähigkeit der Erde stoßen an ihre Grenzen. Heute ist das scheinbar jedem klar, aber damals musste ich ständig erklären, warum wir zu viel aus dem Boden holen und zu viel in die Luft pusten.
 
In der Umwelt- und Friedensbewegung war uns schon frühzeitig klar, dass der Kampf gegen die Atomkraft sowohl den militärischen Einsatz als auch die zivile Nutzung der Atomtechnologie in Frage stellen musste. Es sind bis heute zwei Seiten einer Medaille. Aber als wir ? die junge Generation im Deutschland der 1970er Jahre ? Wachstum und Atomkraft in Frage stellten, rüttelten wir am Fundament der alten Gesellschaft. Wir wurden verlacht und verspottet. Umso wichtiger waren Vorbilder, Leitfiguren und Visionäre. Robert Jungk mit seinem Werk war das für uns: das Undenkbare zu denken, Schritte zu gehen in eine bessere Welt und sich nicht beirren zu lassen von der gegenwärtigen Mehrheitsmeinung.
 
Menschen brauchen Schlüsselerlebnisse
Als sich 1992 auf der Konferenz in Rio die Staatschefs versammelten, um eine Agenda der Nachhaltigkeit zu verabschieden, war bereits viel und zugleich immer noch viel zu wenig passiert. Die Probleme hatten sich mittlerweile verschärft und waren noch globaler geworden. Die Begrenztheit der Ressourcen war breit anerkannt und der übergroße CO2-Ausstoß sowie die damit einhergehende Gefahr des globalen Klimawandels waren gegenwärtig. Selbst die Staatschefs hatten, bis auf wenige Ausnahmen, diese Probleme anerkannt und gut klingende Beschlüsse gefasst. Daraus folgte allerdings erstmal wenig.
 
Die meisten Menschen brauchen leider noch viel zu oft Schlüsselerlebnisse, damit sie die wahren Herausforderungen erkennen: Der Chemieunfall Seveso 1976, die Atomkatastrophe in Tschernobyl 1986 oder der Hurrikan Katrina 2005 sind genauso Schlüsselelemente der Politik wie das Öl-Desaster um Deepwater Horizon 2010 oder Fukushima 2011. Diese schrecklichen Ereignisse rütteln wach und stoßen Prozesse an. Die wahre Größe von Denkern wie Robert Jungk erkennt man aber daran, dass sie auch ohne akute Katastrophe vor diesen warnen.
 
Vom Ausstieg in den Einstieg
Die von Denkern wie Robert Jungk geprägte Generation leitete den Ausstieg aus der Atomkraft ein als sie mit Rot-Grün in die politische Verantwortung gekommen war,. Dieser Schritt war 40 Jahre zuvor eine Vision, an deren Umsetzbarkeit fast niemand glaubte. Aber wir brauchen mit dem Ausstieg auch einen neuen Einstieg. Nämlich in die Erneuerbaren Energien: Strom aus Sonne und Wind als Alternative zu Kohle, Öl und Atom. Mit genau diesem Rezept, dem Wechsel von der Hochrisikotechnologie Atom zu der umweltbewahrenden Energieproduktion der Erneuerbaren, entstand eine neue Vision. Sie bedeutet eine dezentrale Energieversorgung in Bürgerhand und damit mehr Demokratie. Sie bringt automatisch mehr Frieden auf dieser Welt, denn es gibt Kriege um Öl, aber keine um Wind oder Sonne. Und sie beinhaltet einen Lösungsansatz für die globale Bedrohung durch den Klimawandel. Denn mit dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) haben wir auch für die Länder des Globalen Südens die Technologiekosten massiv gesenkt.
 
Seine Bücher und Zukunftswerkstätten bewegten Menschen jeden Alters und immer wieder reihte er sich in vorderster Front ein, wenn es galt, für die friedvolle und lebenswerte Zukunft zu kämpfen. © JBZ-ArchivEine Vision ist Voraussetzung für einen echten Veränderungsprozess. Aber dabei gibt es natürlich immer auch Gewinner und Verlierer. Bei der Energiewende haben die Verlierer sehr schnell ihre wirtschaftlichen Nachteile erkannt und kämpfen erbittert um ihre Interessen und Gewinne gegen diejenigen, die die Gesellschaft verändern wollen,. Dabei sind gerade die großen Konzerne wie RWE, Lobbyorganisationen wie die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" oder die Industriegewerkschaft IGBCE sehr schlagkräftige Strukturen. Die Gewinner hingegen gibt es am Anfang des Prozesses noch gar nicht. Bei der Energiewende sind das nun vor allen Dingen Mittelständler, die ihre Interessen weniger gut durchsetzen können. Deshalb ist es für die Politik so schwer, Visionen umzusetzen.
 
„Schritte bringen einen nicht weiter, wenn man im Kreis geht"
Die Vision eines Deutschlands ohne Atomkraft wird aber gerade umgesetzt. Wir müssen dafür kämpfen, dass dies auch global möglich wird. In Japan wächst langsam eine neue Anti-Atomkraftwerk-Bewegung und bei uns ist eine überwältigende Mehrheit für einen schnellen Ausstieg. Aber ebenso wie wir in Deutschland diese Vision mehrheitsfähig gemacht haben, ist es nötig, die Vision einer ressourcenschonenden nachhaltigen Wirtschaft, die den Grenzen der Erde Rechnung trägt, auf den Weg zu bringen. Hierzu kann die Praxis schon einiges beisteuern: Im ersten Quartal 2014 wurden 27% des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen, Windstrom ist kostengünstiger als Strom aus Kohlekraftwerken, Photovoltaik hat eine Kostenreduktion von 66% in zehn Jahren erfahren. 1,4 Millionen Menschen erzeugen Strom heute selber. Aber Schritte bringen einen nicht weiter, wenn man im Kreis geht. Die fossile Lobby versucht eine „Sonnensteuer" zu erwirken und den Ausbau der erneuerbaren Energien zu deckeln. Das Umsetzen einer Vision bedeutet: den Kräften des Beharrens zu trotzen und einen langen Atem zu haben.
 
Unvorstellbare Schadenskosten prognostiziert
Wir erleben schon heute einen katastrophalen Vorgeschmack auf den Klimawandel: Die letzten Winter waren entweder extrem frostig oder gehörten zu den wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1891. Teile von Deutschland leiden schon heute unter Wassermangel. Die asiatische Tigermücke, Überträgerin von eigentlich in Indien heimischen Krankheiten, ist bereits in den nördlichen Alpen aufgetaucht. Gleichzeitig schmelzen die Gletscher im Himalaya, das Westantarktische Eisschild kippt und die ersten Inseln müssen evakuiert werden. In den kommenden 50 Jahren werden allein auf Deutschland Kosten in Höhe von 800 Milliarden Euro nur für die Schäden des Klimawandels prognostiziert. Diese würden besonders die ohnehin schwachen Regionen treffen. Von der Zukunft her denkend, so wie Robert Jungk es getan hat, müssen wir andere und für die Gesellschaft weniger teure Ideen dazu entwickeln, wie diese enormen Kosten fair geschultert werden können.
 
Wir haben in den 1970er Jahren unsere Eltern und Lehrer konfrontativ und ehrlich gefragt: Warum habt ihr den Faschismus und die Gräuel der Nazis nicht verhindern können? Und meine drei Enkelkinder werden mich fragen, was wir gegen den Klimawandel gemacht haben. Die Wissenschaftler haben uns alle Fakten vorgelegt. Wir müssen nur den Mut haben, zu handeln, bevor es zu spät ist. Am Anfang steht oft nur die Vision einer besseren Welt. Aber daraus entsteht erst die Kraft, die uns die einzelnen Schritte gehen lässt.
 
Von Bärbel Höhn 
 
Bärbel Höhn ist Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Abgeordnete des Bundestages und Mitglied des Bundesparteirats von Bündnis 90/Die Grünen. Sie war sieben Jahre lang stellvertretende Fraktionsvorsitzende und als solche zuständig für die Bereiche Umwelt, Energie, Verbraucherschutz, Landwirtschaft, Tierschutz, Bauen und Verkehr. Als Diplom-Mathematikerin bereicherte sie darüber hinaus als wissenschaftliche Mitarbeiterin die Universität Duisburg.

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 29.05.2015

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