Die Zukunft ist weiblich

Warum wir ein "weicheres" Management brauchen, um harte Herausforderungen zu knacken und eine nachhaltige Wirtschaft aufzubauen.

Als Mann über weibliche Führungskräfte schreiben? Im Jahr des 100. Weltfrauentages? Ja, das ist reizvoll und sinnvoll zugleich. Als einer, der sich seit 25 Jahren mit Nachhaltigkeit und Zukunft beschäftigt, ist es mir längst schon klar: Die Zukunft ist weiblich. Die Führung und die Weitsicht und die Aufsicht übrigens auch. Keine Angst, ich werde nicht ideologisch. Mir geht es um ganz pragmatische Dinge. Um eine gute Wirtschaft, um "Gute Geschäfte", wie Franz Alt sein letztes Buch betitelt hat, und um eine gute Zukunft für möglichst Viele.

Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in der Führungsebene sind wirtschaftlich erfolgreicher.
Foto: © Konstantin Gastmann, pixelio.de
Vor einer Woche hörte ich ein Radiofeature über Kaiserin Maria Theresia. Sie bescherte der Donaumonarchie von 1740 bis 1780 vierzig blühende Jahre mit Reformen, Wohlstand und relativem Frieden. Sie selbst hätte nie einen Krieg angezettelt. Sie war der Meinung: "Was für ein abscheuliches Geschäft ist doch der Krieg. Er ist gegen die Menschlichkeit und gegen das Glück." Doch Friedrich II. von Preußen dachte, als die 23-Jährige völlig unvorbereitet den Thron in Wien bestieg, sie wäre eine leichte Beute. Aus dem Nichts okkupierte er Schlesien, damals unter der Herrschaft der Habsburger. Der Preuße, der nur kurz vor Maria Theresia die Regentschaft angetreten hatte, bekannte später: "Beim Tod meines Vaters fand ich ganz Europa in Frieden. Ich war im Besitz schlagfertiger Truppen, eines gut gefüllten Staatsschatzes und von lebhaftem Temperament. Das waren die Gründe, die mich zum Kriege mit Österreich bewogen. Der Ehrgeiz, mein Vorteil, der Wunsch mir einen Namen zu machen, gaben den Ausschlag - und der Krieg ward beschlossen." Ganz anders die Prinzipien, nach denen Maria Theresia agierte: "Wir leben in dieser Welt, um unseren Mitmenschen Gutes zu tun. Denn wir sind nicht für uns selbst da, oder gar nur um uns zu amüsieren." Und weiter: "Nichts fällt schwer, wenn man wahrhaft liebt und seine Pflicht kennt, es ist das einzige Mittel, glücklich und zufrieden zu werden." Liebe auf der einen Seite, Krieg, Egoismus und Aggression auf der anderen. Bloßer Zufall? Oder sagt es nicht doch etwas über die prinzipielle Disposition der beiden Geschlechter?

Nachhaltig bis in die siebte Generation
Natürlich sind Mann und Frau heute nicht so schwarz-weiß typisierbar wie in diesem historischen Beispiel. Fakt bleibt aber, dass die rund 14.400 Kriege der Menschheitsgeschichte mit rund 3,5 Milliarden Toten fast ausnahmslos von Männern angezettelt wurden. Und wirft man nur einen Blick in die geltende Sprache der Wirtschaft mit dem dort oft herrschenden Kriegsvokabular, möchte man fast glauben, Unternehmen seien die modernen Armeen, die auf den Schlachtfeldern der Märkte operieren. Viele agieren wie im Casino, wo schnell einmal "Milliarden verzockt" werden. Frauen gehen da meist sorgsamer mit Leben, Ressourcen und Materie um. Nicht von ungefähr kommt dieses Wort von "mater", der Mutter. In vielen traditionellen Kulturen der Welt gelten Frauen und Kinder als "heilig", weil sie ganz real die Zukunft repräsentieren sowie die Gebärfähigkeit für neues Leben. Im Kreis von acht Chiefs der Chayenne saß immer mindestens eine Frau, die alle Entscheidungen aus der Perspektive traf, ob das Resultat auch für die siebente künftige Generation noch gut sei. Also ein Entscheidungshorizont von sicher mehr als 100 Jahren. Kein Wunder, dass Quartalspläne mit Bonuszahlungen, die sich nur am schnellen Gewinn orientieren, zum Sargnagel jeder langfristigen Nachhaltigkeit werden können.

Stichwort Nachhaltigkeit: Das Wort ist ein Urdeutsches. Geprägt wurde es von Hans Carl von Carlowitz in der kursächsischen Forstverordnung von 1713. Bald feiern wir also 300 Jahre "Nachhaltigkeit". Die Erkenntnis war einfach: Es darf nicht mehr abgeholzt werden als wieder aufgeforstet wird. Dieses Prinzip lässt sich einfach auf die Gesamtwirtschaft übertragen: Derzeit betreibt die Wirtschaft mit uns als Konsumenten einen Raubbau, der sicherlich keine sieben Generationen mehr aufrecht zu erhalten sein wird.

Eiserne Ladys brachen das Eis
Faktum ist: So gut wie alle großen Konzerne der Welt werden von Männern geleitet. Außer in Skandinavien ist in Europa in den jeweils 100 führenden Unternehmen maximal jeder 20. Vorstand oder CEO weiblich. Diese männliche Dominanz mag vielleicht in der Vergangenheit ihren Sinn gehabt haben. Für die Herausforderungen der Zukunft ist sie aber absolut kontraproduktiv. Und ein längeres Festhalten ausschließlich an monetären Zielen wird unseren Planeten und unsere Gesellschaft ruinieren.

Ein hoher Frauenanteil in den Führungsetagen stärkt Unternehmen. Dies belegt eine Studie von McKinsey: In Kooperation mit dem "Women's Forum for the Economy & Society" wurde herausgefunden, dass die Unternehmen, in denen am meisten Frauen in der obersten Führungsebene vertreten sind, am erfolgreichsten sind - sowohl in organisatorischer als auch in finanzieller Hinsicht.
Insofern mag das Bonmot stimmen: Mit Lehman Sisters wäre das Finanzschlamassel der Lehman Brothers und damit der Auftakt der globalen Finanzkrise vermutlich nicht geschehen.

Sicherlich: Jeder kennt auch einen umgänglichen Vorstand und irgendwo eine allzu toughe Frau am Ruder. "Eisbrecher" nennt DDr. Gabriele Lehner (s. Interview) diesen Typus von weiblichen Führungskräften der ersten Generation: Sie mussten eiserne Ladys spielen, um sich im rauen Klima der Top-Entscheider behaupten zu können. Aber nun kommt die zweite Generation, die genau jene Qualifikationen mitbringt, die künftig entscheidend sein werden. Oft werden diese Faktoren als "weich" tituliert, obwohl es in Wirklichkeit gerade die harten Nüsse sind, an denen Unternehmen mehr und mehr scheitern. Geht es doch darum, neue Werte zu etablieren und alle Beteiligten, alle Stakeholder eines Unternehmens einzubeziehen, nicht nur die Shareholder. Aus dem Gegeneinander gilt es ein Miteinander zu machen, aus dem Ich ein Wir.

Weiblicher - oder gar nicht
BioFach in Nürnberg: 2.544 Aussteller, 44.592 Fachbesucher. Die größte Biomesse ihrer Art weltweit. Was auffällt: Überdurchschnittlich viele dieser Firmen wurden von Frauen gegründet und aufgebaut. Sie sind nicht minder erfolgreich als Männer. Dass hier Planet, People & Profit nachhaltig gesehen und behandelt werden, ist oberstes Prinzip.

Die Wirtschaft der Zukunft wird nachhaltig sein - oder gar nicht mehr. Und die Wirtschaft der Zukunft wird weiblicher sein - oder gar nicht mehr. Es ist höchste Zeit, dass der Homo sapiens seinem Namen Ehre macht und nicht in die Annalen eingeht als aggressive, selbstzerstörerische und weltzerstörerische Spezies. Wir stehen gerade am Entscheidungspunkt.
 
 
Von Christoph Santner
 
Im Profil
Christoph Santner ist als Autor, Redner und Berater seit 25 Jahren auf Zukunft und Nachhaltigkeit spezialisiert.
Für forum Nachhaltig Wirtschaften berichtet er über zukunftsweisende Projekte und Themen.
c.santner@nachhaltigwirtschaften.net

Quelle:
Wirtschaft | Führung & Personal, 19.01.2012
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2011 - Stadt der Zukunft erschienen.
     
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