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Christoph Quarch

Urlaub machen, wo die Feuerwehr im Dauereinsatz ist?

Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die verheerenden Brände in Südeuropa und jetzt auch Schottland

Unermüdlich ringen die Feuerwehrleute im Südwesten Frankreich mit einer beispiellosen Feuersbrunst, vor der Hunderttausende evakuiert werden mussten und die schon ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legte. Auch Spanien kämpft seit Wochen mit Waldbränden. Auf der griechischen Insel Paros mussten die Einwohner an den Strand fliehen, um den Flammen zu entkommen. Und selbst im vermeintlich feuchten Schottland brennt der Arthur's Seat bei Edinburgh. Und das alles mitten in der Ferienzeit - in Regionen, wo man eigentlich zum Urlaub hinfährt. Aber geht das noch? Muss man nicht von Orten fernbleiben, an denen die Menschen ganz andere Sorgen haben? Wie gehen wir um mit den Bränden in Europa? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
 
© Marcus Kauffman, unsplash.com 
Herr Quarch, darf man Urlaub machen, wo die Feuerwehr im Dauereinsatz ist? 
Nun ja, die französische Regierung hat darum gebeten, die von den Bränden betroffenen Urlaubsregionen großräumig zu meiden. Ich denke, das sollte man respektieren. Nicht nur, weil Touristen im Zweifelsfall wichtige Straßen blockieren und zusätzlich Mühe bei den Evakuierungen machen; sondern vor allem, weil sie eine Haltung mitbringen, die in Situationen wie diesen absolut fehl am Platze ist. Es gab da ein Bild im Internet, von einem Touristenpaar auf einer Strandliege, die eine gigantische Feuerwand betrachten. Das verrät sehr viel darüber, wie sich der Tourist - als Archetyp gedacht - zur Welt verhält: Er schaut sich die Dinge an, macht ein Foto und fährt dann weiter zu einem anderen Strand, wo es nicht brennt. Angesichts des Feuers sagt er noch: "Gott, wie furchtbar", aber was er sieht, das berührt ihn nicht. Er bleibt in seiner eigenen Bubble – symbolisch im Camper – und sieht zu, dass es ihm gutgeht. Aber diese Haltung können wir uns angesichts der Feuer in Europa nicht länger leisten.

Ist das nicht eine etwas einseitige Beschreibung von Touristen? Es gibt darunter doch auch hilfsbereite und empathische Menschen.
Schon, deshalb sage ich ja auch: der Tourist als Archetyp - als Symbol für eine Haltung, die sich immer mehr ausbreitet und die uns langsam um die Ohren fliegt. Ein anderes Beispiel dafür. Unser Tourist sitzt vor seinem Wohnmobil, guckt in die Landschaft und sagt: "Überall hässliche Windräder. Windmühlen der Schande. Weg damit!" Und dann fährt er weiter. Worum es mir dabei geht: Da lässt sich jemand nicht ein auf die Wirklichkeit, in der er unterwegs ist. Er bleibt nur bei sich, bei seinen Vorurteilen, und macht sich nicht die Mühe, nachzudenken, warum hier Windräder stehen und was das mit ihm und seinem Verhalten zu tun hat. Er ist ja im Urlaub, er tut was für sich. Er fragt nicht danach, was die anderen brauchen. So tuckern viele Menschen durchs Leben, ignorieren alles, was ihnen zu denken geben müsste, richten sich ein in ihrer Komfortzone und wählen rechte Parteien.

Aber das könnte auch damit zu tun haben, dass sich die Menschen - oder Ihr archetypischer Tourist - ohnmächtig fühlen und sich irgendwie vor der grausamen Realität schützen wollen.
Ja, das ist eine psychologische Erklärung, aber die hilft uns nicht weiter - weil sie am Ende zu einer Vogelstrauß-Taktik führt: Kopf in den Sand und hoffen das alles gut geht. Aber es wird nicht gut gehen, wenn wir nicht aufblicken und unser Verhalten und unser Denken ändern. 

Und wie soll das gehen?
Sie wissen ja, dass ich mich viel mit griechischen Mythen beschäftige. Zu unserem Thema gibt es etwas Passendes: den Mythos von Prometheus. Das war der Typ, der den Göttern das Feuer entwendete und den Menschen gab. Warum? Weil er sich an Zeus rächen wollte. Er nutzte das Feuer für seinen persönlichen Rachefeldzug, indem er die Menschen lehrte, dieses mächtige Element für sich zu nutzen: für ihre Technik, für ihre Maschinen - für alles, was ihnen Macht über Mensch und Natur gibt. Prometheus - "der nach vorne denkt" - wusste, dass es auf diese Weise zu dem kommen würde, was die Griechen Ekpyrrhosis nannten: den Weltenbrand, der alles Leben tilgt und die Herrschaft des Zeus beendet, weil Feuer in den Händen derer, die nach Macht gieren, Verderben bringt. Genauso ist es gekommen: immer mehr CO-Emission, immer wärmere Meere, im heißere Sommer. Der Klimawandel ist in vollem Gange, auch wenn man ihn gerne totschweigen möchte.

Hm, haben die alten Mythen einen Vorschlag, wie man dem Weltenbrand noch entkommen kann?
Ja, deshalb erzähle ich davon. Prometheus bekam von Zeus die Höchststrafe und wurde an den Kaukasus geschmiedet. Wichtiger aber ist, dass die Griechen einen anderen Feuergott hatten: Hephaistos, den Schmied und Kunsthandwerker. Der nutzte das Feuer nicht, um endlose Macht- oder Rachegelüste zu befriedigen, sondern um Schönes zu verfertigen. Anders als der maßlose prometheische Mensch hat Hephaistos einen maßvollen Umgang mit dem Feuer - weil er das Schöne liebt. Liebt! Verstehen sie! Der hephaistische Mensch ist kein Tourist, der um sich kreist und sich nicht berühren lässt, sondern er sieht die Schönheit in der Welt und duldet es nicht, die Gefahr zu ignorieren. Diese Haltung ist möglich. Aber sie setzt voraus, das wir hinschauen und uns berühren lassen von dem, was geschieht anstatt ignorant durch das Leben zu tuckern.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum future economy. © Christoph Quarch
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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