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Christoph Quarch

Keine Zeit für Kinder und Zukunft

Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut

Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch. Und das wird nicht besser, wenn man auf die Bildung blickt. Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik - wobei laut nationalem Bildungsbericht aktuell rund 64.000 Schüler sogar ohne jeden Abschluss bleiben. Was ist hier los? Wie kann es sein, dass angesichts dieser Zahlen in Berlin nicht sämtliche Alarmglocken klingeln? Sind uns unsere Kinder so wenig wert? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autor Christoph Quarch.
 
Wenn wir unsere Kinder vernachlässigen, ist das für Christoph Quarch ein Zeichen dafür, dass unser Verhältnis zur Zukunft gestört ist. © enchanted tools, unsplash.com Herr Quarch, warum haben es Kinder bei uns so schwer? 
Was Sie erwähnt haben, sind in meinen Augen Symptome dessen, was ich ein fehlerhaftes Mental Operating System nenne. Das heißt: Wir haben nicht nur ein Problem mit Kindern, sondern ein mentales Problem, und zwar mit der Zeit. Kinder sind Zukunft. Wenn wir unsere Kinder vernachlässigen, ist das ein Zeichen dafür, dass unser Verhältnis zur Zukunft gestört ist. Vielen erscheint die Zukunft als etwas Bedrohliches. Dabei denke ich nicht so sehr an diejenigen, die das Damoklesschwert des Klimawandels über sich spüren - denn das sind meist diejenigen, die sich für Kinder engagieren. Nein, ich denke an diejenigen, die Zukunft ablehnen, die Wandel ablehnen, die wollen, dass sich nichts ändert. Ich denke an die Senioren, die mir erzählen, sie seien froh, dass sie alt sind und sich nicht mehr um die Zukunft kümmern müssen. Klar, diese Leute haben nicht mehr viel Zukunft, aber was sollen Kinder und Jugendliche, die viel Zukunft vor sich haben, denken, wenn sie so etwas hören?

Aber wir werden doch dauernd traktiert mit Zukunftsverheißungen und Prognosen. Die Futurologen haben Hochkonjunktur. Da kann man doch nicht sagen, dass uns die Zukunft per se gleichgültig sei.
Vielleicht nicht gleichgültig, aber zweitrangig. Die Zukunft ist für uns nur relevant, sofern sie in greifbarer Nähe liegt: der nächste Urlaub, die nächsten Quartalszahlen, das Investment. Viel wichtiger ist die Gegenwart. Denn sie ist es, die sich ökonomisch nutzbar machen lässt. Jetzt und hier sind Sie als Konsument gefragt, jetzt und hier wird Ihre Aufmerksamkeit verwertet. Eine konsumgetriebene Ökonomie bindet die Menschen "an den Pflock des Augenblicks", um eine Formulierung von Nietzsche zu verwenden. Der Augenblick soll hier und jetzt durch Konsum vermarktet werden - darin ist weder Platz für Vergangenheit noch für Zukunft. Die Zeit schrumpft zusammen auf Events und Erlebnisse - und zwar des Subjekts. Wir sind so damit beschäftigt, unsere subjektive Gegenwart zu nutzen, dass für Kinder und Zukunft keine Zeit mehr bleibt; vor allem bei denen, die keine eigenen Kinder haben.

Was Sie beschreiben, ist aber doch kein spezifisch deutsches Thema. Wie wollen Sie mit Ihrer Theorie erklären, dass gerade Deutschland im europäischen Vergleich so schlecht abschneidet?
Ich vermute, das hat mit dem langen Schatten unserer Vergangenheit zu tun. Die Resultate der Kindswohl-Studien waren vor 2020 viel besser. Seit Covid aber hat sich das Klima in Deutschland verändert. Was sich politisch als Rechtsruck beschreiben lässt, spiegelt sich mentalitätsgeschichtlich in der rückläufigen Bereitschaft, sich mit der deutschen Vergangenheit zu befassen - weder mit der Nazi-Zeit noch mit der SED-Zeit. Wer die Vergangenheit ausblendet, verliert aber die Zukunft. Man kreist nur noch um die eigene Gegenwart, die eigene Befindlichkeit, die eigene Unzufriedenheit. Diese inzwischen weit verbreitete Ich-Fokussierung zerrüttet unsere Gesellschaft nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen - also nicht nur hier und jetzt, sondern auch im Blick auf künftige Generationen.

Der deutsche UNICEF-Chef Christian Schneider fordert, die Bundesregierung müsse Kinderarmut wirksamer bekämpfen und gezielt in benachteiligte Kinder investieren. Wird das helfen?
Ja, aber das kann nur die erste Hilfe sein. Das Problem steckt tiefer - tief in der kollektiven Mentalität eines größer werdenden Teils der Bevölkerung, der nicht mehr bereit ist, Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder zu übernehmen - der, egal ob ausgesprochen oder nicht, meint, keine Zeit dafür zu haben. Was auch stimmt, denn wer immer nur um sich kreist, verliert tatsächlich die Zeit - und zwar die ganze Zeit: Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart; was die Unzufriedenheit immer weiter steigert. Aus dieser Spirale der Ich-Fokussierung herauszukommen ist schwer. Politik kann da nur beschränkt helfen. Denn wer sich für Kinder einsetzt, muss damit rechnen, abgewatscht zu werden. Trotzdem muss es dringend geschehen. Denn wenn die Politik nicht jetzt damit anfängt, das Wohl der Kinder in den Fokus zu nehmen, setzt sie unser aller Zukunft aufs Spiel. 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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