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Christoph Quarch

Mut und Zuversicht im neuen Jahr

Christoph Quarch identifiziert Wohlwollen und Freundlichkeit als Voraussetzung für Beherztheit und Courage

Und wieder liegt ein neues Jahr vor uns. Und wieder fragen wir uns: Was wird das Jahr bringen? Wird es wieder ein Jahr der Krisen, Kriege und Katastrophen? Und wird es ein Jahr der Aufbrüche, Anfänge, Veränderungen? Oder beides? Irgendwie liegt das immer auch an uns - an der Haltung, mit der wir dieses neue Jahr beginnen: ob mit Mut und Zuversicht, oder mit Resignation und Hoffnungslosigkeit. Die meisten tendieren wahrscheinlich zu Mut und Zuversicht. Fragt sich nur, woher man eine solche, eher optimistische Haltung nehmen soll; und woran sie sich festmachen kann. Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
 
© sweetlouise, pixabay.comHerr Quarch, wozu würden Sie als Philosoph gerne unsere Hörerinnen und Hörer im neuen Jahr ermutigen wollen?
Dazu fällt mir ein vielzitiertes Wort von Immanuel Kant ein: „Sapere aude! Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Genau das ist es, was Philosophen sich wünschen: Dass die Menschen wieder mehr selbständig denken, dass sie aus dem Gefängnis ihrer Vorureile ausbrechen – dass sie aus ihrer mentalen Komfortzone herausfinden, neue Wege gehen, Veränderung zulassen, Innovation ermöglichen. All das, was unserer Gesellschaft gegenwärtig fehlt. Allerdings wissen Philosophen auch, wie schwer das ist. Platon hat für den Aufbruch aus der mentalen Bequemlichkeit ein starkes Bild gefunden. Er beschreibt das Gefängnis der Denkgewohnheiten als Höhle und stellt dar, wie sehr sich die Menschen dagegen sträuben, aus dieser warmen Düsternis ihrer Gedankenlosigkeit in die Freiheit des Denkens geführt zu werden. Den Mut, diesen Weg trotzdem zu gehen - das ist es, was ich uns für 2026 wünsche.

Platons Bild legt nahe, dass man aus der mentalen Komfortzone nicht alleine herausfindet, sondern Menschen braucht, die einen dabei unterstützen. Wer soll das sein? Kann man sich nicht auch aus eigenen Stücken seines Verstandes bedienen, wie Kant forderte?
In Platons Verständnis braucht es für ein freies Denken so etwas wie Bildung. Sie hat die Aufgabe, Menschen darin zu unterstützen, aus dem Gefängnis ihrer Denkgewohnheiten aufzubrechen. Aber Platon weiß auch, dass das nur gelingt, wenn die Menschen den Mut dazu aufbringen. Und da liegt das eigentliche Problem: Woher soll der Mut kommen - dieser Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Man kann ihn nicht herbeidenken. Es ist auch keine Sache des Willens. Das wissen wir alle: Du willst abnehmen, aber findest nicht den Mut dazu, deine Essgewohnheiten zu ändern. Du willst deinen Job wechseln, aber findest nicht den Mut dazu, die Kündigung einzureichen. Mut ist keine Sache des Denkens, sondern eine Sache des Fühlens. Deshalb heißt Mut auf Englisch courage und auf Französisch courage – hergeleitet vom lateinischen cor, Herz. Mutig ist, wer beherzt ist. Mut ist eine Herzensangelegenheit.

Dann müsste es eigentlich heißen: Wage es, dich deines eigenen Herzens zu bedienen – wobei "Herz" eher metaphorisch zu verstehen ist als Sitz der Gefühle, der Herzlichkeit und Beherztheit?
Ja, alle alten Kulturen haben den Mut in der Brust verortet – im Gemüt, wie man früher sagte. Dazu passt, dass Platon sein Bild vom Aufbruch aus der geistigen Komfortzone an anderer Stelle ergänzt, indem er erklärt, was im Herzen eines Menschen geschehen muss, damit er den Mut zur Veränderung findet; welche Energie dafür entfesselt werden muss. Als Grieche nennt er diese Herzensenergie Eros. Ich würde es übersetzen mit: Leidenschaftliche Begeisterung für etwas. Man versteht sofort, was gemeint ist: Wenn du wirklich für etwas brennst, begeistert bist – wenn du dich in etwas oder jemanden verliebst: dann wachsen in dir Mut, Beherztheit, Courage. Dann bist du bereit, über deine Grenzen zu gehen. Willentlich schaffst du das nicht. Aber mit der Kraft der Begeisterung ist es möglich.

Aber woher soll diese Kraft der Begeisterung kommen? Sie sagen ja selbst, dass man sie nicht willentlich herbeidenken oder erzwingen kann.
Begeistert werde ich immer von etwas, das mich anspricht, das mich im Herzen berührt und für etwas brennen lässt. Dieses "für" ist entscheidend. Wenn ich immer nur "gegen" etwas bin, komme ich nie in die Begeisterung. Dann ändere ich mich auch nicht. Dann verharre ich in meiner geistigen Komfortzone und nörgele an allem rum. Schlimmstenfalls artet das aus in Hass oder Missgunst – das genaue Gegenteil von Herzlichkeit. Beherzte Menschen setzen sich für etwas ein, setzen sich für andere ein. Ihre Grundhaltung sind Wohlwollen und Freundlichkeit. Und dahin kommt man, wenn man bereit ist, sich im Herzen berühren zu lassen; was aber vielen Menschen so schwerfällt, weil es viel bequemer ist, herzlos an allem rumzunörgeln. Aber das bringt weder einen selbst noch unsere Gesellschaft voran. 

Also, was ist zu tun? Hätten Sie einen Vorschlag?
Sich berührbar machen. Zum Beispiel beim Medienkonsum. Man muss ja nicht immer Gewalt, Angst und Schrecken konsumieren. Warum nicht mal eine Geschichte, die von Wohlwollen und Freundlichkeit erzählt. Ich habe auch gleich den passenden Tipp dazu: Die wunderbare Serie "Der Doktor und das liebe Vieh". Läuft gerade in der ARD Mediathek - als Herztherapeutikum und Mutmacher perfekt. Und das ohne Risiken und Nebenwirkungen!

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


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