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Christoph Quarch

Eine Zeit der "Sinnfinsternis"

Ein Blick auf die neuen Zahlen zur Kindswohlgefährdung macht auch den Philosophen Christoph Quarch sprachlos

Es sind verstörende Zahlen, die das Statistische Bundesamt in dieser Woche vorgelegt hat: Noch nie sind von den Jugendämtern so viele Fälle von Kindswohlgefährdung registriert worden, wie im vergangenen Jahr. Insgesamt 73.000 Meldungen seien eingegangen, 30 Prozent mehr als noch vor 5 Jahren. Besonders alarmierend: Bei mehr als der Hälfte der Fälle stellten die Behörden Anzeichen von Vernachlässigung fest, bei einem Drittel Hinweise auf körperliche Misshandlung und sexuelle Gewalt. Angesichts dessen stellt sich die Frage: Wie kann das sein? Was ist mit unserer Gesellschaft passiert, dass ausgerechnet die Jüngsten und Wehrlosesten so oft Gewalt und Vernachlässigung ausgesetzt sind? Vielleicht kann die Philosophie uns eine Antwort geben.
 
Kindswohlgefährdung gibt es in allen sozialen Schichten. © mirkosajkov, pixabay.com Herr Quarch, können Sie als Philosoph sich einen Reim darauf machen, warum die Zahl der Kindswohlgefährdung so in die Höhe schnellt?
Ehrlich gesagt machen mich die von Ihnen genannten Zahlen ziemlich sprachlos. Das hat sicher damit zu tun, dass ich mir als Vater schlechterdings nicht vorstellen kann, was in einem Menschen vorgeht, der seine Kinder vernachlässigt, schlägt oder gar missbraucht. Da komme ich kognitiv einfach nicht hin. Aus dieser Not heraus, habe ich eine Bekannte, die professionell mit diesen Themen zu tun hat, gefragt, wie sie sich den Anstieg der Kindswohlgefährdung erklärt. Ihre Antwort hat mich überrascht. Sie sagte: Das hat damit zu tun, dass die Schulen in Deutschland seit 2022 verpflichtet sind, Schutzprogramme aufzusetzen, dank derer viele Fälle ans Licht gebracht werden, die sonst totgeschwiegen würden. Das soll das Problem in keiner Weise relativieren. Im Gegenteil: Das Ausmaß der Katastrophe wird jetzt erst richtig sichtbar.

Dass die Fälle von Kindswohlgefährdung besser erfasst werden, mag den Anstieg der gemeldeten Fälle erklären. Es erklärt aber nicht, warum es überhaupt so häufig zu Vernachlässigung oder Gewalt gegen Kinder kommt. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Soweit ich sehen kann, gibt es für Kindswohlgefährdung keine einfache Erklärung, sondern mehrere Faktoren, die in unterschiedlichen Fällen unterschiedlich gewichtet sind: Eine Rolle spielt die Überlastung oder Überforderung von Eltern, die aus finanziellen, gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht in der Lage sind, sich angemessen um ihre Kinder zu kümmern. Allerdings wäre es ein Irrtum zu glauben, Kindswohlgefährdung gäbe es nur in prekären Verhältnissen. Das ist nicht so. Es kommt in allen sozialen Schichten vor, ebenso wie häusliche Gewalt überall zu finden ist. Und das ist ein zweiter Faktor: Wo häusliche Gewalt ist, da sind auch die Kinder in Gefahr. Und zwar meistens durch die Väter. Der dritte Faktor ist ein, wie ich finde, dramatischer Anstieg männlicher Gewalt sowohl gegen Frauen als auch gegen Kinder.

Aber das verschiebt ja nur die Frage. Jetzt müssen wir klären, welche Gründe zu dem Zuwachs männlicher Gewalt führen. Haben Sie eine Antwort?
In meinen Augen ist die Zunahme männlicher Aggression und Gewalt eine Art Krebsgeschwür am Körper unserer Gesellschaft. Damit meine ich: Sie ist ein Symptom für eine mentale und psychische Pathologie, die dadurch befeuert wird, wie wir unsere Gesellschaft organisieren, was wir konsumieren, woran wir glauben. Vor allem letzteres. Der Philosoph Terry Eagelton hat gesagt, wie leben in einer Zeit der "Sinnfinsternis". Wir haben keine klare Idee mehr davon, was ein gutes Leben ist. In dieser Dunkelheit bzw. in diesem Vakuum wuchert dasjenige, was Nietzsche den „Willen zur Macht" nannte. Und genau davon sind so viele Männer befallen. Anstatt ihr Leben einer sinnvollen Aufgabe zu widmen, gieren sie nach Macht - oder Geld, was im Kern dasselbe ist. Und weil sie gleichzeitig bequem sind, leben sie diese Machtgelüste an den Schwächeren und Schwächsten aus: den Frauen und Kindern - oder den Migranten.

Nietzsche hielt den Willen zur Macht für eine Grundkonstante des Menschen. Hat es diese Machtgier nicht zu allen Zeiten gegeben?
Ich glaube nicht. Die Tendenz dazu vermutlich schon, aber in früheren Gesellschaften gab es kulturelle Instrumente, mit denen der Willen zur Macht eingedämmt wurde. Die Religionen spielten dabei eine nicht unerhebliche Rolle, obgleich man sagen muss, dass ihre Exponenten oft ebenfalls von einer pathologischen Machtgier ergriffen waren - siehe Missbrauchsfälle; vielleicht, weil der Hunger nach Macht besonders groß ist, wo man einen Allmächtigen anbetet. Aber neben den Religionen gab es immer auch weltliche Leitplanken, die relativ klar definierten, was sich gehört und was nicht. Dieses Ethos wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Vielleicht lebte man nicht immer danach, aber es gab immerhin einen gesellschaftlichen Konsens darüber. Genau den haben wir nicht mehr. Vermutlich, weil die Parallelgesellschaft der Social Media hier zersetzend wirkt. Ganz ehrlich: Wie wir aus diesem Schlamassel wieder herauskommen, weiß auch der Philosoph nicht.   

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


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