Christoph Quarch
Lifestyle | Gesundheit & Wellness, 29.01.2026
Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben. Rund 20 Arbeitstage war der Durchschnittsarbeitnehmer im vergangenen Jahr krank gemeldet - ein Ärgernis aus Sicht derer, die von der arbeitenden Bevölkerung mehr Leistung erwarten und den Verdacht äußern, ein möglicher Grund für die hohen Krankenstände könne der Missbrauch der telefonischen Krankmeldung sein. Angesichts dessen fragt man sich, wo genau das Problem liegt: Sind wir immer öfter krank? Fühlen wir uns immer öfter krank? Fällt es uns immer schwerer, mit Unwohlsein umzugehen? Der Philosoph Christoph Quarch unterrichtet unter anderem angehende Mediziner und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang auch mit solchen Fragen.
Herr Quarch, wo genau hört "gesund" auf und wo genau fängt "krank" an?
Ich möchte diese Frage mit einem Zitat beantworten. Es stammt von dem großen, oft verkannten Philosophen Carl Valentin, der einmal sagte: "Gar net krank is' au' net g'sund". Was er damit sagen wollte, liegt auf der Hand: Zu einem normalen Leben gehören gelegentliche Unpässlichkeiten dazu. Als Wesen aus Fleisch und Blut unterliegen wir der Fragilität und Verletzlichkeit unseres Körpers. Das ist, wenn man so will, der Preis, den wir dafür entrichten müssen, dass wir lebendig sind. Und das ist gut so. Denn unser Körper weiß oft besser als unser Ego, was gut für uns ist. Wenn er zuweilen auf "krank" schaltet, sind wir gut beraten, das zu akzeptieren und als Wink darauf zu deuten, dass wir etwas in unserem Leben ändern sollten. Anders gesagt: "Krank" werden, kann eine sehr gesunde Reaktion unseres Körpers sein.Was Sie da sagen, lässt vermuten, dass "krank" und "gesund" ziemlich unscharfe Konzepte sind. Wer legt eigentlich fest, was Krankheit und was Gesundheit ist?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit als "den Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens". Das klingt plausibel, ist aber ziemlich abstrakt. Eine bessere Definition verdanke ich meinem Lehrer Hans-Georg Gadamer. Er hat gesagt: "Gesundheit ist das, was man nicht bemerkt." Anders gesagt, gesund sind wir dann, wenn wir uns keine Gedanken über unsere Gesundheit machen. Wenn wir diese Spur verfolgen, kommen wir zu dem Ergebnis, dass Gesundheit ein Konstrukt ist, das rückgekoppelt bleibt an die subjektive Wahrnehmung einerseits und gesellschaftliche Faktoren andererseits. Genauso verhält es sich mit Krankheit. Es gibt dafür ein historisches Beispiel. Im 19. Jahrhundert wurde vielen Frauen "Hysterie" diagnostiziert. Diese Krankheit ist inzwischen verschwunden. Nicht weil ein Virus ausgerottet wäre, sondern weil die vermeintlichen Symptome nicht mehr als krankhaft eingestuft werden.
Das mag ja sein, aber es gibt doch auch so etwas wie harte Kriterien. Wenn meine Körpertemperatur mehr als 38 Grad beträgt, habe ich Fieber. Wenn ein bösartiger Tumor diagnostiziert wird, habe ich Krebs - egal ob ich mich dabei krank fühle oder nicht.
Klar, daran ist nicht zu rütteln. Es gibt einen Unterschied zwischen Krankheit und Krankheitsempfinden. Es gibt Menschen, die fühlen sich ständig krank, obwohl es keine objektiven mess- oder feststellbaren Indizien dafür gibt, dass sie wirklich krank sind. Umgekehrt gibt Menschen, die nach Maßgabe objektiver Befunde ernstlich erkrankt sind, aber nicht nichts davon wissen wollen oder sich dessen nicht bewusst sind. Manche reden sich krank, andere reden sich gesund. Genau das macht vielen Ärzten das Leben schwer. Denn es widerspräche dem professionellen ärztlichen Ethos, jemandem, der sich krank fühlt, zu sagen: "Tut mir leid, Sie sind nicht krank. Machen Sie sich gefälligst vom Acker." Nein, ein erfahrener Arzt weiß, dass er nicht nur die objektiv ermittelbaren Symptome seiner Patienten behandeln muss, sondern auch deren subjektive Selbstwahrnehmung.
Aber dann wäre ja doch jeder krank, der sich krank fühlt? Wenn das wirklich zutrifft, dürfte es ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen sein, die Krankenstände reduzieren zu wollen.
Sagen wir mal so: Ich halte es für illusorisch zu glauben, man könne die Krankenstände senken, indem man die telefonische Krankschreibung abschafft. Kein seriöser Arzt wird Menschen, die sie sich krank fühlen, die Krankschreibung verweigern. Zielführender wäre es, für ein anderes Mindset zu werben - zum Beispiel deutlich zu machen, dass Unpässlichkeit nicht gleichbedeutend ist mit Arbeitsunfähigkeit. Ich meine: Freiberufler wissen das. Sie neigen dazu, diese Demarkationslinie zwischen "arbeitsfähig" und "arbeitsunfähig" immer weiter von sich weg zu schieben - was auch nicht immer gut ist. Worauf es wirklich ankommt, ist die Stärkung der Resilienz. Und das beginnt bei der inneren Einstellung. Hier ist unsere Gesellschaft gefragt. Ich glaube, wir täten gut daran, über so etwas wie Gesundheitszentren nachzudenken, die Menschen darin unterstützen, eine gesunde und resiliente Lebensweise einzuüben. Unser Gesundheitswesen ist auf Krankheit fokussiert. Das geht auf Dauer nicht gut.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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