Christoph Quarch
Umwelt | Naturschutz, 01.02.2026
Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden. Naturschützer sind davon weniger begeistert. Sie halten das bestehende Recht für ausreichend und sträuben sich dagegen, das Jagdgesetz zu ändern. Am Ende geht es um eine ethische Frage: Sicherheit für die Landwirtschaft oder Naturschutz für die Wildnis - was ist wichtiger? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, wie stark darf der Mensch für seine Zwecke in die Natur eingreifen?Wenn es nach Philosophen René Descartes ginge, sind dem Menschen dabei keine Grenzen gesetzt. Er war es, der schon 1637 die These vortrug, der Mensch sei befugt, sich als "maître et possesseur de la nature" - als Herr und Meister über die Natur - die Erde untertan zu machen. Das war neu. Jahrhunderte früher hatte die griechische Philosophie das Gegenteil gelehrt: Zen katà phýsin - Leben im Einklang mit der Natur galt als die Formel für das gute Leben. Das heißt nicht, dass man nicht auch damals das Land bestellte, Wälder abholzte und Tiere jagte; aber bei alledem begegnete man der Tier- und Pflanzenwelt mit Ehrfurcht und Respekt. Inzwischen hat sich unsere Wertordnung verschoben. Für uns steht der ökonomische Nutzen an oberster Stelle. Sonst käme man nicht auf die Idee, dass Tiere sterben müssen, wenn sie der Landwirtschaft schaden. Ich finde das bedenklich, denn eigentlich wissen wir alle, dass ein rein ökonomisches Denken mehr schadet als nützt.
Der Baden-württembergische Agrarminister Peter Hauck argumentiert aber durchaus nicht ökonomisch. Er sagt: Wölfe, die wiederholt Nutztiere reißen, gefährden die Biodiversität, und müssten deshalb bejagt werden.
Ich finde dieses Argument fadenscheinig. Wenn man wirklich etwas für die Biodiversität tun wollte, müsste man als erstes Jagd auf Hauskatzen machen, die ganze Populationen von Nagetieren und Singvögeln ausrotten. Aber an dieses Thema wagt sich niemand ran. Für die Politik ist der Wolf viel attraktiver. Er ist ja kein Tier wie jedes andere, sondern so etwas wie der Archetypus der bedrohlichen Wildnis. Wer ihn bekämpft, kann behaupten, etwas für die Sicherheit zu tun - und damit ein Bedürfnis vieler Zeitgenossen zu adressieren. Dass der Wolf de facto nur für ein paar Schafe eine Bedrohung darstellt, ist nebensächlich. Er ist das Wilde, das zurückgedrängt werden muss. Genau da sehe ich das eigentliche Problem. Wir Menschen der Gegenwart sind nicht mehr bereit, das Wilde zulassen. Wir wollen alles im Griff haben und kontrollieren. Aber genau dadurch nehmen wir uns die Lebendigkeit.
Nun sind Biber und Saatkrähe doch eher friedliche Tiere. Sind es hier nicht doch eher rationale ökonomische Gründe, die dafürsprechen, sie konsequenter zu bejagen?
Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Um der Sicherheit willen die Wildnis zurückzudrängen, ist ein ökonomisches Projekt. Nichts hassen Unternehmer, Landwirte und Fabrikanten mehr als Unsicherheit. Sie brauchen eine planbare Welt. Deswegen fahren sie auch so auf KI ab. Aber das Leben ist nicht planbar - und die Wildnis schon mal gar nicht. Und genau deshalb ist sie unersetzlich: Das wilde Leben ist schöpferisch und kreativ. Stets erfindet es Neues. Alles in ihm ist auf Vielfalt, Diversität, Individualität und Freiheit angelegt: "All good things are wild and free", sagte Henry David Thoreau mit Recht. Wir wissen heute, dass sich das Leben nur entfaltet, wenn man es bis zu einem gewissen Grad wild sein lässt; und dass der Kontrollwahn des neuzeitlichen Menschen am Ende immer neue Toträume schafft: innen und außen.
Das mag sein, aber es spricht doch nicht grundsätzlich dagegen, Jagd auf Tiere zu machen. Sie sagen selbst: "bis zu einem gewissen Grad". Wird dieser Grad nicht dadurch definiert, dass die Forstwirtschaft manche Tiere bejagen muss, um Überpopulation zu bekämpfen und andere Arten zu schützen?
Ja, das ist so. Deshalb gibt es ja die Abschussraten für Wildtiere. Das geht nicht anders, weil es in unseren Breiten überhaupt keine Wildnis mehr gibt, die sich - wie ein Regenwald - selbst regulieren könnte. Wir haben uns so breit gemacht, dass wir regulativ in die Natur eingreifen müssen. Ich sehe, dass die Forstämter in Deutschland dabei viel Sorgfalt walten lassen und die Balance zwischen Naturschutz und Ökonomie weitestgehend wahren. Die größten Gegner der Forstämter sind deshalb meistens gerade nicht die Naturschützer, sondern - wie jetzt bei Biber, Wolf und Krähe - die konventionellen Landwirte, die bärbeißig daran festhalten, die Natur zu ihren Gunsten beherrschen zu müssen; ob nun bei Glyphosat oder den Abschussrechten. Hier muss dringend ein Umdenken stattfinden. Nicht aus moralischen, sondern aus praktischen Gründen, weil der Schuss auf die Natur am Ende immer nach hinten losgeht.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Wie sieht eine "Wahre Wirtschaft" aus?
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
21
MÄR
2026
MÄR
2026
Erneuerbare - rund um die Uhr (nutzen)
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI), 20.-21.03.2026
84524 Neuötting
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI), 20.-21.03.2026
84524 Neuötting
21
APR
2026
APR
2026
08
JUN
2026
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
LOHAS & Ethischer Konsum
"All You Need is Love"Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Jetzt auf forum:
forum future economy Sonderausgabe Circular Economy
Intelligenz und Resilienz statt Abhängigkeit
Sondervermögen: Das 11 Milliarden-Potenzial des Klima- und Transformationsfonds (KTF)
Klimaziele 2030 und 2040 werden deutlich verfehlt



















