Christoph Quarch
Gesellschaft | Megatrends, 18.02.2026
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom. Diese Storys machen den Zauber Olympias aus. Was ihn jedoch trübt, sind die sich häufenden Geschichten von Hass und Hetze gegen Sportlerinnen und Sportler, die sich fernab der Kameras in den Social Media-Kanälen ausbreiten. Mit dem friedlichen Geist der olympischen Spiele hat das nichts mehr zu tun. Woran liegt das? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, wie erklären Sie sich, dass immer mehr Sportler über unqualifizierte Kommentare auf ihren Social Media-Seiten klagen?Wie so oft kommen auch hier mehrere Faktoren zusammen. Zum einen habe ich den Eindruck, dass das in unserer Gesellschaft verbreitete kompetitive Denken immer stärker in den Sport hineingetragen wird. "Dabei sein" ist eben nicht mehr alles. Für manche Top-Sportler ist schon Bronze eine Enttäuschung. Sinnbildlich für diese Fixierung aufs Gewinnen ist für mich die von Ihnen erwähnte Lindsey Vonn, die wider alle Vernunft Leib und Leben riskierte, um noch einmal oben auf dem Treppchen zu stehen. Es hat einen hohen Symbolwert, dass sie damit scheiterte. Aber es sind nicht nur die Sportler. Auch die Medien müssen sich einer Selbstkritik unterziehen. Da wird zum Beispiel nach dem unglücklichen Ausscheiden der Slalom-Läuferin Lena Dürr getitelt: "Dürr schmeißt Medaille weg." Als ob sie vorsätzlich am ersten Tor eingefädelt wäre. So ein Wording gießt Öl in das Feuer von Hass und Hetze.
Dass Sportlerinnen und Sportler ehrgeizig sind und gewinnen wollen, ist nicht neu. Dass Medien sich im Ton vergreifen, gibt es auch schon länger. Aber das erklärt doch nicht, warum im Netz so viel Gehässigkeit kursiert.
Das ist richtig. Und ich glaube, das hat etwas mit dem Medium selbst zu tun. Überall im digitalen Raum werden Nutzer eingeladen, ihre Meinungen kundzutun, Bewertungen abzugeben, zu liken usw. Aber nirgends werden sie dafür zu Rechenschaft gezogen. Du sonderst einen Post ab – und dann müssen die Adressanten halt zusehen, wie sie damit klarkommen; wenn sie nicht, wie bei Olympia, durch eine KI geschützt werden, die das Übelste herausfiltert. Diese Dynamik scheint mir das Problem zu sein: Durch die digitale Kommunikation haben wir uns antrainiert, ungefragt unsere Wertungen auszuposaunen und uns aus sicherer Entfernung über andere zu stellen. So wenig ich das nachempfinden kann, so viel Freude scheint vielen Menschen dieses verbale Heckschützen-Gehabe zu bereiten.
Aber warum richtet sich das immer häufiger gegen Sportlerinnen und Sportler? Haben Sie dafür eine Erklärung?
Wenn man sich anhört, was genau die Athletinnen und Athleten sich da anhören müssen, bekommt man eine Ahnung möglicher Motive. Doppel-Silbermedaillengewinnerin Emma Aicher zum Beispiel bekam zu lesen, sie sei eine Blamage für Deutschland. Das ist sicher kein Zufall. In einer Zeit des Wiederauflebens nationalistischer oder - wie rechte Politiker lieber sagen - patriotischer Ideologien, scheinen immer mehr Menschen dazu zu neigen, Sportlerinnen und Sportler nicht als Menschen, sondern als Repräsentanten der Nation zu sehen, mit der sie sich in Ermangelung einer eigenen stabilen Persönlichkeit identifizieren. Wer so tickt, erlebt einen vierten Platz als persönliche Demütigung, der er dann auf Social Media Luft macht. Für mich ist das eine giftige Frucht des politischen Rechtsrucks, den wir derzeit erleiden.
Könnten olympische Spiele nicht aber dem etwas entgegensetzen? So waren sie ja ursprünglich gemeint: als ein Fest, bei dem die Jugend der Welt für Völkerverständigung und Frieden wirbt.
Unbedingt, und zum Glück geschieht das ja auch. Ich denke an Minerva Hase, die Bronzegewinnerin im Eiskunstlauf, die sich vor dem japanischen Siegerpaar verneigte und ohne Anflug von Neid oder Missgunst deren Goldkür rühmte. Das sind die Momente, die wir sehen wollen. Da leuchtet etwas von menschlicher Größe auf - viel mehr als bei einer Lindsey Vonn die noch im Krankenhaus von ihrem Comeback schwadroniert. Nein, diese menschlichen Gesten sind es, die Olympia so kostbar machen, auf die sollten wir die mediale Aufmerksamkeit fokussieren - und vielleicht mal Frau Hase eine Dankesnachricht schicken. Wir sollten den Fokus wechseln, das ist das Entscheidende. Und die Berichterstattung sollte damit beginnen. Dann wird es hoffentlich auch in den Social Media wieder leiser - zur Not mit dem KI-Filter.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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