Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 21.01.2026
Hinterzimmer in Davos
Christoph Quarchs Plädoyer für das persönliche Gespräch ohne Zuschauer als Königsdisziplin der Diplomatie
Alle Welt schaut dieser Tag nach Davos. Staatschefs, Wirtschaftskapitäne, Aktivisten - alle pilgern sie in die verschneiten Schweizer Berge, um beim Weltwirtschaftsforum über die Geschicke der Welt zu beraten. Was dort auf der großen Bühne geschieht, erfährt die Welt in Echtzeit - ob das Getrampel des US-Präsidenten oder die coole Performance des sonnenbebrillten französischen Staatschefs. Die eigentliche Musik aber spielt, wenn man den Auskünften der Teilnehmer folgt, jenseits der Kameras: in den Hinterzimmern und bei den Kamingesprächen. Die einen schätzen die Intimität der Vieraugengespräche, die anderen bemängeln jedoch die fehlende Transparenz und fürchten Klüngelei und Vetterleswirtschaft. Was soll man davon halten? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, was hält der Philosoph davon, wenn in Davos die Geschicke der Welt mit einem Drink in der Hand am Kaminfeuer diskutiert werden?Grundsätzlich begrüße ich das. Wenn Menschen einander physisch begegnen, sich in die Augen schauen und ihre Präsenz spüren, sind andere Begegnungen möglich als bei digitalen Besprechungen. Eigentlich wissen wir das alle. Aber für diejenigen, die es nicht glauben wollen, gibt es eine aktuelle Studie, die wissenschaftlich erklärt, warum das so ist: Anders als bei physischen Gesprächen können sich im Video-Call die Gehirnwellen der Gesprächsführenden nicht synchronisieren. Das führt zu Konzentrationsschwäche und geistiger Trägheit, der sogenannten Zoom-Fatigue, Zoom-Müdigkeit. Bei älteren Herrschaften - mit denen wir es in der Politik bedauerlicherweise oft zu tun haben - ist das besonders ausgeprägt. Deshalb ist die leibhaftige Begegnung in jedem Fall besser - selbst wenn man es mit dem leibhaftigen ... US-Präsidenten zu tun hat.
Aber muss das unbedingt im Hinterzimmer stattfinden? Könnte man nicht auch vor laufenden Kameras persönliche Gespräche führen und damit jeden Verdacht auf Klüngelei ausräumen?
Nein, ich glaube nicht, dass das möglich ist. Ich meine: Klüngelei ausräumen schon, aber persönliche Gespräche führen nicht. Diese Erkenntnis verdanke ich dem Philosophen Martin Buber, der viel darüber nachgedacht hat, unter welchen Voraussetzungen Gespräche gelingen. Er unterscheidet zwei mögliche Haltungen, mit denen wir einander begegnen: Wir können einen Gesprächspartner als ein Gegenüber ansehen, das uns etwas zu sagen hat, was wir so noch nicht kannten. Oder wir können ihn als einen Gegenstand behandeln, den wir uns nutzbar machen wollen. Wenn wir uns so verhalten, ist ein echtes Gespräch unmöglich. Echte Gespräche, sagt Buber, gelingen nur, wenn Menschen sich dabei in die Augen schauen und durch nichts und niemanden ablenken lassen. Das geht nur ohne Zuschauer. Deshalb überwiegen die Vorteile des Kamingesprächs die Nachteile der Intransparenz.
Sie sagen, es gebe so etwas wie "echte Gespräche" im Gegensatz zu "falschen" Gesprächen. Was genau macht den Unterschied?
Mein Lehrer, Hans-Georg Gadamer, sagte immer: Ein Gespräch ist gelungen, wenn die Gesprächsteilnehmer am Ende nicht mehr dieselben sind, die sie waren, als das Gespräch begann. Gute oder echte Gespräche haben eine transformative Kraft. Wenn Menschen wirklich einander zuhören und bereit sind, ehrliche und authentische Antworten zu geben, entsteht zwischen ihnen ein kreativer Raum, in dem etwas Neues entdeckt werden kann, z. B. die bisher übersehene Möglichkeit, einen Konflikt zu lösen; oder man bekommt ein Gespür für das, worum es dem Gegenüber geht, auch wenn er es bislang nicht zum Ausdruck brachte. Für all das braucht es Zeit, Ruhe und Intimität. Ohne diese Randbedingungen sind solche konstruktiven Gespräche unmöglich. Deshalb gilt das Vier-Augen-Gespräch in der Kunst der Diplomatie von jeher - buchstäblich – als Königsdisziplin.
Wenn ich mir einige Protagonisten auf der Davoser Bühne anschaue, wage ich allerdings zu bezweifeln, ob sie über die von Ihnen genannten kommunikativen Kompetenzen wie Ehrlichkeit, Zuhören oder Empathie verfügen. Müssen wir nicht doch befürchten, dass im Hinterzimmer keine "echten" Gespräche stattfinden, sondern in Wahrheit die miesen Deals gemacht werden?
Okay, diese Sorge teile ich, möchte ihr aber ein "trotzdem" entgegensetzen: Trotzdem sollte man so lange am Format des Kamingespräch festhalten, wie Menschen und nicht Künstliche Intelligenzen miteinander reden. Denn Menschen sind unberechenbar und man sollte nie die Möglichkeit ausschließen, dass zwischen ihnen etwas Unvorhergesehenes geschieht. Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Aber der Effekt, der dabei entstehen könnten - denken wir etwa an die Ukraine oder an Grönland -, ist so groß und für so viele Menschen wichtig, dass es auf jeden Fall lohnt, den Versuch des Vier-Augen-Gesprächs zu wagen; und unsere Angst vor Intransparenz und Kontrollverlust einmal hintanzustellen.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
"All You Need is Love"
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?
Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026 ist erschienen
- Geopolitische Spannungen, Aufrüstung und Unsicherheit prägen Märkte und Investitionsentscheidungen wie lange nicht. Die neue Ausgabe von forum future economy setzt bewusst einen Kontrapunkt: Sie gibt Stimmen Raum, die für Diplomatie, Deeskalation und zivile Lösungen eintreten – weil wirtschaftliche Stabilität ohne Frieden nicht denkbar ist.
Kaufen...
Abonnieren...
10
MÄR
2026
MÄR
2026
Rechtliche Aspekte der Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft zwischen Green Deal und Praxis
kostenfreies Webinar
Kreislaufwirtschaft zwischen Green Deal und Praxis
kostenfreies Webinar
11
MÄR
2026
MÄR
2026
Circular Valley Convention 2026
Gestalten Sie mit uns die Zukunft der Kreislaufwirtschaft - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
40474 Düsseldorf
Gestalten Sie mit uns die Zukunft der Kreislaufwirtschaft - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
40474 Düsseldorf
21
APR
2026
APR
2026
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Gesundheit & Wellness
Krankheit und GesundheitChristoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Jetzt auf forum:
Was würde eigentlich stillstehen?
Industrial Accelerator Act: Dekarbonisierung als Sicherheitsstrategie
Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2026, 22./23. April, Berlin
Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen



















