Christoph Quarch
Technik | Digitalisierung, 31.01.2023
Halten Sie sich für schlauer als ChatGPT?
Christoph Quarch sieht die Gefahr, die kulturellen Errungenschaften von 3000 Jahren auf dem Altar des Money-Making zu opfern.
Seit November des vergangenen Jahres ist der Chatbot Chat GPT schon im Einsatz, doch erst jetzt dämmert der Öffentlichkeit, was passiert ist: eine Künstliche Intelligenz schreibt selbständig Aufsätze, beantwortet Fragen, löst Aufgaben – und das auf eine Weise, die das menschliche Schreiben annährend perfekt nachahmt. Nun aber hat sich herumgesprochen, was ChatGPT zu leisten vermag – und die Reaktionen reichen von Entsetzen bis zu Begeisterung. Die einen wittern einen Meilenstein in der Entwicklung künstlicher Intelligenzen, die anderen fürchten einen Niedergang der Kultur. Wohin wird die Reise gehen? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, Sie haben schon etliche Bücher und Artikel geschrieben, fürchten Sie durch Chat GPT arbeitslos zu werden?
Ganz frei bin ich nicht von dieser Sorge, denn ich gehe davon aus, dass Chat GPT nur der Anfang einer Entwicklung ist, auf die man bald schon zurückschauen wird, wie wir heute auf Floppy Discs zurückblicken. Und ich mag mir nicht ausmalen, mit welchen Fluten künstlich generierter Texte wir in ein paar Jahren überrollt werden. Keiner wird mehr unterscheiden können, was von Menschen und was von Maschinen geschrieben wurde. Es wird auch keinen mehr interessieren, wenn die Texte nützlich, unterhaltsam und vor allem billig sind – wenn sie also auf dem Markt reüssieren. Philosophische Texte erfüllen diese Kriterien selten. Das hängt damit zusammen, dass sie eine andere Intelligenz erfordern als diejenige, die ein Chatbot simulieren kann. Das heißt, Sie halten sich für schlauer als ChatGPT?
Das hängt davon ab, wie man „schlau" definiert. Eine KI kann virtuos Daten verarbeiten. Da kann kein Mensch mithalten. Aber eine KI kann nicht ermessen, was der Sinn dieser Daten ist. Sie kann sie nicht verstehen. Verstehen bedeutet, etwas auf die eigene Lebenswirklichkeit zu beziehen, die unausweichlich durch das Faktum des Todes geprägt ist: Was ist gut, wenn das Leben endlich ist? Diese Frage kann eine Künstliche Intelligenz nicht stellen. Sie kann von Menschen gegebene Antworten reproduzieren und variieren, aber sie kommt nicht auf diese Frage. Und darauf kommt es in der Philosophie an: Fragen stellen. Dafür hat die deutsche Sprache ein schönes Wort. Es heißt: denken. Und da liegt die Gefahr: ChatGPT suggeriert, er könne uns das Denken abnehmen, indem er Texte für uns schreibt.
Aber könnte die KI nicht dadurch, dass sie uns von lästigen Schreibaufgaben befreit, mehr Zeit fürs Denken schaffen? Vielleicht wird es künftig mehr Leute geben, die sich Gedanken machen, wenn ihnen ChatGPT die Weihnachtspost abnimmt.
Wir wissen aus der Neurolinguistik, dass die Sprache so etwas ist wie das Betriebssystem des Denkens. Sprachfähigkeit ist die Grundvoraussetzung für eigenständiges Denken. Die Sprachfähigkeit aber wird zu einem guten Teil durch das Schreiben von Texten geschult. Wenn wir – und unsere jungen Leute – nicht mehr schreiben, laufen wir Gefahr, das Medium unseres Denkens verkümmern zu lassen. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, die Welt in ihrer Komplexität wahrzunehmen. Wir können dann nicht mehr zur Sprache bringen, was uns bewegt und umtreibt. Wir verstummen und die Welt wird flach. Vor allem bleibt die Urteilskraft auf der Strecke. Ich kann mir sehr gut eine KI-gesteuerte Autokratie vorstellen, in der niemand mehr schreiben und denken muss. Eine Demokratie ohne denkende Menschen aber ist unmöglich. Deshalb halte ich ChatGPT für eine große Gefahr.
Die KI wurde entwickelt von dem Unternehmen OpenAI. Ursprünglich war das eine gemeinnützige Firma. Dann stieg Microsoft ein – und mit ihm die Gewinnorientierung. Heute ist OpenAI eines der wertvollsten Start-Ups der Welt. Wird irgendjemand diese Entwicklungen aufhalten können?
Nein. Hier ist so viel Geld im Spiel, dass sich keine Regierung und kein Gesetzgeber dieser Entwicklung entgegenstellen kann. Ich finde, man sollte es in aller Klarheit aussprechen: Wir laufen Gefahr, die kulturellen Errungenschaften von 3000 Jahren auf dem Altar des Money-Making zu opfern. Meine einzige Hoffnung ist, dass es zu einer Umkehr-Reaktion kommt und der KI-Schuss nach hinten losgeht. Beispiel: Schulen und Hochschulen haben jetzt schon damit zu kämpfen, dass künstlich generierte Hausaufgaben oder Prüfungstexte vorgelegt werden. Die Reaktion ist zwingend: das Ende der Hausarbeit. Auch ich werde künftig mündlich prüfen. So kehrt das gesprochene Wort überraschend zurück ins Bildungswesen – und mit ihm vielleicht sogar die Fähigkeit … zu denken.
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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