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Christoph Quarch

Innovation und Kreativität brauchen Spielräume

Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen

... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen. Warum ist das eigentlich so? Und wie können wir unsere Frühlingsgefühle in eine gute Richtung lenken? Philosophen machen sich auch darüber Gedanken. Vielleicht nicht alle, aber einige. Zu denen gehört auch der Bestseller-Autor Christoph Quarch.
 
© dewdrop157, pixabay.comHerr Quarch, wie begrüßt ein Philosoph den Frühling?
Also, ich bin ja mit einer Schwäbin verheiratet, und deshalb wird es Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen sage: Das Erste, was bei mir im Frühjahr ansteht, ist der Frühjahrsputz. Zwar auch so, wie Sie jetzt vielleicht denken, aber nicht nur so. Bei mir geht es eher um den geistigen Frühjahrsputz. Das heißt: Der Kopf wird kräftig durchgelüftet. Ich nehme quasi die darin rumliegenden Gedanken in die Hand. Manche werden abgestaubt, manche werden neu sortiert, andere kommen auf den Müll. Vor allem geht es darum, Platz für Neues zu schaffen, denn das habe ich inzwischen gelernt. Innovation und Kreativität brauchen Spielräume: Ohne das kann man keine neue Gedanken durchspielen. Für mich ist der Frühling immer eine sehr kreative Zeit.

Gut, da haben Sie den Frühjahrsputz jetzt metaphorisch umgedeutet. Aber meinen Sie, dass die jahreszeitlichen Veränderungen dieses mentale Aufräumen tatsächlich unterstützen, oder wäre das auch im Herbst möglich?
Nein, nein, ich bin überzeugt, dass der Frühling die perfekte Zeit dafür ist. Denn was passiert in dieser Jahreszeit? Das Leben kehrt zurück. Überall blüht es, keimt es, sprießt es. Die Natur feiert ein großes Fest. Und da wir ein Teil der Natur sind, feiern wir mit. Zumindest unsere Hormone und unsere Biochemie. Im Frühling ist alles auf Neubeginn gestellt - und das wirkt sich in allen Dimensionen unseres Lebens aus. Körperlich, klar - aber ebenso auch psychisch und geistig. Nicht umsonst reden wir von Frühlingsgefühlen, und ich würde auch noch das geistige Aufblühen und Sich-Öffnen dazunehmen. Das alles gehört zusammen. Ich glaube, es ist ein großer Irrtum der neuzeitlichen Philosophie, Geist und Natur voneinander zu trennen. Der Frühling zeigt, dass sie zusammengehören.

Sie sagen, im Frühling ist alles auf Neubeginn gestellt. Und das wiederholt sich jedes Jahr. Brauchen wir immer wieder zum Beginn des Jahres eine solche Einladung von Mutter Natur?
Also, wenn ich mir anschaue, was für Müllberge ich da bei meinem geistigen Frühjahrsputz raustrage, dann würde ich sagen: unbedingt. Denn ganz ehrlich: Nicht nur Philosophen häufen übers Jahr eine ganze Menge geistigen Müll an. Unreflektierte Vorteile, die wir von anderen übernommen haben; geistige Stereotype, die wir gebetsmühlenartig wiederholen; mentale Schablonen, in denen wir es uns bequem gemacht haben. Raus damit. Ein Beispiel. Ein guter Freund aus der Klimatechnik hat mir drei Jahre lang die Ohren vollgeheult, wie furchtbar Habecks Heizungsgesetz ist. Jetzt musste er ein Interview zur Neuauflage geben und hat sich erstmals ins Thema eingelesen. Ergebnis: Eigentlich ist Habecks Version viel besser als die neue. Ich bin mir nicht sicher, ob er im Winter auch zu diesem Schluss gekommen wäre.

Es gibt ja aber auch Gedanken und Meinungen, an denen festzuhalten wichtig und richtig sein könnte. Ausmisten kann doch kein Selbstzweck sein, oder?
Klar, da haben Sie Recht. Deshalb sagte ich ja auch: Manches wird abgestaubt und neu einsortiert. Aber ich glaube, dass es wirklich gut ist, einmal im Jahr den Frühlingsschwung zu nutzen, um sich neu zu justieren oder zu sortieren. Leben ist in meinem Verständnis kontinuierliche Veränderung - aber nicht ziellos. Es geht darum, dass wir genau wie die Natur immer wieder aufblühen. Genau das macht unsere Lebendigkeit aus, und das ist es doch, worum es uns allen am Ende geht: wirklich lebendig zu sein. Unsere Anlagen zu entfalten, die zu sein, die wir sein können. Was uns am meisten davon abhält, sind Gewohnheit und Bequemlichkeit. In der Komfortzone verkümmern wir, anstatt zu wachsen. Da müssen wir immer wieder raus, um das Leben zu riechen, zu fühlen und zu schmecken – das, wozu der Frühling uns einlädt.


Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


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