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Christoph Quarch

Überlegen ist, wer Neues wagt

Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit

Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen. Stattdessen neigen wir dazu, Bedenken zu tragen und endlose Debatten zu führen, um zuletzt am scheinbar Altbewährten festzuhalten. Woran liegt das? Und wie könnte man die kollektive Antriebsschwäche überwinden? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autor Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, haben Sie eine Erklärung dafür, warum Deutschland derzeit so innovationsmüde daherkommt?
© Alexandra Koch, pixabay.comWie so oft gibt es auch hier keine einfache Erklärung. Wirtschaftsvertreter und Verbände verweisen gerne auf bürokratische Hindernisse oder fehlendes Risikokapital. Da ist etwas dran, aber gleichzeitig macht man es sich damit zu einfach. Statt sich an die eigene Nase zu fassen, werden andere verantwortlich gemacht. Und genau da liegt das Problem. Es gibt in Deutschland eine Arroganz der früheren Erfolge; besonders weit verbreitet in der Automobilindustrie, die sich jahrzehntelang gegen Elektro-Mobilität gesperrt hat und nun staunt, dass die Gewinne einbrechen. Irgendwie glaubt man dort noch immer, dass die eigene Ingenieurskunst im Weltmaßstab nicht zu toppen ist. Dabei ist gerade die Ingenieursdenke das Kernproblem: Man meint, in Sachen Perfektion allen überlegen zu sein. Aber das stimmt nicht. Überlegen ist, wer Neues wagt.

Neues zu wagen, ist aber immer mit Risiken verbunden - und Risiken sollten minimiert werden, um Unheil zu vermeiden. Innovation um der Innovation willen ist doch keine gute Strategie, oder?
Sicher geht es um das richtige Maß. Aber genau das scheint mir unter der Dominanz der Ingenieursdenke verloren gegangen zu sein. Wir sind zu ängstlich, zu perfektionistisch. Wir wollen keine Fehler machen. Sicher ist das ehrenwert, aber es lähmt die Kreativität, wenn die Bedenkenträger überhand gewinnen. Um in die Zukunft zu kommen, braucht es mehr den Erfindergeist als den Ingenieursgeist. Es braucht die Bereitschaft, mal etwas auszuprobieren. Natürlich nicht auf Teufel komm raus. Aber man kann ja auch kontrollierte Experimente machen, um Erfahrungen zu sammeln, die dann für weitere Schritte hilfreich sind. Das gilt für Unternehmen, aber auch für die Politik. Ich frage mich, warum wir nicht viel öfter mit dem Medium der Zeit operieren; warum wir nicht mal Neuerungen auf Abruf erproben. Also nach dem Motto: Wir machen das jetzt für ein paar Jahre und dann werten wir aus und sehen weiter. Stattdessen diskutieren wir so, als müsse alles in Stein gemeißelt werden.

Hätten Sie ein Beispiel aus der Politik, wie Sie sich Innovation auf Abruf vorstellen?
Nehmen wir das Tempolimit auf Autobahnen. Statt endlose Grundsatzdebatten darüber zu führen, ob so etwas machbar ist, wäre es viel einfacher zu sagen: „Okay, wir machen ein Gesetz, nach dem befristet bis 2030 auf deutschen Autobahnen Tempo 130 gilt; dann sehen wir, welche Effekte das hat und entscheiden, ob wir es auf unbestimmte Zeit verlängern wollen". Oder nehmen wir das Social-Media-Verbot für Jugendliche. Auch das wird zu einer Grundsatzdebatte aufgebauscht, die überhaupt nicht notwendig wäre. Entweder man könnte sich im europäischen Ausland umschauen und die dort gemachten Erfahrungen auswerten - was am einfachsten wäre, wenn uns nicht unsere Arroganz im Wege stünde -, oder wir stellen wenigstens unseren Ingenieursperfektionismus zurück und sagen: „Probieren wir es einfach aus" - von mir aus bis 2028. Danach werden wir schlauer sein.

Aber ist das nicht ein Taschenspielertrick? Befristete Gesetze mögen zwar suggerieren, dass sie wieder einkassiert werden können, aber de facto schafft man doch vollendete Tatsachen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden, wenn sich die Leute erst einmal daran gewöhnt haben.
Das mag sein, aber in der Demokratie ist es ein gültiges Argument, wenn eine große Mehrheit von Menschen in ihrem Alltag feststellt, dass eine Neuerung vielleicht gar nicht so schlimm ist, wie die Bedenkenträger vorher behauptet haben. Natürlich funktioniert das nur, wo es eine unmittelbare Betroffenheit der Menschen gibt. So wäre es zum Beispiel deplatziert, wenn man sagen würde: "Gut, dann lass uns mal ein Mini-AKW ausprobieren". Das geht nicht, weil die möglichen Risiken noch nicht einmal in einem Versuchsspielraum von 100 Jahren ermessen werden könnten. Aber wo Risiken überschaubar sind und sich Effekte auf eine repräsentative und doch überschaubare Zahl von Menschen schnell einstellen, dürfte man etwas experimentierfreudiger sein und sich die Flüchtigkeit der Zeit zunutze machen. 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


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