10. Internationaler Cradle to Cradle Congress 2026
Christoph Quarch

Artemis und Orion

Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann

Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission. Auffällig dabei ist, dass die Verantwortlichen von NASA und ESA bei der Namensgebung ihrer Projekte einen Hang zur griechischen Mythologie zu erkennen geben. Sowohl „Artemis" als auch „Orion" haben dort ihren Ursprung. Was sagt das über diese Mission? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen Christoph Quarch, einem ausgewiesenen Kenner der alten Mythen.

Die Mondoberfläche füllt das Bild mit scharfen Details aus, wie es während des Artemis-II-Mondvorbeiflugs zu sehen war, während im Hintergrund die ferne Erde untergeht. Dieses Bild wurde am 6. April 2026 um 18:41 Uhr EDT aufgenommen, nur drei Minuten bevor das Raumschiff Orion und seine Besatzung hinter den Mond tauchten und für 40 Minuten den Kontakt zur Erde verloren, bevor sie auf der anderen Seite wieder auftauchten. Auf diesem Bild herrscht auf dem dunklen Teil der Erde Nacht, während auf der Tagseite wirbelnde Wolken über der Region Australien und Ozeanien zu sehen sind. Im Vordergrund zeigt der Ohm-Krater terrassierte Ränder und einen relativ flachen Boden, der von zentralen Erhebungen geprägt ist – entstanden, als sich die Oberfläche beim Einschlag, der den Krater schuf, nach oben wölbte. © NASAHerr Quarch, was verrät uns der Name "Artemis" über das aktuelle Programm der NASA?
Folgt man den Verlautbarungen der NASA, dann hat man sich für "Artemis" entschieden, um die Kontinuität zum ersten erfolgreichen Mondprogramm der 1960er und 70er-Jahre sichtbar zu machen. Den damaligen Apollo-Missionen gelangen immerhin sechs Mondlandungen. Im Mythos ist Artemis die Zwillingsschwester des Apollon - allerdings die erstgeborene, so dass die NASA die falsche Reihenfolge gewählt hat; aber sei's drum. Wichtiger war den Verantwortlichen, dass es sich bei Artemis um eine Schwester handelt, denn die neue Mission legt ausdrücklich Wert auf Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion. Deshalb musste ein weiblicher Name her - und was passte da besser als Artemis, zumal diese Göttin immer auch mit dem Mond in Verbindung gebracht wurde.

Aber nicht nur mit dem Mond. Artemis gilt auch als Göttin der Wildnis und der Jagd. Wie passt das zur Mondmission?
Artemis ist eine komplexe Göttin. Um sie zu verstehen, müssen wir fragen, was überhaupt eine griechische Göttin ist. Denn man versteht so lange nichts von diesen Göttern, wie man sie nach Maßgabe des christlichen Gottes denkt. Die Götter der Griechen sind nicht jenseitig. Sie sind zur Gestalt geronnene Erfahrungen von Sinn - Aspekte einer Welt, die die Griechen "Kosmos" nannten: schöne Ordnung. In Artemis verehrten sie die unberührte, wilde Natur - in ihrer Schönheit ebenso wie in ihrer Grausamkeit. Man ahnte, dass dort eine sinnvolle, spielerische, tänzerische, leichtfüßige Intelligenz waltet, die man erfahren und mit der mythopoetischen Imagination zur Gestalt der jungfräulichen Göttin Artemis verdichten konnte. So gesehen passt ihr Name schlecht zu einem Programm, das in die unberührte Sphäre des Mondes einzudringen trachtet. Es sei denn, er soll zu der gebotenen Scheu und Ehrfurcht vor dem jungfräulichen Mond gemahnen. Das scheint mir aber nicht der Fall zu sein.

Die Nähe der Göttin zur Jagd könnte man so lesen, dass sie eine Art Schutzpatron der wissenschaftlichen Neugier ist - wenn Wissenschaft so etwas ist wie die Jagd nach immer neuen Erkenntnissen.
Den Griechen lag diese Idee fern. Auch sie betrieben Wissenschaft. Aber ihnen ging es nicht darum, sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse zum "Herren und Meister über die Natur" zu machen, wie der Philosoph René Descartes zu Beginn der Neuzeit forderte. Die Griechen wollten die Natur nicht beherrschen, sondern verstehen. Sie sahen in ihr etwas Heiliges, das Ehrfurcht gebietet. Genau davon zeugt der Artemiskult. Ja, sie war eine Jägerin, weil die Jagd ein Teil der natürlichen Ordnung ist - aber nur dann, wenn die Jagd nicht, so wie heute, der Ausbeutung der Natur dient, sondern den spielerischen Charakter der Natur wahrt; woran übrigens das englische Wort "game" erinnert, das sowohl "Jagd" als auch "Spiel" bedeutet. Als Schutzpatron eines Programms, das sich den Mond untertan machen will, taugt die spielerische Artemis also in keiner Weise.

Wie steht es denn um Orion, den Namensgeber der Raumkapsel? Auch der war ein mythischer Jäger - und stand obendrein schon bei der legendären Serie "Raumschiff Orion" Pate. Darin ging es nun wirklich um wissenschaftliche Neugier und Entdeckerfreude.
Der Name "Orion" passt für die NASA-Mission tatsächlich besser als Artemis. Wobei Orion im Mythos nicht nur ein Jäger ist, sondern auch ein Vergewaltiger, der sich an Merope, der Tochter des Königs von Chios verging. Im übertragenen Sinne heißt das: Orion ist einer, der sich die jungfräuliche Natur gewaltsam aneignen will. So gesehen passt er denkbar schlecht zu Artemis, die auch als Beschützerin der jungfräulichen Mädchen verehrt wurde. Dazu passend erzählte man sich, dass Artemis den Orion mit ihren Pfeilen erlegte, als er sich gewaltsam ihrer Gefährtin Outis nähern wollte. Ich weiß nicht, ob die NASA-Leute diese Mythen kennen. Ich würde sie jedenfalls als Warnung deuten: als Warnung davor, sich in maskuliner Hybris gewaltsam nun auch noch außerirdischer Natur bemächtigen zu wollen; als ob es nicht schlimm genug wäre, dass wir mit dieser Haltung gerade unsere Erde verbrennen.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.


Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.


Wer an die Sonnenfinsternis glaubt, kann den Klimawandel nicht leugnen
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen.


Urlaub machen, wo die Feuerwehr im Dauereinsatz ist?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die verheerenden Brände in Südeuropa und jetzt auch Schottland
Unermüdlich ringen die Feuerwehrleute im Südwesten Frankreich mit einer beispiellosen Feuersbrunst, vor der Hunderttausende evakuiert werden mussten und die schon ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legte. Auch Spanien kämpft seit Wochen mit Waldbränden. Auf der griechischen Insel Paros mussten die Einwohner an den Strand fliehen, um den Flammen zu entkommen.


Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Frau Reiche – es reicht!

forum 03/2026

  • Resilienz
  • Klimafinanzierung
  • Wald
  • Startups
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
25
AUG
2026
16. windWERT 2026 - MehrWertschöpfung aus Wind
Wir vernetzen die Erneuerbare-Energien-Branche!
24103 Kiel
23
SEP
2026
BootCamp Impact Business Design
Zertifizierter Impact Business Design Master
Berlin
06
OKT
2026
Zertifizierter ESG Reporting Professional
Fit für CSRD, ESRS & Co. – ESG-Reporting souverän meistern
Online-Lehrgang in vier Modulen
Alle Veranstaltungen...
Zertifizierter ESG Reporting Professional. Fit für CSRS & Co. - ESG-Reporting souverän meistern.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Digitalisierung

Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

"Wirtschaftliche und gesundheitliche Schäden sind viel zu hoch"

Entscheiden Sie jetzt bewusst: Haut und Gelenke gezielt unterstützen

Bergwaldprojekt launcht nachhaltige KI-Plattform aim2balance.ai

Hitzeschutz ohne Verfassungsänderung

Racing for Charity: ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft

Zahl des Monats: 1/6

Jetzt geht es Schlag auf Schlag

Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?

B.A.U.M. Insights
  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • TÜV SÜD Akademie
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • NOW Partners Foundation
  • SUSTAYNR GmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • 66 seconds for the future
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • ZamWirken e.V.
  • WWF Deutschland
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen