Christoph Quarch
Technik | Digitalisierung, 30.03.2026
Neues "Mental Operating System" für Social Media und Ki-Systeme
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen - von der ökonomischen Verwertung der Nutzerdaten, unzureichend bekämpfter Desinformation und mangelhafter Steuerbereitschaft ganz zu schweigen. Kein Wunder also, dass in Europa der Ruf nach digitaler Souveränität und Unabhängigkeit lauter wird. Aber werden wir unsere Gesellschaft wirklich dadurch schützen können, dass wir europäische Social-Media-Kanäle oder europäische KI-Systeme einführen? Sind womöglich gar nicht die Anbieter, sondern das Medium selbst das Problem? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch, der seit über einem Jahrzehnt an tragfähigen Antworten auf neue Technologien arbeitet.
Herr Quarch, ist digitale Souveränität auch aus philosophischer Sicht das Gebot der Stunde?Ja, und es ist erschütternd, wie lange wir in Deutschland und Europa gebraucht haben, um uns dessen bewusst zu werden. Dabei liegt auf der Hand, dass zunächst durch das World Wide Web, dann durch Social Media und jetzt durch KI mitten in unserer physisch-analogen Welt ein ganz neuer Welt- und Lebensraum entstanden ist, den man nicht einfach unreguliertem Wildwuchs überlassen kann. Wobei: Wenn darin wirklich Wildwuchs herrschte, wäre es vielleicht nicht so schlimm wie jetzt, da dieser Raum der totalen Ausbeutung durch einige wenige US-amerikanische Tech-Giganten überlassen wird. Dabei verwende ich den Begriff "total" bewusst, denn es geht nicht nur um ökonomische Ausbeutung, sondern auch um die mentale und psychische Ausbeutung der Nutzer, die in Erschöpfung, Depression und mentaler Verwirrung gerade bei jungen Menschen immer deutlicher sichtbar wird.
Ist das nicht aber ein Problem, dass mit dem digitalen Medium als solchen zu tun hat? Würde etwas besser werden, wenn wir in Deutschland oder Europa so etwas wie digitale Souveränität hätten? Oder anders gefragt: Müssten wir über Social-Media-Verbot in den Schulen nachdenken, wenn sich die Kinder nicht auf US-amerikanischen, sondern auf europäischen Plattformen aufhielten?
Allein dadurch, dass eine Social-Media Plattform von einem europäischen Anbieter betrieben wird und eine KI in Europa programmiert und mit europäischen Daten gefüttert wird, sind die Probleme nicht behoben; auch nicht dadurch, dass man die Daten auf europäischen Servern speichert und dem Zugriff des Pentagon zu entziehen versucht. Das alles sind die notwendigen Voraussetzungen für digitale Souveränität, die wir unbedingt zeitnah erfüllen sollten. Aber die eigentliche Aufgabe besteht darin, das im Hintergrund von Social Media und KI laufende Betriebssystem auszutauschen - um es in einer Metapher zu sagen. Es ist ja nicht so, dass die Social Media und KI-Anwendungen neutrale Instrumente wären, die man so oder so verwenden kann. In Wahrheit sind sie durch ein Mind-Set kodiert - durch ein Mental Operating System, wie ich das nenne. Die implementierte Denke ist es, die sie so gefährlich macht.
Das müssen Sie uns erklären. Was ist das für ein mentales Betriebssystem, von dem Sie sagen es sei die eigentliche Gefahr?
Es ist ein Mind-Set, das in den USA dominiert und zunehmend sichtbar wird: eine Mischung aus einem libertärem Turbokapitalismus, der sich in der Zunahme von Milliardären zeigt, und dem totalitärem Politikverständnis der MAGA-Bewegung. Diese toxische Verbindung ist entschieden anti-liberal, anti-demokratisch und anti-humanistisch. Der Mensch kommt darin nur als Konsument oder Nutzer vor: als pure Ressource der Ausbeutung zur Maximierung des eigenen Profits bzw. der eigenen Macht. Das schlägt sich nieder in einer Extraktionsökonomie, die gezielt die Nutzer in Abhängigkeit und Isolation stürzt, Rechtsordnungen missachtet und den öffentlichen Raum der Demokratie zerstört. Das heißt: Digitale Souveränität werden wir nur dann haben, wenn wir das US-amerikanische Mental Operating System durch ein europäisches Gegenmodell austauschen.
Wir können uns in Europa doch kaum auf eine gemeinsame EU-Politik verständigen. Wie soll es dann so etwas wie ein europäisches mentales Betriebssystem für Social Media und KI-Systeme geben?
Ich sage nicht, dass wir es hier mit einer einfachen Aufgabe zu tun haben - nur, dass es die größte und wichtigste Aufgabe ist, vor der wir stehen, wenn wir digital souverän werden wollen. Und das müssen wir. Also, was mir vorschwebt, ist eine demokratie- und freiheitsfördernde digitale Architektur. Nicht derjenige Anbieter sollte belohnt werden, der die Nutzer abhängig macht und ihre Aufmerksamkeit ausbeutet - sondern derjenige, der sie in ihrer Freiheit unterstützt und der das Vertrauen der Nutzer genießt. KI-Systeme sollten nicht so programmiert werden, dass wie vortäuschen, für uns Entscheidungen zu treffen - sondern so, dass sie unsere Entscheidungsfähigkeit und Urteilskraft stärken; nicht so, dass sie uns zur Einsamkeit vor dem Monitor verdammen - sondern so, dass sie Dialog und Begegnung erleichtern. Kurz: Wir brauchen eine humane und humanistische KI anstelle der menschenfeindlichen Programme der US-Tech-Giganten.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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