Christoph Quarch
Lifestyle | Sport & Freizeit, Reisen, 21.11.2022
Freiheit, Gemeinschaft, Begeisterung, Leidenschaft, Lebendigkeit - brauchen einen Kontext, der sie zulässt und begünstigt.
Christoph Quarch ist die Lust auf die Fußball-WM vergangen
Es ist soweit: Am Sonntag wird in Katar die Endrunde der 22. Fußballweltmeisterschaft eröffnet. Schon vor dem Anpfiff zum ersten Spiel steht fest: Dieses Turnier wird in die Annalen eingehen. Nicht nur, weil erstmals eine WM in der Vorweihnachtszeit stattfindet und deshalb sämtliche Spielpläne im Profifußball geändert werden mussten. Nicht nur, weil erstmals eine WM in einem arabischen Land stattfindet – sondern vor allem, weil sich nie zuvor eine solche Woge von Kritik und Boykott-Aufrufen gegen eine WM gerichtet hat: Korruption bei der Vergabe, tausende tote Arbeiter auf dem WM-Baustellen, fortwährende Menschenrechtsverletzungen seitens des Gastgeberlandes. Kein Wunder, dass viele Fans hin und her gerissen sind: Anschauen oder Wegschauen? – das ist hier die Frage. Darüber sprechen wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, Sie waren lange aktiver Fußballer. Werden Sie ab Sonntag vorm Fernseher sitzen?
Ganz sicher nicht. Ich muss gestehen, dass ich zur Vorbereitung unseres Gesprächs überhaupt zum ersten Mal in den WM-Spielplan geschaut habe. Sonst standen die wichtigen Spiele schon Monate vorher in meinem Kalender. Jetzt weiß ich nicht mal, wann Deutschland spielt und wer mit uns in einer Gruppe ist. Von daher auch ganz persönlich: eine WM wie keine zuvor – eine, auf die mir schon im Vorfeld die Lust vergangen ist. Und ich weiß, dass es auch vielen anderen so geht. Das ist für mich das eigentlich Alarmierende: Diese WM nimmt selbst eingefleischtesten Fußballfans die Freude am Spiel. Egal wie sie verläuft: Dazu hätte es nicht kommen dürfen.Das mag die Perspektive des Fans sein. Aber ist nicht das „eigentlich Alarmierende", dass Katar die Menschenrechte verletzt und die FIFA die WM unter höchst dubiosen Umständen vergeben hat
Absolut. Deshalb ist mir ja die Lust vergangen. Der ganze Kontext, in dem die WM abgehalten wird, ist toxisch. Dabei denke ich nicht so sehr an die moralischen Implikationen. Darüber ist ohnehin schon alles gesagt worden. Mich treibt um, was aus dem Fußball wird. Und das ist nicht nur eine Frage für Fans, sondern für jeden denkenden Menschen. Denn ob es einem gefällt oder nicht: Fußball ist global gesehen das Kulturphänomen mit der größten Reichweite und dem größten Begeisterungspotenzial – über alle sozialen, kulturelle, religiösen und politischen Grenzen hinweg. Deshalb finde ich gut, dass die WM jetzt in einem arabischen Land stattfindet. Nur fürchte ich, dass sich in einem Land wie Katar der Geist des Fußballspiels nicht entfalten kann.
Dass Fußball viele Menschen begeistert, das kann man nicht bestreiten. Aber was bitte schön ist der „Geist des Fußballspiels", den Sie in Katar gefährdet sehen?
Eben das, was die Menschen daran begeistert und was den Fußball in die Nähe der Religion rückt. Denn schauen Sie: Fußball ist noch immer ein Spiel. Man weiß nie, wie es ausgeht. In einer Welt, die alles berechenbar macht, entzieht es sich der Berechenbarkeit. Darin liegen sein großes Freiheitsversprechen und seine Begeisterungskraft: Immer kann Unerwartetes geschehen, nie Gesehenes sichtbar werden. Daran hängen sich Emotionen, für die unsere ökonomische Welt sonst keinen Platz hat. Ja, vor dem Fußball sind alle gleich. Freiheit, Gemeinschaft, Begeisterung, Leidenschaft, Lebendigkeit: all das wirkt der Geist des Fußballs. Aber all das braucht einen Kontext, der es zulässt und begünstigt. Den wird es aber in Katar nicht geben. Der Fußball droht hier seine spielerische Unschuld zu verlieren. Er wird zur Ware, zum Konsumgut, das man kaufen und handeln kann. Der Schaden, der damit angerichtet wird, ist immens.
Und was machen wir jetzt: Anschauen oder Wegschauen?
Es ist egal. The damage ist done. Der Schaden ist da, der Geist ist gebrochen. Das Ganze wird kein Fest werden, keine Feier eines irgendwie immer noch heiligen Spiels, sondern ein perfekt vermarkteter Event. Wer Lust darauf hat: Bitte. Aber, ich habe sie nicht. Zumal mitten in der Vorweihnachtszeit, wo traditionell ein ganz anderer Geist hingehört. Wer nur ein bisschen empfänglich für diese Dimension des Lebens hat, wird daher vermutlich – so wie ich – den Fernseher auslassen. Auch deshalb – so viel politisch-moralisches Gewissen habe ich dann doch – weil das die einzige Weise ist, wie man den Hauptschuldigen an dem Desaster treffen kann: die FIFA. Denn dieser kriminelle Club ist es, der den Fußball zerstört. Diese Leute brauchen einen echten Denkzettel. Aber, ich muss es sagen: Es kann auch ganz anders kommen: Es kann sein, dass der Fußball trotz allem so hell strahlt, dass ich irgendwann wieder die Glotze anmache. Bei diesem Spiel ist alles möglich.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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