66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Fritz Lietsch

Polypoly

Meine Daten gehören mir

Die Macht hinter dem Datenkapital, das in den Händen amerikanischer Großkonzerne liegt, ist enorm. Daraus ergibt sich eine gefährliche Abhängigkeit europäischer Unternehmen von den US-amerikanischen Riesen. Wir haben bereits Datenkapital in Milliardenhöhe verschenkt. „Wir”, das heißt europäische Unternehmen und auch wir als Bürger und Bürgerinnen in Europa.
 
 © Bart SparnaaijEin Beispiel zeigt die Dramatik: Facebook hat mehr europäische als US-amerikanische Nutzer. Firmen in den USA erzielen Milliarden-Gewinne auf Basis von Nutzerdaten aus Europa. Das Problem auf wirtschaftlicher Ebene? Kapital fließt ab und fehlt damit der europäischen Wirtschaft, den europäischen Ländern und Staaten gehen damit Steuern verloren. Die Nutzung der privaten Daten der europäischen Nutzerinnen bringt diesen zwar Risiken, aber keine geldwerten Vorteile.

Wie wird man Herr seiner Daten?
Die Bereitschaft, etwas daran zu ändern, ist in der Bevölkerung durchaus gegeben und das Thema um die Datensicherheit, sowie der Datennutzung ist präsenter als eh und je. Bisher gab es allerdings noch keinen Lösungsansatz, mit dem Datenkapital zurück nach Europa geholt und bestenfalls die Datenhoheit zurück in die Hände der Bürger gegeben werden könnte.
 
Die Regularien dazu wären da und die DSGVO, die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union, mit der die Regeln zur Verarbeitung personenbezogener Daten durch die meisten Datenverarbeiter, sowohl private wie öffentliche, EU-weit vereinheitlicht werden, ist ein sinnvolles und wichtiges Instrument, um die Marktmacht wieder nach Europa zu holen. Sie hätte das Potenzial, die europäische Alternative zu bilden, die es braucht, um sich gegen internationale Unternehmen durchzusetzen. Doch In der operativen Umsetzung zeigen sich schwer überwindbare Schwächen:
  • DSGVO-konformes Handeln ist für Firmen mit einem enormen Aufwand und hohen Kosten verbunden.
  • Europäische Bürger sind praktisch nicht in der Lage, ihre in der DSGVO festgeschriebenen Rechte durchzusetzen – die Hürden sind sehr hoch, das Verständnis zu gering.
  • Internationale Großkonzerne kalkulieren Verstöße gegen die DSGVO mit ein, sodass Strafen kaum Auswirkungen auf sie und ihr Handeln haben.
Um europäische Bürger zu sensibilisieren und zu motivieren braucht es deshalb mehr als das Thema rund um den Datenschutz. Es braucht monetäre Anreize, einen zusätzlichen Nutzen und ersichtliche Vorteile, sowie eine klare Alternative zu Facebook, Amazon, Google und Co.
 
Schwächen kennen. Lösungen schaffen.
Die bisherige Datenwirtschaft hat weitere Schwächen. Der zentralisierte Ansatz der Datenspeicherung verursacht für Unternehmen enorme Serverkosten und der Druck zur Gewinnmaximierung geht auf Kosten der Nachhaltigkeit. Die polypoly SCE, eine europäische Genossenschaft, möchte all diese Schwächen adressieren, Antworten auf Schwachstellen bieten und einen technologischen Lösungsansatz auf europäischer Ebene liefern. Als erstes wollen die Genossenschaftsgründer das nachhaltige Fundament einer verantwortlichen Datenwirtschaft für den fairen und nachhaltigen Umgang mit Nutzerdaten erstellen. Aus Datenlieferanten ohne jedwedes Mitbestimmungsrecht sollen Miteigentümer mit direktem Einfluss auf die Entwicklung von Alternativen zu Google, Amazon, Facebook und Co werden.
Grundlage dafür soll ein System für bessere, günstige und saubere Datenökonomie mit dezentralisierter Datenspeicherung sein.

Was ist eigentlich so schlimm an...
„Grundsätzlich ist das Geschäft mit dem Kauf und Verkauf von Daten nicht illegal, solange die Eigentümer der Daten dem zugestimmt haben. Allerdings wird oftmals einfach verschwiegen, welche Daten erhoben und wie sie verwendet werden. Daher sind wir uns gar nicht erst bewusst, welche Daten von uns im Internet ihre Kreise ziehen und zu Geld gemacht werden", erklärt Markus Stegfellner, Verwaltungsrat der polypoly SCE. „Zusätzlich findet all das fast ausschließlich außerhalb unseres europäischen Rechtsraums statt", ergänzt Thorsten Dittmar, leitender Direktor der polypoly SCE im Gespräch mit forum. Keine gute Voraussetzung für fairen Wettbewerb.
 
Fast alle Unternehmen, die heute den Großteil der digitalen Benutzerdaten besitzen, befinden sich außerhalb der EU und werden maßgeblich an ausländischen Börsen gehandelt – und das ohne klare Eigentumsrechte. Die europäische Wirtschaft ist so gut wie abgeschnitten von diesen Einnahmequellen und in ihren eigenen Wertschöpfungsketten im hohen Maße abhängig. Es bräuchte daher eine langfristige Lösung für ein neues Datenwirtschaftssystem und saubere Datensätze – zum Wohle der Bürger und Unternehmen.

Auch der Bundesdatenschützer Ulrich Kelber, plädiert dafür, Datenschutz als Chance für neue Geschäftsmodelle zu begreifen. „Das wäre für die digitale Wirtschaft in Europa ein guter Weg", äußerte sich Kelber gegenüber dem Handelsblatt.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es
Junge Firmen mit nachhaltigen Ansätzen, Visionen und neue Geschäftsmodellen: Dies könnte erhebliche Vorteile für die Nachhaltigkeit in diesem Sektor mit sich bringen, nicht nur im ökonomischen Bereich durch das Einsparen hoher Serverkosten, sondern auch durch eine verbesserte Energieeffizienz und einen fairen, transparenten Umgang mit Kunden und Mitarbeiterinnen. Um hier ein Miteinander durch Mitbestimmung zu gewährleisten, hat sich polypoly entschlossen, die Vorteile einer Genossenschaft als Basis eines solchen Geschäftsmodell zu nutzen. „Uns geht es nicht darum, möglichst schnell zu skalieren, den großen Profit zu machen und uns die Taschen vollzustopfen, sondern darum, den größtmöglichen, positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu haben – langfristig", betont Direktor Thorsten Dittmar.

Eine Strategie, die sich mittlerweile viele Start-ups auf die Fahne geschrieben haben. Es geht um das Miteinander, um Vertrauen und darum, etwas Besseres, Nachhaltiges für die Zukunft zu schaffen – Qualität, statt Quantität. „Das klassische Investment zielt darauf ab, aus einer jungen Firma ein Einhorn zu formen, also die Investition in satte Gewinne zu verwandeln, wie zum Beispiel bei dem schwedischen Risikokapitalgeber Creandum, der goldrichtig auf das mittlerweile börsennotierte Unternehmen Spotify setzte. Andere Firmen, die eine Transformation zum millionenschweren Einhorn nicht schaffen, gehen zumeist unter dem erhöhten Druck der Kapitalgeber zugrunde und Investoren drängen schlussendlich auf die Veräußerung von Anteilen", so Dittmar, „das soll bei uns nicht geschehen. Deshalb brauchen wir Gleichgesinnte. Menschen, die an unsere Mission glauben, dasselbe Ziel verfolgen und uns das Vertrauen schenken, das wir brauchen, um unsere Vision Wirklichkeit werden zu lassen."

Die europäische Genossenschaft wurde bereits gegründet. Weitere rechtliche und technische Voraussetzungen einer Genossenschaft mit vielen Millionen Mitgliedern werden innerhalb der nächsten Monate geschaffen. Die polypoly SCE hat sich damit als Ziel gesetzt, die größte Genossenschaft Europas zu werden und durch entschlossenes Handeln die Datenwirtschaft auf ein komplett neues Fundament zu stellen – die Chancen dafür stehen gut.

 Das Datenkapital kehrt zurück nach Europa. Und es handelt sich nicht um 'Peanuts': Daten können ein wesentlicher Bestandteil des persönlichen Einkommens sein – Privatpersonen möchten immer mehr den steigenden Wert ihrer persönlichen Daten nutzen – dieser Datenwert steigt von 220 $ in 2020 auf 1.350 $ in 2030. © Bart Sparnaaij
Die Genossenschaft – ein Ort der Sicherheit
Eine Technologie, die das derzeitige Wirtschaftssystem rund um personenbezogene Daten auf den Kopf stellt? Eine Technologie, die Daten dezentralisiert und sich somit direkt gegen die Wirtschaftsriesen unserer Zeit offen ausspricht? Es dauert nicht lang, bis diese Technologie aufgekauft und zweckentfremdet wird? Berechtigte Fragen, Ängste und Zweifel, auf die polypoly mit der einzig richtigen Entscheidung geantwortet hat: Die Gesellschaftsform einer Genossenschaft.

„Unsere Technologie ist nur so viel wert, wie die Mitglieder, die an sie glauben. Genau aus diesem Grund haben wir ein Genossenschaftsmodell für Europa gewählt. Eine Übernahme der Organisation und der Aufkauf unserer Technologie sind somit ausgeschlossen", erklärt Prof. Sabine Seymour, Vorsitzende des Verwaltungsrates. Als Genossenschaftsmitglied gehört Ihnen ein Teil dieser Technologie und Sie sind nicht nur Nutzer, sondern sogar Besitzer – zusammen mit Millionen anderer Mitglieder." Jedes Mitglied hat damit ein Mitbestimmungsrecht und kann direkten Einfluss auf die weitere Entwicklung nehmen. Genossenschaftsmitglieder können aber auch finanziell direkt und indirekt partizipieren: Wenn Unternehmen personenbezogene Daten nutzen, bekommen die jeweiligen Mitglieder ihren fairen Anteil, werden also für die Informationen, die anhand ihrer Daten erhoben und verwendet werden können, bezahlt. Die polypoly Genossenschaft kümmert sich nach eigenen Angaben um alles, was es dafür braucht – und
das ohne Risiko.

„Unser Vorteil ist klar und deutlich definiert. Wir möchten Besitz und Technologie dort wissen, wo sie hingehören: in den Händen unserer Genossenschaftsmitglieder", verdeutlicht Thorsten Dittmar noch einmal. „Die Mitgliedschaft in einer Genossenschaft hat ausschließlich Vorteile und birgt keine Risiken", erklärt er und zählt die Vorteile am Beispiel von polyply begeistert auf:
  • Ein polypoly-Genossenschaftsanteil kostet lediglich 5€.
  • Genossenschaften sind gesetzlich dazu verpflichtet, Ihren Anteil auszuzahlen, sobald Sie aus der Genossenschaft wieder austreten wollen.
  • Sobald ein Unternehmen mit Ihren persönlichen Daten Geld erwirtschaftet, werden Sie durch die Genossenschaft an den Gewinnen beteiligt.
  • Die Gewinnbeteiligung richtet sich nach Ihren Anteilen an der Genossenschaft – je mehr Anteile, desto höher die Gewinnbeteiligung.
Die Grundvoraussetzung für eine neue, bessere Datenwirtschaft ist also bereits geschaffen – Alles Weitere liegt nun in der Hand derer, die daran glauben, darauf vertrauen und dasselbe Ziel verfolgen: polypoly Genossenschaftsmitglieder und die, die es noch werden wollen.

von Fritz Lietsch

Dieser Artikel ist in forum 03/2020 - Digitalisierung und Marketing 4 Future erschienen.

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