Warum kann ich beim Online-Einkauf nicht nach Nachhaltigkeit sortieren? DU KANNST! Mehr erfahren.
Fritz Lietsch

Zwischen Rollback und Resilienz - In Zeiten regulatorischer Unsicherheit brauchen Unternehmen Orientierung

Pierre-François Thaler, Mitbegründer und Co-CEO von EcoVadis, im forum-Interview

Auf breiter, internationaler Ebene scheint das Thema Nachhaltigkeit im Rückzug. Doch der Schein trügt, denn Nachhaltigkeit wird nur fokussierter und ergebnisorientierter. Im Interview mit Fritz Lietsch erklärt Pierre-François Thaler, Mitbegründer und Co-CEO von EcoVadis, wie sich das Thema gerade neu erfindet.

Pierre-François Thaler, Mitbegründer und Co-CEO von EcoVadis © EcoVadisHerr Thaler, wir hatten im letzten Jahr ein ausführliches Gespräch über die Entwicklung der Nachhaltigkeitsanforderungen, der Regularien und des Reportings. Mittlerweile haben sich globale Rahmenbedingungen verändert – und selbst die EU rudert zurück. Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Umfeld in den letzten 12 Monaten verändert?
Es stimmt: Die regulatorische Dynamik, die wir vor einem Jahr gesehen haben, ist ins Stocken geraten. Das sehen wir unter anderem an der CSRD und der CSDDD. Gleichzeitig beobachten wir in vielen Unternehmen eine gewisse „Regulationsmüdigkeit", verstärkt durch Unsicherheit. Aber das ist nur ein Teil des Bildes. Auf der anderen Seite wächst der Druck aus Märkten, Finanzsektor und Zivilgesellschaft weiter – und das global. Investoren fragen gezielter nach ESG-Risiken, Kunden erwarten Transparenz in Lieferketten, und internationale Gesetzgeber stellen klare Anforderungen.

Gleichzeitig steigen die unternehmerischen Risiken durch Klimawandel, geopolitische Unsicherheiten und Lieferkettenstörungen deutlich an. Die Konsequenz: Viele Unternehmen agieren strategisch differenzierter. Sie kommunizieren weniger nach außen („Greenhushing"), intensivieren aber intern ihre Investitionen in nachhaltige Lieferketten. Das belegt auch unsere aktuelle Studie – rund 87 Prozent der US-Unternehmen haben 2025 ihre ESG-Investitionen beibehalten oder erhöht.

Wie reagieren die Unternehmen konkret auf diese Gemengelage?
Einige Unternehmen verlangsamen ihre Aktivitäten, getrieben von kurzfristigen politischen Unsicherheiten oder wirtschaftlichem Druck. Andere – und das ist ermutigend – professionalisieren ihre Nachhaltigkeitsstrategie und verankern sie tiefer in der Beschaffung und im Risikomanagement. Gerade in der Beschaffung erkennen viele die strategische Relevanz: Lieferketten sind nicht nur der größte Emissionstreiber – Scope 3 macht im Schnitt das 21-Fache der direkten Emissionen aus –, sondern auch der sensibelste Risikobereich.
 
Deshalb setzen immer mehr Unternehmen auf datenbasierte ESG-Steuerung, messbare Fortschritte und echte Partnerschaften mit ihren Lieferanten. Deregulierung bedeutet nicht, dass Risiken einfach verschwinden. Im Gegenteil, wir sehen weltweit einen steigenden Bedarf nach widerstandsfähigen und belastbaren Lieferketten.
Wer sich heute transparent und belastbar entlang seiner Lieferkette aufstellt, hat nicht nur regulatorische Vorteile, sondern gewinnt auch an Resilienz, Innovationskraft und Marktvertrauen.

Die ESG-Diskussion muss raus aus der Compliance-Ecke und hinein ins Performance-Management. Der echte Wettbewerbsvorteil entsteht nicht durch bloße Berichterstattung, sondern durch gezielte Steuerung und Wirkung.

Welche Auswirkungen hat das auf EcoVadis?
Für uns bedeutet das: Unsere Rolle als Partner für Trans­parenz und Lieferketten-Resilienz wird noch relevanter. Unternehmen brauchen Orientierung – aber auch skalierbare Lösungen, um komplexe Anforderungen effizient umzusetzen. Wir verbessern und erweitern unser Lösungsportfolio und unsere Partnerschaften kontinuierlich, um Einkaufsorganisationen den größten Hebel zu bieten und Unternehmen aller Reifegrade auf ihrem Weg zu unterstützen.
 
Denn: In einem Umfeld aus regulatorischer Unsicherheit, globalen Krisen und zunehmendem Klimarisiko braucht es Klarheit. Deshalb setzen wir nach wie vor auf belastbare Daten, wie sie z.B. unsere Ratings bieten, aber auch zunehmend auf Primärdaten, insbesondere im Bereich Scope 3.
 
Denn Schätzwerte reichen nicht aus, um fundierte Entscheidungen zu treffen oder glaubwürdig gegenüber Stakeholdern zu berichten.

KI spielt natürlich auch eine wichtige Rolle und ermöglicht neue Formen der Datenerfassung und -auswertung. Gleichzeitig schließen wir mit unserer Worker Voice-Technologie eine zentrale Lücke in vielen Audits und klassischen Fragebögen: die Perspektive der Betroffenen selbst. Diese Technologie ermöglicht es, direktes, anonymisiertes Feedback von Arbeiternehmenden vor Ort zu erfassen – etwa zu Arbeitsbedingungen, Gesundheitsschutz oder Diskriminierung. Für Unternehmen bedeutet das: Sie erhalten nicht nur ein vollständigeres Bild potenzieller Risiken, sondern auch eine belastbare Grundlage für Prävention und Dialog.

Sie sind in diesem Jahr wieder Unterstützer des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Was hat Sie dazu – trotz der schwierigen Rahmenbedingungen – bewogen?
In Zeiten wie diesen ist es wichtig, Stellung zu beziehen und positive Beispiele hervorzuheben und den Dialog zwischen Pionier*innen, Praktiker*innen und politischen Entscheidungstragenden zu fördern. Wir sind fest davon überzeugt, dass Veränderung nur durch Zusammenarbeit erreicht werden kann.

Die Kritik am DNP im vergangenen Jahr hat das Team hinter dem DNP sehr ernst genommen und sichtbar daran gearbeitet, das Format transparent weiterzuentwickeln und an Integrität zu gewinnen. Für uns ist klar: Wenn wir Veränderungen wollen, brauchen wir Formate, die ambitionierte Unternehmen sichtbar machen und ihnen ermöglichen, voneinander zu lernen und diejenigen mit geringerer Reife zu inspirieren, diesen Weg einzuschlagen. Deshalb unterstützen wir den DNP weiterhin mit dem Ziel, den Fortschritt zu beschleunigen und mutige Akteure zu stärken. Verantwortung zeigt sich nicht im Rückzug, sondern im Willen zur Weiterentwicklung.

Pierre-François Thaler ist Mitbegründer und Co-CEO von EcoVadis, einem zweckorientierten Unternehmen, das sich dafür einsetzt, Nachhaltigkeitsdaten und -informationen in jede Geschäftsentscheidung einzubeziehen. Seit seiner Gründung im Jahr 2007 hat EcoVadis über 3 Millionen Unternehmen in 185 Ländern gescreent und mehr als 150.000 Lieferanten bewertet, darunter über 100 „Global 500”-Unternehmen. Pierre-François ist Mitglied des strategischen Beirats des Sustainable Procurement Leadership Council (Washington) und hat einen Master of Science von Supelec und einen MBA von INSEAD.

Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.

Weitere Artikel von Fritz Lietsch:

Aus Freude am Fahren ...
Der aktuelle Kommentar von Fritz Lietsch zum Thema Mobilität & Energie
Gestern fuhr ich mit dem Auto zur Aufsichtsratssitzung der Stiftung SOFIs Finance. Da die Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu umständlich war, musste ich das Auto nutzen…


Blue Green FUTUREventura
Vertragsabschluss für umfassenden Klimaschutz auf Fuerteventura
Protect the Planet und das Cabildo de Fuerteventura schließen mit Unterstützung von forum eine wegweisende Kooperation für Klimaschutz, Bewahrung der Biodiversität und nachhaltigen Tourismus ab.


Ein Haus für Innovationen
Interview mit Lone Feifer, die in Østbirk, Dänemark, das LKR Innovation House entwickelt hat
Ein neues, altes Gebäude möchte Symbol für nachhaltiges Bauen, Kreislaufwirtschaft, Kreativität und Zusammenarbeit sein. Nach dem Willen der Entwickler soll es ein Ort der Inspiration und Innovation werden. Fritz Lietsch fragte für forum nach den Hintergründen.


Please give peace a chance
Kommentar des forum-Chefredakteurs Fritz Lietsch für Vernunft und Verantwortung in Politik, Wirtschaft und Medien
Liebe deutsche und internationale PolitikerInnen: Bitte steigt aus! Aus dem Kriegsgetaumel, der Aufrüstungsspirale und dem Herbeireden von Gefahren. Krieg ist die grausamste Variante der Konfliktbeilegung und bringt millionenfachen Tod, Schmerz, Blut, Verwundung, Zerstörung, Leid, Tränen und Traumata, die über Generationen wirksam sind.


Bidirektionales Laden spart Milliarden
Elektroautos können viel mehr, als „nur" leise und ohne Abgase zu fahren
Mit bidirektionaler Ladetechnologie können sie Strom speichern und ins Netz zurückspeisen. Die jüngste Studie von Transport & Environment (T&E) zeigt, dass dies Europas Energieversorgern und Autofahrenden riesige Einsparungen ermöglichen könnte.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
21
APR
2026
Sustainable Economy Summit
Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft
10117 Berlin
08
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Naturschutz

Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Eine Frage von Vernunft und Weitsicht

Treffende Analyse, wenig Konsequenzen

Aus Freude am Fahren ...

Countdown zur Earth Hour 2026

Krisenfeste Lebensmittelwirtschaft sichern

Innovation mit Wirkung

Überlegen ist, wer Neues wagt

Gemeinsam Lösungen schaffen – Sicher. Wirtschaftlich. Klimafreundlich.

  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • TÜV SÜD Akademie
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • NOW Partners Foundation
  • ZamWirken e.V.
  • 66 seconds for the future
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • SUSTAYNR GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Engagement Global gGmbH
  • circulee GmbH
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • WWF Deutschland