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Christoph Quarch

Teamgeist und Zusammenhalt

Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft

„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden. Aber geht das wirklich so einfach? Zeigt der Mannschaftsport im Kleinen tatsächlich, was für die Gesellschaft im Großen gilt? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autor Christoph Quarch.

© geralt, pixabay.com Herr Quarch, ist der fußballdeutsche Kult um die Mannschaft außerhalb des Spielfelds wirklich ein Erfolgsrezept oder doch nur eine schöne Idee?
Es gibt zahlreiche Studien, die den empirischen Nachweis dafür erbringen, dass eine gute Teamkultur für Unternehmen und Betriebe tatsächlich ein Erfolgsrezept ist. Zwei Beispiele dafür: Die Unternehmensberatung Deloitte hat im letzten Jahr eine Studie vorgelegt, der zufolge Unternehmen mit einer starken Teamkultur eine hohe Innovationsfähigkeit aufweisen. Etwas älter ist eine Microsoft-Erhebung mit mehr als 10.000 Befragten, die deutlich zeigt, dass gut funktionierende Teams sich positiv auf die  Bilanzen auswirken, weil sie weniger fehleranfällig arbeiten, schneller Entscheidungen treffen und Synergien ermöglichen. Außerdem ist erwiesen, dass Mitarbeiterbindung und Motivation zunehmen, wenn im Betrieb ein guter Teamgeist und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl walten.

Okay, die von Ihnen erwähnten Studien scheinen tatsächlich eine deutliche Sprache zu sprechen. Aber warum ist da so? Wieso arbeiten Menschen besser und effektiver, wenn sie sich einem Team zugehörig wissen?
Ich denke, das hat verschiedene Gründe. Zum einen könnte man ein schon auf Aristoteles zurückgehende Erkenntnis anführen. Ihm zufolge ist der Mensch ein zoon politikon – ein soziales, politisches Wesen, das seine Potenziale am besten in der Interaktion mit anderen entfaltet. Interaktion bedeutet dabei: Man wird immer aufs Neue mit dem Anderen konfrontiert – anderen Sichtweisen, anderen Meinungen, anderen Kompetenzen. Darauf muss man antworten, worauf wiederum die anderen reagieren müssen. Dieses Hin und Her, diese dauernde Konversation in einem Team, erzeugt einen Spielraum für Kreativität und Innovation. Deshalb sagt man zurecht, ein gutes Team ist mehr als nur die Summe seiner Teile. Es gibt so etwas wie einen Gruppen-Spirit, der sich in der Interaktion der Gruppenmitglieder offenbar. Bei guten Teams kann man deshalb nie sagen, wer es eigentlich war, dem eine Idee gekommen ist. Es ist das Produkt der Gruppe.

„Gruppen-Spirit" klingt offen gestanden etwas esoterisch. Könnten Sie diesen Begriff etwas genauer erläutern?
Ich glaube, jeder, der einmal in einem guten Teams gearbeitet hat, weiß, was damit gemeint ist. Das kann ein Orchester, eine Fußballmannschaft, eine Wandergruppe oder das Team in einem Unternehmen sein. Es gibt Situationen, in denen die Teammitglieder gemeinsam etwas erarbeiten, das sie total begeistert. Keiner von ihnen kann dafür die Urheberschaft reklamieren. Es ist oft ungeplant über sie gekommen und hat sie ergriffen. Das, was man über einen kommt und begeistert, nennt unsere Sprache den Geist: den Geist, in dem Menschen sich finden, in dem sie sich verbunden fühlen. Das ist der Gruppengeist, der Gruppenspirit. Er zeigt sich in der Resonanz zwischen den Gruppenmitgliedern. Wenn er entfesselt wird, dann ist ein Team unschlagbar. So jedenfalls kann man sich den 7:1 Sieg der Deutschen im Halbfinale gegen Brasilien 2014 erklären.

Dann stellt sich aber doch die Frage, unter welchen Bedingungen in einem Team Begeisterung und Resonanz entstehen. Was kann man tun, damit der Team-Geist entfesselt wird?
Auch dazu gibt es interessante Studien aus der Welt der Unternehmen. Als erstes fällt mir dazu die Aristoteles-Studie ein, die Google zwischen 2012 und 2016 durchgeführt hat. Es ging dabei herauszufinden, was die erfolgreichen Teams in diesem Unternehmen auszeichnet. Für viele überraschenderweise kam dabei heraus, dass nicht die Zusammensetzung der Teams den Erfolg ermöglich, sondern die Art und Weise, wie die Teammitglieder miteinander umgehen. Zuverlässigkeit, Freundlichkeit, Klarheit bei der Verteilung von Aufgaben, Rechten und Pflichten, psychologische Sicherheit: Das sind die entscheidenden Faktoren, die Teams erfolgreich machen. Es geht also primär um dasjenige, was sich zwischen den einzelnen Menschen abspielt und nicht was die einzelnen können und machen. Deshalb hatte der große Philosoph Sepp Herberger vollkommen Recht, als er sagte: „Elf Freunde sollt ihr sein".

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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