Zukunft entsteht im Gespräch
Warum Verantwortung die Kernkompetenz von Führungskräften ist
Es gibt Zitate, die nicht altern. Dieses zum Beispiel: „Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit." Das Wort ist mehr als hundert Jahre alt. Es stammt von Otto von Bismarck. Doch es passt zur Gegenwart wie Topf auf Deckel: Scheu vor Verantwortung. Man könnte dafür auch sagen: Führungsschwäche, Unentschlossenheit, Mutlosigkeit. Denn all das sind Symptome jener einen Grundpathologie der Verantwortungslosigkeit, die allenthalben um sich greift.
Zu negativ gedacht? Schauen wir uns um in der Welt: Verschmutzte Meere, abgeholzte Regenwälder, schmelzende Polkappen. Wir gehen mit der uns anvertrauten Erde verantwortungslos um. Oder schauen wir in die Zeitung: In Politik und Wirtschaft ereignen sich Skandale. Irgendwelche Leute übernehmen die Verantwortung – und bleiben auf ihren Posten. Oder sie treten zurück und bekommen einen neuen, noch lukrativeren Posten. „Ich übernehme die (politische) Verantwortung", ist zur rhetorischen Floskel verkommen.
Schauen wir in die Unternehmen: Wir sehen Personalchefs, die darüber verzweifeln, dass junge Arbeitnehmer nicht mehr willens sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern lieber im Team Projekte abarbeiten. Wir sehen Führungskräfte, die sich davor scheuen, klare Ansagen zu machen oder Risiken zu tragen, weil sie von Angst vor persönlichen Nachteilen getrieben sind. Schauen wir in die Gesellschaft: Vereine und Organisationen suchen händeringend nach Menschen, die Verantwortung zu übernehmen bereit sind. Eltern delegieren die Verantwortung für die Erziehung an die Schule. Lehrer delegieren die Verantwortung für die Schüler an die Eltern. Die Folge: Kinder sitzen unverantwortlich viel vor dem Computer.
So verdichtet sich der Eindruck: Wir sind eine Kultur, die die Verantwortung scheut und sich aus der Verantwortung stiehlt. Wie kann das sein? Und was ist zu tun? Um hier voran zu kommen, müssen wir als erstes verstehen was Verantwortung überhaupt ist – und was sie nicht ist.
Was ist Verantwortung?
Die Frage klingt banal, ist sie aber nicht. Wenn es zutrifft, dass wir eine Krise der Verantwortung und Verantwortlichkeit durchleben, dann liegt das nicht zuletzt daran, dass wir vergessen haben, was Verantwortung eigentlich ist. Nur ein klares Verständnis dessen, was Verantwortung ist, bringt uns in ein verantwortliches Handeln.
Was also ist Verantwortung? Um zu einer fundierten Antwort zu kommen, brauchen wir ein ursprünglicheres Verständnis dessen, was Verantwortung ist. Landläufige philosophische Theorien helfen nicht weiter. Sie entstammen fast immer dem moralischen Denken und binden Verantwortung an die Verpflichtung auf irgendwelche Werte. Was wir brauchen, ist eine frische, unverstellte Sicht auf das mit dem Begriff „Verantwortung" benannte Phänomen des menschlichen Lebens.
Existenziell Antwortgeben
Dahin kommen wir, indem wir auf die Sprache hören. Es liegt auf der Hand, dass das Wort Verantwortung sich von dem Wort Antwort herleitet. Ebenso verhält es sich Englischen: responsibility kommt von response. Damit ist klar: Verantwortung ist semantisch verortet im Kontext eines Gesprächs. Dabei ist Antworten mehr als Erwidern oder Entgegnen. Eine Erwiderung bleibt auf der Oberfläche. Eine Antwort hingegen bringt den Antwortenden mit ins Spiel bzw. Gespräch. Verantwortlich sein heißt: mit der eigenen Person antworten, existenziell Antwort geben oder mehr noch: Antwort sein.
In diese Richtung weist auch das Präfix „ver": Es signalisiert Aneignung und Intensität: „Ich vernehme etwas" heißt, ich nehme es nicht nur, sondern ich eigne mir das Vernommene an. Genauso heißt „Ich verantworte etwas": Ich antworte nicht nur, sondern meine Verantwortung liegt darin, selbst – mit meinem Sein und Tun – Antwort zu sein.
Verantwortung übernehmen, verantwortlich sein, verantwortungsvoll operieren bedeutet mithin: Mit dem eigenen Tun und Lassen, mit der eigenen Person Antwort zu geben auf etwas, das mir gesagt ist. Verantwortung tragen kann dann aber nur, wer sich von anderen etwas sagen lässt, wer sich in Anspruch nehmen lässt.
Im Fluss bleiben
Das bringt uns zur zweiten wichtigen Einsicht in das Wesen der Verantwortung, die uns die Sprache zuspricht. Sie erschließt sich, wenn wir nach den Verben fragen, die mit Verantwortung einhergehen: Man übernimmt Verantwortung. Man trägt Verantwortung. Man übergibt Verantwortung.
Das verrät: Verantwortung hat ihren Ort in einem Prozess des Nehmens und Gebens: des Austausches. Man hat nie von vornherein Verantwortung. Sie wird einem gegeben und man hat sie nur, wenn man sie übernimmt. Und wenn man sie angenommen hat, trägt man sie, bis man sie anderen übergibt. Verantwortlichkeit ist folglich die Haltung eines Gesprächsteilnehmers, der bereit ist, auf das ihm Gegebene oder Gesagte bzw. das von ihm genommene mit seiner Person existenziell Antwort zu geben.
Diese Haltung einzunehmen, ist nicht aus moralischen Gründen wichtig: nicht, damit man ein guter Mensch ist oder postfaktisch als guter Mensch erscheint. Verantwortlichkeit ist wichtig, weil nur durch sie der Fluss des Austausches, der Konversation und vor allem des Gesprächs erhalten bleibt. Denn nur, wo der Fluss des Gesprächs erhalten bleibt, sind Potenzialentfaltung, Kreativität und Lebendigkeit möglich.
Voraussetzung für Potenzialentfaltung
Damit sind wir dem Geheimnis der Verantwortung schon ein gutes Stück näher gekommen, denn jetzt sehen wir: Verantwortung ist gut, weil sie die Voraussetzung für Potenzialentfaltung, Lebendigkeit und erfülltes Menschsein schafft. Und eben das ist es, was wir alle brauchen – im Privatleben, in der Gesellschaft, in Unternehmen.
Verantwortungsbewusstsein und Verantwortlichkeit sind die Kernqualitäten einer Führungskunst, die es als ihre Aufgabe erkennt, im lebendigen Gespräch zu sein, um neue, innovative, zukunftsfähige Antworten zu generieren: im Gespräch mit den Menschen, mit der Gesellschaft, dem Markt und Stakeholdern jedweder Art.
Tor zur Zukunft
Und warum sollten wir im Gespräch mit der Welt und mit anderen Menschen bleiben? Die Antwort ist eine doppelte: Weil nur so Entwicklung und Entfaltung möglich sind. Weil wir nur so dem Umstand Rechnung tragen, Wesen der Verbundenheit bzw. ein Gespräch zu sein. Mit anderen Worten: Verantwortlich zu handeln, tut vor allem deshalb gut, weil Verantwortung das Tor ist, das durchschreiten muss, wer in die Zukunft will. Der Unverantwortliche hingegen bleibt gekettet an die Gegenwart. Er hat keine Zukunft.
Wir stoßen hier auf eine universelle Regel des Lebens. Sie auf eine einfache Formel gebracht zu haben, ist der Verdienst des Philosophen Martin Buber (1878-1965). In seinem epochalen Werk „Ich und Du" notierte er: „Der Mensch wird am Du zum Ich." Was ist damit gesagt? Gesagt ist damit, dass sich Identität in der Begegnung formt. Wir sind, so könnte man auch sagen, stets das Produkt der Beziehungen, die wir eingehen.
Wir werden zu denen, die wir sind, durch den Einfluss der anderen: durch, das was sie uns geben; durch das, was sie uns zusprechen; durch die Aufgaben, die sie uns stellen; durch das, womit wir ihnen Antwort geben. Der Grund dafür ist schnell benannt: Jeder Anspruch und Zuspruch des Anderen ist eine Einladung zur Potenzialentfaltung: eine Herausforderung, die ungehobenen Schätze ans Licht zu bringen, die in uns schlummern. Dementsprechend mit den Gaben umzugehen, die uns gegeben oder aufgegeben sind, heißt verantwortlich sein.
Das Wissen der Indigenen
Traditionelle Kulturen wissen darum. So erzählt Angaangaq, Ältester und Schamane Kalaalit Nunuat in Westgrönland von der bei seinem Volk üblichen Kultur der Gabe. Dort ist es so: Wenn Sie ein Geschenk bekommen und dieses Geschenk annehmen, dann übernehmen sie mit der Gabe zugleich die Verantwortung, sich ihrer mit all ihrem Tun würdig zu erweisen.
Auch mir wurde einst die Ehre zuteil, von Angaangaq beschenkt zu werden. Die Gabe, die er für mich ausersehen hatte, war die Feder einer Schneegans. Ich wusste nicht, was das bedeutet. Ich wusste nur, dass er mir damit etwas sagen wollte, dem ich mit meinem Leben Antwort geben müsse, wenn ich die Gabe von ihm annehme. Ich tat es, weil ich ihm vertraute. Er verriet mir, welche Verantwortung ich damit übernommen hatte: „Die Schneegans", sagte er, „ist ein erstaunliches Tier. Auf dem Boden ist sie schwerfällig, und wegen ihres Körpergewichts ist sie kaum in der Lage, sich in die Luft zu erheben. Aber wenn sie einmal abgehoben hat, dann fliegt und fliegt sie. Zehntausend Kilometer – von Grönland bis in die Karibik – non stop. Du bist wie sie." Das war eine Verheißung, ein Versprechen, ein Anspruch, ein kostbares Geschenk. Seither versuche ich, mich dieser Gabe würdig zu erweisen.
Chance auf Wachstum
Eine schönere Einladung zur Potenzialentfaltung kann man nicht bekommen. Ich hätte sie fahrlässig ausgeschlagen, wenn ich mich nicht dem ausgesetzt hätte, was Angaangaq mir mit seiner Gabe aufgetragen hat. Das wäre verantwortungslos gewesen. Und unverantwortlich. Denn wer dem anderen, auch da wo es anstößig ist, die Antwort verweigert, beraubt sich der Chance auf Wachstum, Erneuerung und Reife.
So aber gibt uns das Verantwortung-Übernehmen die Möglichkeit, zu denen zu werden, die wir sind oder doch sein können. Und so ist es mit allen Aufgaben und Herausforderungen, die uns angetragen werden. Übernehmen wir die Verantwortung für diese Gaben, haben wir die Chance, wirkliche Menschen zu sein – uns weiterzuentwickeln, unsere Unternehmen weiterzuentwickeln, unsere Gesellschaft weiterzuentwickeln. Einer, der das wusste, war Winston Churchill. Er sagte: „Der Preis der Größe heißt Verantwortung." Diesen Preis sollten wir zu zahlen gewillt sein. Wo wir ihn nicht zahlen, entfremden wir uns von unserem eigentlichen Sein. Denn menschliches Leben ist Mit-Sein: mit der Natur, mit anderen Menschen, mit der Geschichte, mit der Zukunft. Denn der Mensch ist ein Gespräch – ein Wesen der Verbundenheit, das seinem eigenen Menschsein nur genügt, wo es im Gespräch ist. Deswegen hatte Antoine St. Exupéry Recht, als er sagte: „Mensch sein heißt verantwortlich sein."
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2017 - And the winner is... erschienen.
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