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Alrun Vogt

Der Mythos der Härte

Warum Gewalt selten zum Ziel führt

Gewaltfreiheit wird oftmals als das ethisch bessere Mittel, Gewalt jedoch als das effektivere Mittel angesehen, wenn es darum geht, eine diktatorische Regierung zu stürzen. Dieser Ansicht war auch Erica Chenoweth, eine anerkannte Expertin für Terrorismus an der Wesleyan University in Middleton, USA. Doch dann untersuchte sie gemeinsam mit der Wissenschaftlerin Maria J. Stephan alle 323 Aufstände und Revolutionen zwischen 1900 und 2006 (davon 105 gewaltfrei und 218 bewaffnet).

© vilkasss, Pixabay.comDie Ergebnisse ihrer Untersuchung überraschten die Wissenschaftlerinnen Chenoweth und Stephan selbst: Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs oder Teilerfolgs bei gewaltfreien Widerstandskampagnen ist nahezu doppelt so groß, wie bei einem gewaltsamen, bewaffneten Aufstand. Als erfolgreich sehen die Autorinnen eine Kampagne an, wenn diese ihre Ziele zu hundert Prozent innerhalb eines Jahres erreicht hat, gerechnet ab dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten. In den Jahren 2000 bis 2006 waren gewaltfreie Aufstände sogar fünf Mal erfolgreicher als bewaffnete. Ihre Erfolgswahrscheinlichkeit lag in diesem Zeitraum bei 70 Prozent im Vergleich zu bewaffneten Kampagnen (circa 15 Prozent).

Erstaunliche Erkenntnisse
Man könnte nun vermuten, dass es in diesem Zeitraum nicht viele gewaltfreie Kampagnen gab und die wenigen eben überwiegend erfolgreich waren. Doch dies trifft nicht zu. Im Untersuchungszeitraum hat die Häufigkeit von gewaltfreien Aufständen zugenommen. Eine gegenläufige Tendenz ist bei gewaltsamen Revolutionen festzustellen: Diese blieben von der Anzahl her zwar konstant, aber ihre Erfolgsquote sank.

Gewaltfreie Kampagnen sind nicht nur erfolgreicher in jeder Region auf der Erde. Ihr Erfolg ist auch unabhängig davon, ob das Regime autoritär, mächtig oder schwach ist oder ob es versucht, die Kampagne gewaltsam zu unterdrücken.

Darüber hinaus erweisen sich gewaltfreie Kampagnen als langlebiger. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer erneuten kriegerischen Auseinandersetzung kommt, bei gewaltsamen Revolutionen wesentlich höher als bei gewaltfreien: Fast jeder zweite erfolgreiche bewaffnete Kampf zog innerhalb der nächsten zehn Jahre einen erneuten bewaffneten Kampf nach sich. Zudem betrug die durchschnittliche Dauer von gewaltsamen Aufständen neun Jahre, während sie bei gewaltfreien lediglich drei Jahre betrug.

Die Frage nach der ausländischen Unterstützung
Die Studie von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan hat auch die Frage nach ausländischer Unterstützung gestellt und kam zu folgendem Ergebnis: Externe Hilfe in Form von Waffenlieferungen und Geld kann bei bewaffneten Kämpfen die Erfolgswahrscheinlichkeit steigern. In einigen Fällen gab es dabei auch eine Massenbeteiligung verschiedenster Gruppen.
 
Allerdings war es in keinem der betroffenen Länder bis zum Untersuchungszeitraum 2006 zu einer Demokratie gekommen. Im Gegenteil, nach den Kämpfen war die Situation im Land sogar noch repressiver. Zwar gab es Fälle, in denen ein bewaffneter Kampf mit Hilfe einer Massenbeteiligung der Bevölkerung zu einer Demokratie führte. Jedoch versuchte die Regierung danach immer sehr schnell, ihre Macht zu konsolidieren und die Mitbestimmung der Bevölkerung zu beseitigen.

Da bewaffnete Kämpfe nicht so leicht lokale Unterstützer für sich gewinnen können, sind sie von Natur aus darauf angewiesen, externe Unterstützer zu finden und damit den Mangel an Teilnehmern zu kompensieren. Gewaltfreie Revolutionen setzen dagegen auf die Bevölkerung und die Institutionen und versuchen, diese von ihren Anliegen zu überzeugen.
 
Sie bauen damit also die Demokratie bereits zu einem Zeitpunkt auf, in welchem noch keine Demokratie implementiert ist. Chenoweth und Stephan empfehlen deshalb ausländischen Beteiligten, lokale Gruppen zu unterstützen und diesen die Koordination zu überlassen.

Da sage noch einer, gewaltloser Widerstand führe zu nichts…


Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.

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