Anabel Ternès von Hattburg
Gesellschaft | Politik, 20.01.2026
Wenn Davos leiser wird – und tiefer
Tagesbericht zum "Frequency Day" beim Weltwirtschaftsforum
Abseits des üblichen Davos-Trubels rückte beim „Frequency Day" eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie führen wir – und mit welcher inneren Haltung? Im Collaboration House trafen sich Stimmen aus Musik, Spiritualität und Leadership, um über Heilung, Verantwortung und eine neue Qualität von Führung in Zeiten von KI, Klimakrise und Dauerstress nachzudenken.
Heute in Davos stand nicht das nächste Milliardeninvestment im Mittelpunkt, sondern eine ungewöhnliche Frage: Auf welcher Frequenz führen wir eigentlich? Im Collaboration House, im jüdischen Gebetsraum des Hotel Cresta Sun, trafen sich Menschen, die Technologie, Spiritualität und Führung neu zusammendenken wollten. Der „Frequency Day" wirkte wie ein Kontrapunkt zu den lauten, dicht getakteten Programmen auf der Promenade – ein Raum, in dem Stille Teil der Agenda war. Den emotionalen Auftakt setzte der Singer Songwriter Maejor. Er erzählte von seiner Krebserkrankung in den frühen Zwanzigern und den Fragen, die sie ausgelöst hat: Was bedeutet dieses Leben? Was ist wirklich wichtig? Wie nutzen wir die Momente, die uns bleiben – und welches Erbe hinterlassen wir? Aus dieser existenziellen Grenzerfahrung entstand die Idee, Musik nicht nur als Unterhaltung, sondern als Heilmedium zu begreifen. Im Kontext von Klimastress, mentaler Erschöpfung und Dauerkrisen öffnete das eine andere Perspektive: Vielleicht beginnt Resilienz nicht mit der nächsten App, sondern mit der Frage, welche Frequenzen wir in unseren Alltag lassen.
Dr. Anino Emuwa nahm diesen Faden auf, verschob ihn jedoch in Richtung Machtstrukturen. Unter dem Titel „The Power of Representation in the Age of AI" sprach sie über kulturelle Gerechtigkeit, inklusive Führung und die Notwendigkeit, mehr Frauen in Entscheidungspositionen zu bringen. Entscheidend war ihre Frage an den Raum: „Was nehmt ihr von hier mit – und was ist eure Verpflichtung?" In einer Davos-Woche, in der viel über Governance, Responsible AI und Net Zero debattiert wird, erinnerte sie daran, dass kein Regulierungsrahmen trägt, wenn diejenigen fehlen, die von diesen Entscheidungen am stärksten betroffen sind.
Den Abschluss bildete Seine Eminenz Shyalpa Tenzin Rinpoche mit einem Impuls zu „Harmonic Leadership". Seine Botschaft: Solange wir nicht in Harmonie mit der Natur sind, kann es keine harmonische Führung geben. Er sprach über unbedingte Liebe, bewusste Atmung, die Fähigkeit, einen Moment vollständig zu leben – und über radikale Eigenverantwortung. „Fragt nicht mich – hört auf euch selbst. Was ihr denkt und tut, ist eure Verantwortung", sagte er.
Was bedeutet das für Führung, Investments und Transformation?
Für Führungskräfte legt dieser Tag drei Konsequenzen nahe:
- Investitionen in Green Tech und KI müssen an der Frage der Heilung gemessen werden – körperlich, mental und gesellschaftlich.
- Diversität in Daten und in Vorständen ist keine Option, sondern Voraussetzung für legitime Entscheidungen.
- Leadership-Programme, die nur Skills, nicht aber Bewusstsein adressieren, bleiben oberflächlich.
Für Investorinnen und Investoren bedeutet das: Kapital, das Frequenzen von Angst, Erschöpfung und Ausschluss verstärkt, mag kurzfristig Rendite bringen – langfristig unterminiert es genau die Stabilität, auf die Portfolios angewiesen sind. Kapital, das Heilung, Repräsentation und Harmonie stärkt, schafft dagegen die Bedingungen für nachhaltige Transformation.
Quote of the Day
„If you only live one moment fully, that can be more than living one hundred years." – Shyalpa Tenzin Rinpoche
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg ist forum Kuratorin, Präsidentin des Club of Budapest Germany, Leiterin des SRH Instituts für Innovation und Nachhaltigkeitsmanagement und Gründerin der Experts for Life. Die Zukunftsforscherin verbindet als Journalistin, Aktivistin, TEDx-Speakerin, Bestsellerautorin und Impact-Unternehmerin Nachhaltigkeit, Innovation und (Self-)Leadership. Als Vorständin, Stiftungs- und Aufsichtsrätin von Impact Organisationen wie Plant for the Planet, Muhammad Yunus’ Friends of Social Business und Ustinov Foundation gestaltet sie gesellschaftlichen Wandel aktiv mit.
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