Anabel Ternès von Hattburg
Gesellschaft | Politik, 28.01.2026
Das große Aufwachen nach Davos
Was das World Economic Forum 2026 wirklich gebracht hat – und warum seine Wirkung weit über die Alpen hinausreicht
Davos, Ende Januar. Wenn die letzten Limousinen verschwinden und die temporären Glasfassaden abgebaut werden, bleibt eine Frage zurück, die jedes Jahr drängender wird: War das World Economic Forum mehr als ein geopolitisches Schaulaufen? Oder anders gefragt – was bleibt wirklich, wenn die Mächtigen abgereist sind?
Das WEF 2026 war eines der politisch aufgeladensten Treffen der vergangenen Jahre. Dominiert von der Präsenz und Unberechenbarkeit des US-Präsidenten Donald Trump, wurde Davos zum Seismografen einer Welt im Umbruch: geopolitisch, wirtschaftlich, technologisch – und moralisch.Geopolitik: Europa wacht auf
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieses Davos: Europa beginnt, seine strategische Naivität abzulegen. Trumps provokante Forderung nach Kontrolle über Grönland markierte eine klare rote Linie – territorial, politisch, symbolisch. Die ungewohnt geschlossene Reaktion europäischer Staaten zeigte Wirkung. Nicht zuletzt die Nervosität der Finanzmärkte dürfte dazu beigetragen haben, dass Washington zurückruderte.
Doch der Schaden ist da. Das Vertrauen in die transatlantische Partnerschaft ist erschüttert. Europäische Spitzenpolitiker sprachen offen darüber, dass Entscheidungsprozesse zu langsam seien – und dass Europa lernen müsse, schneller, eigenständiger und entschlossener zu handeln. Davos wurde damit zum Katalysator für eine Debatte, die längst überfällig war: strategische Autonomie statt politischer Abhängigkeit.
Auch der Ukraine-Krieg rückte wieder ins Zentrum. Trotz diplomatischer Signale bleibt ein Friedensabkommen in weiter Ferne. Die Anwesenheit eines russischen Gesandten – erstmals seit 2022 – unterstrich jedoch: Selbst in Zeiten maximaler Konfrontation wird wieder gesprochen. Leise, diskret, aber immerhin.
Wirtschaft & Märkte: Die Suche nach Stabilität
„Was CEOs heute wollen, ist Stabilität, Vorhersehbarkeit und Rechtsstaatlichkeit – und davon gibt es zu wenig." Dieser Satz des kanadischen Finanzministers brachte die Stimmung auf den Punkt.
Die Drohung neuer US-Zölle, gepaart mit protektionistischen Tönen aus Washington, verstärkte einen Trend, der sich bereits abzeichnete: Unternehmen und Staaten diversifizieren ihre Handelsbeziehungen. Weg von der einseitigen Abhängigkeit, hin zu resilienteren Netzwerken.
Gleichzeitig blickte die Finanzwelt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Banken hoffen auf Wachstum, warnen aber vor regulatorischen Schnellschüssen. Kryptowährungen und Blockchain wurden als mögliche Disruptoren gefeiert – mit einer Mischung aus Euphorie und Skepsis. Über allem schwebte die Frage: Stehen wir vor neuen Blasen, vor allem im KI-Sektor?
Künstliche Intelligenz: Zwischen Heilsversprechen und Angst
Davos 2026 war auch ein Klassentreffen der Tech-Elite. Elon Musk, Jensen Huang, die neue Generation von KI-Start-ups – sie alle präsentierten eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz Produktivität steigert, Prozesse revolutioniert und neue Jobs schafft.
Doch auf der anderen Seite standen Gewerkschaften und Sozialvertreter, die vor wachsender Ungleichheit warnten. Der Konsens: KI wird Arbeitsplätze verändern – aber ob sie mehr Chancen oder mehr Verlierer schafft, hängt von politischer Gestaltung, Regulierung und Bildung ab. Davos machte klar: Technologie ist nie neutral.
Energie & Verteidigung: Alte Narrative, neue Realitäten
Die Rückkehr der Ölindustrie auf die große Bühne war unübersehbar. Die Trump-Administration setzt auf fossile Expansion und stellt grüne Investitionen offen infrage. Gleichzeitig widersprach Elon Musk diesem Kurs – mit der simplen Rechnung, dass Solarenergie theoretisch den gesamten Strombedarf der USA decken könnte.
Im Verteidigungssektor wiederum witterten Unternehmen neue Chancen. Steigende Rüstungsausgaben, Infrastrukturprojekte, sicherheitspolitische Neuorientierung – auch das ist Teil der neuen Weltordnung, die in Davos spürbar wurde.
Was hat Davos gebracht?
War es also wieder nur viel Gerede? Nein – aber auch nicht genug. Davos 2026 hat keine fertigen Lösungen geliefert. Doch es hat die Bruchlinien sichtbar gemacht: zwischen Macht und Moral, Innovation und Verantwortung, nationalen Interessen und globalen Herausforderungen. Der eigentliche Wert von Davos liegt nicht im Abschlusskommuniqué, sondern im Erkenntnisgewinn: Die Welt ist an einem Kipppunkt. Alte Gewissheiten tragen nicht mehr. Neue Allianzen, neue Denkweisen, neue Formen von Leadership sind gefragt.
Das Fazit
Davos war 2026 kein Ort der Beruhigung, sondern der Konfrontation mit der Realität. Ein Spiegel einer Welt, die gleichzeitig fragmentiert und vernetzt ist. Ob aus dieser geballten Energie nachhaltige Wirkung entsteht, entscheidet sich nicht in den Alpen – sondern in den Monaten danach.
Die Frage ist also nicht, ob Davos relevant war. Sondern ob wir bereit sind, die dort gewonnenen Einsichten endlich in konsequentes Handeln zu übersetzen.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg ist forum-Kuratorin, Präsidentin des Club of Budapest Germany, CEO Nadure GmbH, Lavivee GmbH und Sustain Plus GmbH, Gründerin VYBE Future Agency und WeEmpower. Die Zukunftsforscherin verbindet als Journalistin, Aktivistin, TEDx-Speakerin, Bestsellerautorin und Impact-Unternehmerin Nachhaltigkeit, Innovation und (Self-)Leadership. Als Vorständin, Stiftungs- und Aufsichtsrätin von Impact Organisationen wie Plant for the Planet, Muhammad Yunus’ Friends of Social Business und Ustinov Foundation gestaltet sie gesellschaftlichen Wandel aktiv mit.
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