66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Anabel Ternès von Hattburg

Das große Aufwachen nach Davos

Was das World Economic Forum 2026 wirklich gebracht hat – und warum seine Wirkung weit über die Alpen hinausreicht

Davos, Ende Januar. Wenn die letzten Limousinen verschwinden und die temporären Glasfassaden abgebaut werden, bleibt eine Frage zurück, die jedes Jahr drängender wird: War das World Economic Forum mehr als ein geopolitisches Schaulaufen? Oder anders gefragt – was bleibt wirklich, wenn die Mächtigen abgereist sind? 
 
Hoch über auf der Schatzalp im Interview mit Darius Maleki, Gründer der Nachhaltigkeitsstiftung Inglosus © Anabel TernèsDas WEF 2026 war eines der politisch aufgeladensten Treffen der vergangenen Jahre. Dominiert von der Präsenz und Unberechenbarkeit des US-Präsidenten Donald Trump, wurde Davos zum Seismografen einer Welt im Umbruch: geopolitisch, wirtschaftlich, technologisch – und moralisch.
 
Geopolitik: Europa wacht auf
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieses Davos: Europa beginnt, seine strategische Naivität abzulegen. Trumps provokante Forderung nach Kontrolle über Grönland markierte eine klare rote Linie – territorial, politisch, symbolisch. Die ungewohnt geschlossene Reaktion europäischer Staaten zeigte Wirkung. Nicht zuletzt die Nervosität der Finanzmärkte dürfte dazu beigetragen haben, dass Washington zurückruderte.
 
Doch der Schaden ist da. Das Vertrauen in die transatlantische Partnerschaft ist erschüttert. Europäische Spitzenpolitiker sprachen offen darüber, dass Entscheidungsprozesse zu langsam seien – und dass Europa lernen müsse, schneller, eigenständiger und entschlossener zu handeln. Davos wurde damit zum Katalysator für eine Debatte, die längst überfällig war: strategische Autonomie statt politischer Abhängigkeit.
 
Auch der Ukraine-Krieg rückte wieder ins Zentrum. Trotz diplomatischer Signale bleibt ein Friedensabkommen in weiter Ferne. Die Anwesenheit eines russischen Gesandten – erstmals seit 2022 – unterstrich jedoch: Selbst in Zeiten maximaler Konfrontation wird wieder gesprochen. Leise, diskret, aber immerhin.
 
Wirtschaft & Märkte: Die Suche nach Stabilität
„Was CEOs heute wollen, ist Stabilität, Vorhersehbarkeit und Rechtsstaatlichkeit – und davon gibt es zu wenig." Dieser Satz des kanadischen Finanzministers brachte die Stimmung auf den Punkt.
 
Die Drohung neuer US-Zölle, gepaart mit protektionistischen Tönen aus Washington, verstärkte einen Trend, der sich bereits abzeichnete: Unternehmen und Staaten diversifizieren ihre Handelsbeziehungen. Weg von der einseitigen Abhängigkeit, hin zu resilienteren Netzwerken.
 
Gleichzeitig blickte die Finanzwelt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Banken hoffen auf Wachstum, warnen aber vor regulatorischen Schnellschüssen. Kryptowährungen und Blockchain wurden als mögliche Disruptoren gefeiert – mit einer Mischung aus Euphorie und Skepsis. Über allem schwebte die Frage: Stehen wir vor neuen Blasen, vor allem im KI-Sektor?
 
Künstliche Intelligenz: Zwischen Heilsversprechen und Angst
Davos 2026 war auch ein Klassentreffen der Tech-Elite. Elon Musk, Jensen Huang, die neue Generation von KI-Start-ups – sie alle präsentierten eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz Produktivität steigert, Prozesse revolutioniert und neue Jobs schafft.
 
Doch auf der anderen Seite standen Gewerkschaften und Sozialvertreter, die vor wachsender Ungleichheit warnten. Der Konsens: KI wird Arbeitsplätze verändern – aber ob sie mehr Chancen oder mehr Verlierer schafft, hängt von politischer Gestaltung, Regulierung und Bildung ab. Davos machte klar: Technologie ist nie neutral.
 
Energie & Verteidigung: Alte Narrative, neue Realitäten
Die Rückkehr der Ölindustrie auf die große Bühne war unübersehbar. Die Trump-Administration setzt auf fossile Expansion und stellt grüne Investitionen offen infrage. Gleichzeitig widersprach Elon Musk diesem Kurs – mit der simplen Rechnung, dass Solarenergie theoretisch den gesamten Strombedarf der USA decken könnte.
 
Im Verteidigungssektor wiederum witterten Unternehmen neue Chancen. Steigende Rüstungsausgaben, Infrastrukturprojekte, sicherheitspolitische Neuorientierung – auch das ist Teil der neuen Weltordnung, die in Davos spürbar wurde.  
 
Was hat Davos gebracht?
War es also wieder nur viel Gerede? Nein – aber auch nicht genug. Davos 2026 hat keine fertigen Lösungen geliefert. Doch es hat die Bruchlinien sichtbar gemacht: zwischen Macht und Moral, Innovation und Verantwortung, nationalen Interessen und globalen Herausforderungen. Der eigentliche Wert von Davos liegt nicht im Abschlusskommuniqué, sondern im Erkenntnisgewinn: Die Welt ist an einem Kipppunkt. Alte Gewissheiten tragen nicht mehr. Neue Allianzen, neue Denkweisen, neue Formen von Leadership sind gefragt.  
 
Das Fazit
Davos war 2026 kein Ort der Beruhigung, sondern der Konfrontation mit der Realität. Ein Spiegel einer Welt, die gleichzeitig fragmentiert und vernetzt ist. Ob aus dieser geballten Energie nachhaltige Wirkung entsteht, entscheidet sich nicht in den Alpen – sondern in den Monaten danach.
 
Die Frage ist also nicht, ob Davos relevant war. Sondern ob wir bereit sind, die dort gewonnenen Einsichten endlich in konsequentes Handeln zu übersetzen.  
 
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg ist forum-Kuratorin, Präsidentin des Club of Budapest Germany, CEO Nadure GmbH, Lavivee GmbH und Sustain Plus GmbH, Gründerin VYBE Future Agency und WeEmpower. Die Zukunftsforscherin verbindet als Journalistin, Aktivistin, TEDx-Speakerin, Bestsellerautorin und Impact-Unternehmerin Nachhaltigkeit, Innovation und (Self-)Leadership. Als Vorständin, Stiftungs- und Aufsichtsrätin von Impact Organisationen wie Plant for the Planet, Muhammad Yunus’ Friends of Social Business und Ustinov Foundation gestaltet sie gesellschaftlichen Wandel aktiv mit.  

Weitere Artikel von Anabel Ternès von Hattburg:

Was die Zukunft dringender braucht als Technologie
Zwei Signale aus Davos über KI, Ethik und globale Verantwortung
Beim AI + Future Forum in Davos wurde deutlich: Die KI-Zukunft entscheidet sich nicht an technologischer Geschwindigkeit, sondern an Führung, Governance und ethischer Verantwortung.


3 Signale aus Davos
Was die Zukunft dringender braucht als Technologie
Davos 2026 zeigt: Die entscheidenden Zukunftsfragen drehen sich nicht nur um KI, Green Tech und Investitionen, sondern auch um Haltung, Repräsentation und Bewusstsein.


Wenn Davos leiser wird – und tiefer
Tagesbericht zum "Frequency Day" beim Weltwirtschaftsforum
Abseits des üblichen Davos-Trubels rückte beim „Frequency Day“ eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie führen wir – und mit welcher inneren Haltung? Im Collaboration House trafen sich Stimmen aus Musik, Spiritualität und Leadership, um über Heilung, Verantwortung und eine neue Qualität von Führung in Zeiten von KI, Klimakrise und Dauerstress nachzudenken.


Davos 2025 im Rückblick
Klimawandel, KI und geopolitische Spannungen im globalen Machtgefüge
Die Welt blickt auf Davos 2025: Wie begegnen Politik und Wirtschaft der Klimakrise, Künstlichen Intelligenz und geopolitischen Unsicherheiten? Das WEF bringt Experten zusammen, um Lösungen zu finden – doch werden die Debatten auch zu konkreten Maßnahmen führen?


Multiple Transformation & Green (Self-)Leadership
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg | Club of Budapest / SRH Institut für Innovation und Nachhaltigkeitsmanagement
"Eine lebenswerte Zukunft gestalten wir mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit – zusammen mit Mut, Menschlichkeit und Haltung."




     
        
Cover des aktuellen Hefts

forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy

forum 01/2026

  • Zukunft bauen
  • Frieden kultivieren
  • Moor rockt!
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
30
JAN
2026
Perspektive Wohnungsbau in Augsburg und Bayern
Impulse, Herausforderungen und Lösungswege
86159 Augsburg
04
FEB
2026
Solarenergie, Großspeicher und Netzausbau – aber keine Gaskraftwerke!
Im Rahmen unserer Serie "Klima-Strategien"
80336 München und online
10
FEB
2026
E-world energy & water
Der Branchentreffpunkt der europäischen Energiewirtschaft
45131 Essen
11
FEB
2026
BootCamp Impact Business Design
Professional Training zum Update Ihrer Transformationsskills
81371 München
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Megatrends

Eine Zeit der "Sinnfinsternis"
Ein Blick auf die neuen Zahlen zur Kindswohlgefährdung macht auch den Philosophen Christoph Quarch sprachlos
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Krankheit und Gesundheit

Aufrüsten für den Frieden?

Tu Du's auf 17 Ziele.de

Rat für Nachhaltige Entwicklung neu berufen

Sperrmüll vs. Entrümpelungsfirma: Wann lohnt sich professionelle Hilfe?

Das große Aufwachen nach Davos

BAUExpo 2026 vom 20. bis 22. Februar in Gießen

CO2-Preis: Bundesregierung sollte zu Koalitionsvertrag stehen

  • SUSTAYNR GmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • WWF Deutschland
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Global Nature Fund (GNF)
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • toom Baumarkt GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • TÜV SÜD Akademie
  • circulee GmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • NOW Partners Foundation
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig