66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Anabel Ternès von Hattburg

3 Signale aus Davos

Was die Zukunft dringender braucht als Technologie

Davos 2026 zeigt: Die entscheidenden Zukunftsfragen drehen sich nicht nur um KI, Green Tech und Investitionen, sondern auch um Haltung, Repräsentation und Bewusstsein. 
 
©World Economic Forum, T. BouvierDavos 2026 steht unter dem Motto „A Spirit of Dialogue". In einem Winter, der von Kriegen, Klimakrise und gesellschaftlicher Erschöpfung geprägt ist, wirkt dieses Motto fast gewagt. Doch wer in den kleinen Räumen und Nebenstraßen zuhört, merkt schnell: Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Technologie und Fortschritt – sondern zwischen Geschwindigkeit und Bedeutung. Green Transition, KI und geopolitische Unsicherheit sind keine getrennten Themen mehr, sondern ein einziges Spannungsfeld, in dem sich entscheidet, ob Zukunft gestaltbar bleibt.
 
Im Collaboration House, einem Raum für gemeinsames Denken im jüdischen Gebetsraum des Hotel Cresta Sun, verdichtete sich dieser Konflikt zu drei klaren Signalen. Hier, fernab der großen Bühnen, fand der „Frequency Day" statt – ein Tag, an dem nicht nur über Technologien gesprochen wurde, sondern über Schwingungen, Verantwortung und die Frage, wofür wir unsere begrenzte Lebenszeit einsetzen.
 
Signal 1: Heilung ist kein Nebenprodukt – sie ist der Kern der Transformation
Maejor, Singer Songwriter, Co-Founder Frequency School © Anabel Ternès von Hattburg
Der Singer Songwriter Maejor erkrankte in seinen frühen Zwanzigern an Krebs. Seine Fragen sind radikal einfach: Was bedeutet dieses Leben? Was ist wirklich wichtig? Wie nutzen wir die Momente, die wir haben – und was bleibt von uns? Aus einer Karriere, die auf Hits und Charts hätte zielen können, wurde eine Suche nach Frequenzen, die heilen statt nur unterhalten. Seine zentrale Idee: Wenn Musik den Körper beeinflussen kann, warum nutzen wir sie nicht bewusster als Werkzeug für Regeneration, Trost und innere Ausrichtung?
 
Im Kontext von Davos ist das mehr als eine persönliche Geschichte. Während Panels über Milliardeninvestitionen in Biotech und digitale Gesundheit sprechen, erinnert Maejor daran, dass jede Technologie letztlich an einer Frage gemessen wird: Heilt sie – oder beschleunigt sie nur? Green Transition und KI werden häufig in Tonnen CO? oder Effizienzgewinnen diskutiert. Doch ohne eine Kultur der Heilung – für Menschen, Gesellschaften und Ökosysteme – bleiben sie strukturelle Pflaster auf einem System, das innerlich weiter ausbrennt. Heilung ist damit kein „Soft-Thema", sondern der Prüfstein für jede Reform.
 
Signal 2: Repräsentation ist Infrastruktur – nicht Dekoration
Dr. Anino Emuwa spricht über „The Power of Representation in the Age of AI". In einer Welt, in der Algorithmen Kreditentscheidungen, Karrierepfade und sogar medizinische Diagnosen beeinflussen, wird kulturelle Gerechtigkeit zur harten Infrastruktur der Zukunft. Wer in Daten nicht vorkommt, kommt in Entscheidungen nicht vor. Und wer in Führung nicht vorkommt, gestaltet Regeln nicht mit.
 
Anino stellt eine einfache, unbequeme Frage in den Raum: „Was nehmt ihr aus diesem Raum mit – und was ist eure konkrete Verpflichtung hier in Davos?" Es geht ihr nicht um mehr Diversity-Slides, sondern um ein neues Führungsparadigma. Inklusive Führung bedeutet, mehr Frauen und marginalisierte Gruppen in Machtpositionen zu bringen – nicht als Symbol, sondern als Quelle besserer Entscheidungen. Im Spannungsfeld von Green Transition und KI heißt das: Die Gestaltung der Net-Zero-Politik, der Trainingsdaten von Algorithmen und der Verteilung von Kapital darf nicht in homogenen Kreisen bleiben. Repräsentation wird damit zu einem der wichtigsten Governance-Werkzeuge des 21. Jahrhunderts.
 
Signal 3: Harmonic Leadership – Führung als Frequenz, nicht als Funktion
Yip Thy Diep Tha, Co-Founder j3d.ai and collaboration house © Anabel Ternès von Hattburg
Seine Eminenz Shyalpa Tenzin Rinpoche bringt eine andere Sprache nach Davos: Er spricht von „Harmonic Leadership" und der „Universal Peace Sanctuary". Seine Diagnose ist klar: „Harmonische Führung findet nicht statt, weil keine Harmonie mit der Natur stattfindet." Wir akzeptieren oder lehnen ab, aber wir fragen selten, wie wir zu einem „meaningful human being" werden können.
 
Seine Botschaft ist radikal verantwortungsvoll. Er sagt: „Hört nicht auf mich – hört auf euch selbst. Was ihr tut und denkt, ist eure Verantwortung." In einer Welt, die nach externen Lösungen sucht – Technologie, Regulation, Märkte – verlagert er den Fokus zurück auf Bewusstsein, Atmung, Präsenz. Wenn wir nicht bewusst sind, sagt er, sind wir kein menschliches Wesen im eigentlichen Sinn. Ein einzig gelebter Moment in voller Anwesenheit kann mehr wert sein als hundert Jahre automatisierter Routine.
 
Übertragen auf Davos heißt das: Green Transition und KI werden nur so harmonisch, wie die Frequenz der Menschen, die sie steuern. Harmonic Leadership ist damit kein esoterischer Randgedanke, sondern eine Führungsanforderung: Verantwortung für Frieden, für unbedingte Liebe statt Statuswettlauf, für Entscheidungen, die nicht nur strategisch, sondern seelisch tragfähig sind.
 
Was die Zukunft mehr braucht als Technologie
Aus diesen drei Signalen ergibt sich ein roter Faden: Die Zukunft braucht weniger zusätzliche Tools – und mehr innere und strukturelle Reife im Umgang mit dem, was wir bereits können. Heilung statt bloßer Optimierung. Repräsentation als Grundlage gerechter Systeme. Harmonic Leadership als Bewusstseinsarbeit für Entscheidungsträger. „A Spirit of Dialogue" bedeutet in diesem Kontext nicht nur, miteinander zu reden, sondern sich verändern zu lassen. Zwischen Green Transition, KI und geopolitischer Unsicherheit entscheidet sich gerade, ob wir Technologie als Verstärker alter Muster nutzen – oder als Chance, Frequenzen von Verantwortung, Mitgefühl und echter Kooperation zu verstärken. Was Zukunft mehr braucht als Technologie, ist der Mut, sich an diesen drei Signalen messen zu lassen – auch dann, wenn der Kongress längst vorbei ist. 
 
Lesen Sie mehr zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums im Tagesbericht.

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg ist forum-Kuratorin, Präsidentin des Club of Budapest Germany, CEO Nadure GmbH, Lavivee GmbH und Sustain Plus GmbH, Gründerin VYBE Future Agency und WeEmpower. Die Zukunftsforscherin verbindet als Journalistin, Aktivistin, TEDx-Speakerin, Bestsellerautorin und Impact-Unternehmerin Nachhaltigkeit, Innovation und (Self-)Leadership. Als Vorständin, Stiftungs- und Aufsichtsrätin von Impact Organisationen wie Plant for the Planet, Muhammad Yunus’ Friends of Social Business und Ustinov Foundation gestaltet sie gesellschaftlichen Wandel aktiv mit.  

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