Evelyn Rottengatter
Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 09.03.2026
Freiheit des Saatguts ist Freiheit des Lebens
Im Gespräch mit Vandana Shiva über Freiheit, lebendige Ökonomien und die Weisheit der Erde
Anlässlich des Weltfrauentags sprachen wir mit einer der inspirierendsten, visionärsten und stärksten Frauen überhaupt: Vandana Shiva. Sie ist indische Physikerin, Umweltaktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises. Sie setzt sich seit Jahrzehnten für ökologische Landwirtschaft, Saatgutfreiheit und Ernährungssouveränität ein. Im Interview spricht sie über die Bedeutung lebendiger Ökonomien, den Irrweg künstlicher Lebensmittel – und warum wahre Freiheit im Einklang mit der Erde beginnt.

Frau Shiva, was bedeutet Freiheit für Sie – auch im ökologischen Sinn?
Freiheit ist kein Privileg, sondern ein Geburtsrecht. Sie wird uns nicht von Regierungen oder Konzernen gewährt – sie ist ein Geschenk des Lebens selbst. Die Erde ist frei, und mit ihr alle Wesen. Doch diese Freiheit wird zunehmend bedroht: durch Kolonialismus, patriarchale Strukturen und besonders durch Konzerne, die natürliche Ressourcen vereinnahmen. Für mich ist Freiheit daher auch die Freiheit der Erde – und meiner Arbeit widme ich mich dem Schutz dieser Freiheit, insbesondere für Frauen, Kleinbauern und die biologische Vielfalt.
Sie sprechen oft von der Erde als „Mutter". Was bedeutet dieses Bild für Sie?
In vielen Kulturen – in Indien, bei indigenen Völkern weltweit – wird die Erde als „Mutter" verehrt. Das ist keine Metapher, sondern eine existenzielle Wahrheit: Die Erde nährt uns, sie schenkt uns Wasser, Luft, Nahrung, Leben. Diese Lebendigkeit verdient Respekt, Dankbarkeit, Fürsorge. Das industrielle Denken hingegen degradiert sie zur bloßen Ressource. Wenn wir die Erde als lebendiges Wesen begreifen, verändert sich unsere Beziehung grundlegend – dann handeln wir aus Liebe, nicht aus Ausbeutung.
„Die Zukunft ist lokal – oder gar nicht."
Vandana Shiva
Ein zentrales Thema Ihrer Arbeit ist das Saatgut. Warum ist der freie Zugang dazu so zentral?
Alles, was wir essen, beginnt mit Saatgut. Es ist die Grundlage unserer Ernährung, unserer Landwirtschaft – unseres Lebens. Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Nahrung und damit die Gesellschaft. Große Konzerne wie Monsanto haben in den letzten Jahrzehnten versucht, über Patente auf gentechnisch verändertes Saatgut die Bauern in Abhängigkeit zu zwingen. Dieses Saatgut kann nicht wiederverwendet werden, die Bauern müssen jedes Jahr neues, teures Saatgut kaufen – viele geraten dadurch in Schulden. In Indien hat das tragische Folgen: Zehntausende Bauern haben sich das Leben genommen.
Was halten Sie dem entgegen?
Ich habe Navdanya gegründet – das bedeutet „neun Samen". Unsere Initiative bewahrt traditionelles, freies Saatgut und fördert biologische Landwirtschaft. Über 900.000 Bauern und Bäuerinnen haben wir darin geschult, eigenes Saatgut zu züchten, zu speichern und zu tauschen. Die Natur kennt keine Knappheit: Ein einziger Samen kann sich, in Kooperation mit Erde, Wasser und Sonne, in Tausende verwandeln. Saatgut ist Leben – und Leben darf nicht patentiert werden.
Sie sagen, Menschen sollten „wie Samen" leben. Was meinen Sie damit?
Ein Same lebt in Beziehung – mit dem Boden, der Sonne, dem Wasser. Er ist selbstständig, aber eingebettet in ein Netzwerk. So sollten auch wir leben: unabhängig von zerstörerischen Systemen, aber verbunden mit anderen, in gegenseitiger Fürsorge. In einer Welt, die auf Wettbewerb und Kontrolle basiert, ist das ein radikaler Gedanke – aber ein notwendiger. Deshalb organisieren wir auch Festivals wie „Biodiversity is Life", zuletzt in Bracciano. Es ist inspirierend zu sehen, wie viele junge Menschen sich für diese Vision begeistern.
Unsere Gesellschaft definiert Wohlstand über Konsum. Warum, glauben Sie, macht das viele Menschen dennoch unglücklich?
Weil Konsum niemals ein inneres Bedürfnis stillt. Wir tragen dieselben Marken, essen dieselbe industrielle Nahrung – und landen in einer Monokultur des Geistes. Unser ständiger Vergleich mit anderen lässt uns nur sehen, was uns fehlt. Doch Glück liegt nicht im Haben, sondern im Sein. Wer genügsam lebt, lebt freier. Vielleicht brauchen wir keine Millionen, sondern einfach ein gutes Leben – mit Zeit, Beziehungen, Natur. Deshalb sage ich: Vergleicht euch nicht. Kooperiert, statt zu konkurrieren.
„In der Natur gibt es keine Knappheit – und so sollte es auch in unseren Herzen sein."
Vandana Shiva
In Ihrem Buch „Wahre Wirtschaft" fordern Sie eine lebendige Ökonomie. Was verstehen Sie darunter?
Eine Wirtschaft, die dem Leben dient, nicht dem Profit. In der Natur gibt es keine Einbahnstraßen – alles ist zirkulär, regenerativ, auf Gegenseitigkeit basierend. Mikroorganismen bauen Nährstoffe auf, Pilze tauschen mit Pflanzen, Wälder kommunizieren untereinander. Auch wir Menschen sollten so wirtschaften – im Kreislauf, lokal eingebettet, mit Respekt vor allem Lebendigen. Die industrielle Wirtschaft dagegen ist linear, extraktiv, zerstörerisch. Sie nimmt, verschwendet und hinterlässt Leere.
Ist diese lebendige Ökonomie zwangsläufig lokal?
Ja. Pilze im Boden reichen nicht bis ans andere Ende der Welt – ebenso wenig wie lebendige Ökonomien. Sie sind verwurzelt im Lokalen, angepasst an ihre Ökosysteme. Es ist die extraktive, globalisierte Wirtschaft, die alles nivelliert, Ressourcen verlagert und Macht konzentriert. Die Zukunft ist lokal – oder gar nicht. Wir sollten lokal essen, lokal einkaufen, lokal Verantwortung übernehmen. Das ist nicht rückwärtsgewandt, sondern visionär.
Wieso ist Landwirtschaft der zentrale Hebel für diese Veränderung?
Die Natur der NaturDie Klimazerrüttung: eine Stoffwechselstörung
Vandana Shiva
18,00 €
ISBN 978-3-89060-886-0
September 2025
In „Die Natur der Natur" deckt Vandana Shiva die wahren Ursachen der Klimakrise auf und zeigt, wie eng sie mit unserem Ernährungssystem verknüpft ist – insbesondere durch industrielle Landwirtschaft, Gentechnik und Konzerninteressen. Statt auf künstliche „Lösungen" zu setzen, plädiert sie für eine Rückbesinnung auf natürliche Kreisläufe, ökologische Landwirtschaft und die Zusammenarbeit mit der Natur als Weg aus der globalen Krise. |
Jeder Mensch isst – und hat dadurch täglich Einfluss. Landwirtschaft kann zerstören oder heilen. Durch ökologische, regenerative Praktiken können wir Böden aufbauen, CO? binden, Wasser schützen, Biodiversität fördern. Es ist ein Akt der Dankbarkeit gegenüber der Erde. Landwirtschaft ist für mich eine spirituelle Handlung – ein Ausdruck von Liebe und Fürsorge.
Was halten Sie von künstlichen Lebensmitteln aus dem Labor – sogenanntem „Fake Food"?
Sie sind für mich Ausdruck menschlicher Arroganz. Die Illusion, dass wir die Natur überlisten können, ist gefährlich. Laborfleisch, synthetische Milch – sie versprechen Nachhaltigkeit, führen aber zu neuen Problemen: enormer Energieverbrauch, neue Abhängigkeiten, gesundheitliche Risiken. Wir brauchen keine technologische Entfremdung, sondern Rückverbindung. Weniger konsumieren, mehr zurückgeben – das ist der Weg. Nachhaltigkeit beginnt mit Bescheidenheit, nicht mit Ersatzprodukten.
Was bedeutet Regeneration für Sie persönlich?
Regeneration ist das Wesen des Lebens. Die Erde macht es uns vor – täglich, durch Mikroben, durch Zyklen, durch Vielfalt. Wenn wir Teil dieses Prozesses werden, heilt nicht nur die Natur, sondern auch wir selbst. Ich habe von der Erde gelernt: Heilung geschieht durch Geduld, durch Geben, durch Verbindung. In der Natur gibt es keine Knappheit – und so sollte es auch in unseren Herzen sein.
Zum Schluss: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die junge Generation?
Vertraut der Erde. Sie ist nicht nur eine Ressource, sondern unsere größte Lehrerin. Lernt von ihren Kreisläufen, von ihrer Weisheit, von ihrer Großzügigkeit. Seid wie Samen: klein, aber kraftvoll. Verändert die Welt nicht durch Macht, sondern durch Verwurzelung. Das ist wahre Freiheit.
Vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch, Frau Shiva!
Weitere Infos zu Vandana Shiva: www.vandana-shiva.de
Evelyn Rottengatter ist freie Journalistin und engagiert sich zudem ehrenamtlich für Menschen- und Tierrechte sowie für die Gemeinwohlökonomie und die Agrarökologie.
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