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Beate Gebhardt

Mehr Dialog und mehr Transparenz – immer mehr!?

Eine Analyse des Deutschen Nachhaltigkeitspreises

Beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis (DNP) 2025 geht es nicht mehr nur ums Gewinnen und Präsentieren, sondern ums Lernen. Neue Juryformate, KI-gestützte Bewertungen und transparente Begründungen sollen Unternehmen helfen, ihre Nachhaltigkeitsleistung besser zu verstehen – und zu verbessern. Was sich verändert hat, zeigen Gespräche mit den Machern der Wettbewerbe.
 
 „Die wichtigste Änderung ist, dass wir noch stärker in die inhaltliche Diskussion kommen", sagt Dr. Otto Schulz, Vorstand der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. Anstelle reiner Preisverleihung setzt der DNP2025 auf Austauschformate: Masterclasses mit Preisträger:innen, Jurybegründungen für alle 100 Branchen und öffentliche Diskussionen darüber, was von den Gewinnern gelernt werden kann. „Wir wollen, dass Unternehmen sehen, warum sie gewonnen haben – und andere sich daran reiben können", so Schulz. 

Damit wird auch der Juryprozess transparenter. Es gibt schriftliche Jury-Begründungen, die vorab veröffentlicht werden. Jede Jury hat zudem eine:n Vorsitzende:n, um „inhaltlichen Dialog über Abstimmungen hinaus" zu fördern.

100 Branchen – 100 Wege zur Nachhaltigkeit
Schon seit 2023 wird der DNP in 100 Branchen vergeben. Für Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Schaltegger, Leiter des Centre for Sustainability Management (CSM) an der Leuphana Universität, ist das mehr als eine organisatorische Erweiterung: „Das Ziel ist, Nachhaltigkeit in die Breite zu tragen – nicht nur Leuchttürme zu küren, sondern ganze Branchen in Bewegung zu bringen." Diese Ausweitung erlaubt, die branchenspezifischen Herausforderungen besser zu würdigen: vom Maschinenbau bis zur Pflege. „Auf diese Weise", so Schaltegger, „entsteht Skalierung und Diffusion von Nachhaltigkeit – über die Pioniere hinaus."

KI und Feedback: Die Methodik wird digital
Eine der sichtbarsten Veränderungen spielt sich im Hintergrund ab. Dr. Matthias Kannegiesser, CEO von score4more und seit 2008 im DNP-Umfeld aktiv, verantwortet die datenbasierte Unternehmensbewertung. „Wir haben unser Scoring-Verfahren komplett KI-gestützt umgesetzt. Das klingt erstmal technisch, aber es reduziert den menschlichen Bias und stellt sicher, dass alle Unternehmen nach denselben Maßstäben bewertet werden." Neben der KI-gestützten Analyse gibt es nun Feedback-Funktionen: Unternehmen können ihr individuelles Scoring und die Begründungen einsehen, branchenspezifische Benchmarks abrufen und sich gezielt verbessern.

Damit wird der DNP zunehmend zum „lernenden Projekt", wie Kannegiesser sagt: „Der Preis überprüft und entwickelt seine Methodik, Formate und Wirksamkeit jedes Jahr weiter. Das war immer schon so – aber jetzt ist es sichtbar geworden."
 
Methodik der Exzellenz: So kürt der DNP seine Sieger. Ein mehrstufiges Verfahren aus objektivem Partner-Scoring und fundierter Jury-Expertise filtert die Vorreiter der Transformation in Branchen und Wettbewerbsfeldern heraus. © Dr. Beate Gebhardt
Groß, klein – oder gleichberechtigt?
Die Ausweitung auf 100 Branchen hat auch Kritik hervorgerufen: zu groß, zu technisch, zu sehr Bühne für die Großen? Kannegiesser widerspricht entschieden: „In unseren Daten sind rund 70 Prozent kleine und mittlere Unternehmen. Die Jury achtet sehr auf Vielfalt – es gewinnen nicht nur Konzerne, sondern auch kleine, mutige Spezialisten." Der Preis, betont auch Schulz, sei bewusst offen konzipiert: Bewerbungen sind kostenlos, der Prozess soll chancengleich bleiben. Und selbst bezahlte Zusatzangebote, wie das Benchmark-Scoring, hätten „keinen Einfluss auf die Juryentscheidung".

Lernen von den Besten
Mit den neuen Masterclasses verlagert sich der Fokus stärker auf die Lernwirkung. Schulz erklärt: „Früher standen der Nachhaltigkeitstag und die Preisverleihung nebeneinander. Jetzt fließt alles in eine Veranstaltung zusammen – mit offenen Gesprächsrunden, in denen Gewinner ihre Wege vorstellen und Teilnehmende direkt Fragen stellen können." Damit werde der DNP zu einem Ort des Dialogs, ergänzt Schaltegger: „Wenn Nachhaltigkeit gesellschaftlich wirksam werden soll, müssen wir zeigen, was funktioniert – und darüber reden."

Blick nach vorn: Der Nachhaltigkeitspreis 2030 – zwischen Utopie und Realität
Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2025 markiert einen Wendepunkt: weg vom reinen Wettbewerb, hin zu einem offenen Lernsystem für Wirtschaft und Gesellschaft. Ob KI, Masterclasses oder Jurytransparenz – sichtbar ist ein Preis, der sich selbst weiterentwickelt, um die Nachhaltigkeit anderer voranzubringen.

Am Ende der Gespräche richtet sich der Blick nach vorn. Wie könnte der DNP im Jahr 2030 aussehen? Otto Schulz hofft auf mehr Internationalität – und mehr Ehrlichkeit: „Wir müssen anfangen, planetare Grenzen auch wirklich planetar zu denken. Sonst feiern wir unsere CO2-Reduktionen, während wir Emissionen einfach importieren." Matthias Kannegiesser sieht den nächsten Entwicklungsschritt in messbaren Wirkungen: „2030 werden wir Nachhaltigkeit nicht mehr nur qualitativ beschreiben, sondern in Zahlen: weniger CO2, weniger Wasser, mehr erneuerbare Energien, mehr entsiegelte, regenerative Flächen. Das wird der Maßstab sein." Und Stefan Schaltegger formuliert die vielleicht schönste, wenn auch utopische Vision: „Vielleicht braucht es 2030 keinen Nachhaltigkeitspreis mehr – weil alle Unternehmen nachhaltig sind. Natürlich ist das völlig utopisch, aber genau das wäre das Ziel."

Dr. Beate Gebhardt ist Expertin für Nachhaltigkeit, Marktstudien und Verbraucherverhalten. Als Beraterin, Autorin und Dozentin begleitet sie Projekte an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis – mit Fokus auf Nachhaltigkeitsawards, Ernährungswirtschaft und strategische Kommunikation. 

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