Kai Platz
Lifestyle | Sport & Freizeit, Reisen, 01.06.2025
Kooperation statt Konkurrenz
Der Tourismus in Südtirol zeigt den Weg in eine enkeltaugliche Zukunft
Immer mehr touristische Hotspots klagen über Overtourism, Immobilienpreise, die sich Einheimische nicht mehr leisten können, Stress, Verkehrsbelastungen und eine immer größere Einkommensschere. Dabei kann gerade der Tourismus Kooperationen und Gemeinschaftsgefühl stärken und zur Entwicklung einer Region oder Stadt beitragen. Südtirol setzt deshalb auf innovative Partnerschaften. forum reiste in das außergewöhnliche Alpengebiet, um sich einige herausragende Beispiele anzusehen. Zur internationalen Nachahmung empfohlen!
Ein Paradebeispiel für die Innovationskraft solcher Kooperationen sind die Vitalpina Hotels. Etwa 30 Betriebe in Südtirol haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam ein naturnahes, gesundheitsorientiertes und regional verankertes Urlaubsmodell zu entwickeln, das auf Nachhaltigkeit und Kooperation basiert.Neben einem Mehrwegkonzept, das massiv zur Müllvermeidung beiträgt, zeigt auch der Beitritt zum Klimaneutralitätsbündnis „turn to zero", dass die Gruppe für die CO2-Emissionen aus dem Hotelbetrieb Verantwortung übernehmen will. Doch das Kernstück der Kooperationsstrategie ist die regionale Verankerung durch die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern.
Ein Tal voller Inspirationen
Die Bewohner des Ultentals sind begeistert dabei. Hannes Schwienbacher von der Bäckerei Ultner Brot erklärt: „Wir haben gemeinsam mit Vitalpina Fruchtriegel entwickelt, die nur aus heimischen Bio-Rohstoffen bestehen. Für eine möglichst nachhaltige Verpackung entwickelten wir innovative Lösungen und haben in Anlagen investiert."Ein weiteres Beispiel für gemeinwohl-orientiertes und auf Kooperation ausgerichtetes Unternehmertum in der Region ist die Wollmanufaktur „Bergauf" der Sozialgenossenschaft „Lebenswertes Ulten". Der Betrieb schafft hochwertige Produkte aus lokaler Wolle und gibt Menschen mit Beeinträchtigungen eine sinnstiftende Beschäftigung. „Unsere Kooperation mit lokalen Schafzüchtern und Tourismusbetrieben zeigt, wie Wirtschaft, Soziales, Tradition und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen können", betont Geschäftsführer Wolfgang Raffeiner.
Die Produkte der Manufaktur finden sich in den unterschiedlichen Hotels und Gastronomiebetrieben wieder, als kreativ gestaltete Wand, Einband für Speisekarten und in Decken, Matratzen und Teppichen aus Schafwolle. Damit werden die Produkte aus der Region für die Gäste praktisch erlebbar.
Dazu trägt auch das „Kräuterreich Ultental" bei. Es verbindet traditionelles Wissen über heimische Kräuter mit modernen Wellness-Konzepten und schult traditionelle handwerkliche Grundfertigkeiten. „Dieses Wissen geben wir an Landwirte und Gäste weiter und stärken damit lokale Wertschöpfungsketten", erläutert die Kräuterexpertin und Gründerin Traudl Schwienbacher. „Das soll auch folgenden Generation die Chance geben, vor Ort zu leben und zu arbeiten."
Win-Win in den einst armen Bergtälern
Der Waltershof, ein 4-Sterne-Erlebnishotel kauft dazu nicht nur die lokalen Produkte, sondern bezieht alle Menschen vor Ort ein. So können Vereine Räumlichkeiten des Hotels für ihre Treffen kostenlos nutzen, Schwimmkurse für Kinder durchführen und das ganze Dorf ist zum jährlichen Marktl-Tag im Hotel eingeladen.
„Wir pflegen die enge Verbindung zur Natur und Kultur des Ultentals", erklärt Hotelchefin Victoria Holzner, die gerade in ihrem Kräutergarten Zutaten für das Tagesmenü erntet, nachdem sie in der benachbarten Ziegenkäserei frische Aufstriche abgeholt hat. „Deswegen unterstützen wir auch die Arbeiten der lokalen Kunsthandwerker, die im Hotel Verwendung finden und auch von den Gästen sehr geschätzt werden." All das fördert die so wichtige Akzeptanz in der Bevölkerung und die Zufriedenheit der Angestellten, die ebenfalls überwiegend aus dem Ort, bzw. dem Tal kommen.
Authentizität als Erfolgsrezept
Im Pustertal setzt der Valserhof auf Authentizität und lokale Erlebnisse. „Unser Ansatz basiert auf der Überzeugung, dass echte Gastfreundschaft und die Einbindung in die lokale Kultur den Gästen ein unvergessliches Urlaubserlebnis bieten", erklärt Jung-Hotelier Felix Erlacher. Die enge Zusammenarbeit mit regionalen Produzenten und Anbietern von Outdoor-Aktivitäten schafft ein Netzwerk, das die gesamte Region stärkt.Selbst die Tourismusabgabe kommt den Einheimischen zugute: Sie erhalten den Skipass günstiger und der ÖPNV verkehrt regelmäßiger. Um Kooperationen dauerhaft zu festigen, engagiert sich Erlacher auch bei der Einkaufsgenossenschaft, dem örtlichen Heiz- und Wasserkraftwerk sowie im Verwaltungsrat des Tourismusverbands. Damit finden die Interessen des Hauses und des Tals auch in überregionalen Kooperationen und Verbänden Gehör.
Achtsamkeit als Lebensprinzip
Auch der Drumlerhof in Sand in Taufers zeigt, wie ein einzelner Betrieb durch klare Werte und generationenübergreifende Zusammenarbeit Nachhaltigkeit leben kann. Die Familie Innerhofer-Fauster führt das Hotel im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie. Stefan Fauster erklärt: „Nachhaltigkeit ist für uns kein Trend, sondern die große Herausforderung, Hotellerie neu zu denken.
Wie etwa beim Projekt „Taufrisch": Ein Gemeinschaftsgarten, der gerade im Sommer den Gemüsebedarf der beteiligten Hotels und Restaurants deckt und alte Sorten bevorzugt, die man sonst auf dem Großmarkt nicht findet. Das trägt zur lokalen Wertschöpfung bei, zur Kenntnis der Lieferkette und zu einem authentischen Gästeerlebnis. Es erhöht zusätzlich die Resilienz, weil man weniger von externen Lieferanten abhängig ist.
Fauster ist überzeugt: „Nur gemeinsam kann man im Tourismus wachsen!" Daher hat er das Konsortium „Zukunft Ahrntal" initiiert. Ziel ist die GSTC-Zertifizierung durch das Global Sustainable Tourism Council durch folgende Maßnahmen:
- Entwicklung nachhaltiger Mobilitätskonzepte im Tal
- Förderung regionaler Produkte in der Gastronomie
- Schaffung authentischer Kulturerlebnisse in Zusammenarbeit mit lokalen Vereinen
- Implementierung von Umweltschutzmaßnahmen in Kooperation mit Naturschutzorganisationen
- Einbindung der jüngeren Generation durch ein Jugendkomitee
Von Südtirol lernen
Die Beispiele zeigen eindrucksvoll, wie Kooperationen im Tourismus weit mehr als nur Marketingstrategien sein können. Sie sind der Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Entwicklung, die ökonomische, ökologische und soziale Aspekte in Einklang bringt.
Durch die Bündelung von Ressourcen, Wissen, Kapital und Kreativität gelingt es den Akteuren, …
- innovative und nachhaltige Produkte zu entwickeln,
- regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken,
- ursprüngliche und bleibende Urlaubserlebnisse zu schaffen,
- die lokale Kultur und Tradition zu bewahren, sowie
- Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung voranzutreiben.
Die Zukunft des nachhaltigen Tourismus liegt also in der Fähigkeit, Zusammenarbeit als Grundprinzip zu etablieren und dabei Gäste, Einheimische und die Umwelt gleichermaßen zu berücksichtigen.
Weiterlesen: Südtirols erstes klimapositives Naturhotel
Kai Platz ist Redakteur bei forum und betreut unter anderem das Kooperationsmanagement mit dem Themenschwerpunkt Tagen & Tourismus.
Dieser Artikel ist in forum 03/2025 - Der Wert der Böden erschienen.
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