Technik | Green Building, 11.06.2026
DGNB entwickelt neues Zertifizierungssystem für Bestandsquartiere
Transformation im Bestand gezielt voranbringen
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat einen Kriterienkatalog zur Zertifizierung von Bestandsquartieren veröffentlicht. Dieser ist im Vergleich zum etablierten DGNB System für die Neuentwicklung von Quartieren deutlich kompakter. Als Planungs- und Optimierungstool hilft die Zertifizierung Bestandshaltern, Kommunen, Sanierungsträgern und Wirtschaftsförderern dabei, den Ist-Zustand ihres Quartiers zu bewerten und eine geeignete Maßnahmenstrategie zu entwickeln, um dieses zukunftssicher zu transformieren. Das System ist auch für Baugenossenschaften und bei heterogenen Eigentümerstrukturen anwendbar.

Quartiere spielen für die DGNB zur Erreichung von Nachhaltigkeits- und Klimaschutzzielen im Bauen schon lange eine zentrale Rolle. Bereits seit 2011 gibt es hierfür eine eigene Variante des Zertifizierungssystems, das zuletzt im Jahr 2020 grundlegend überarbeitet wurde. Dieses für Stadtquartiere, Businessquartiere, Event Areale, Gewerbegebiete und Industriestandorte anwendbare System legt jedoch einen klaren Fokus auf die Entwicklung neu entstehender Quartiere. Auf die Frage, wie sich bestehende Quartiere zielgerichtet und zukunftsorientiert transformieren lassen, gab es bislang kein passgenaues Angebot.
Das ändert sich mit dem neuen DGNB System für bestehende Quartiere sowie deren Sanierung. Als Planungs- und Optimierungstool hilft es Eigentümern und Verwaltern von Bestandsquartieren und Sanierungsgebieten dabei, diese systematisch zu verbessern. Der ganzheitliche Nachhaltigkeitsansatz, wie ihn die DGNB seit jeher verfolgt, bildet auch hier die Grundlage. Demnach ist Klima- und Umweltschutz ebenso wichtig wie die Förderung des sozialen Zusammenhalts sowie eine langfristige Wirtschaftlichkeit im Rahmen der vorhandenen finanziellen Möglichkeiten.
Die Basis der Bewertung bildet eine Analyse des Ist-Zustands des Quartiers und die Entwicklung einer darauf aufbauenden Maßnahmenstrategie. Fußt die Neubauzertifizierung eher auf dem Prinzip der Effizienzorientierung, so geht es beim neuen DGNB System für Bestandsquartiere um Erhalt, Weiternutzung und um die Bindung von grauer Energie. Dem Beitrag einzelner Maßnahmen zur Transformationsleistung wird noch stärker als bislang Rechnung getragen. So will die DGNB zum schrittweisen Handeln motivieren, weshalb auch Teilerfolge honoriert werden.
„Uns geht es bei all dem weniger um die Auszeichnung von Leuchtturm-Projekten als vielmehr um die Transformation in der Breite", erklärt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB und forum-Kuratorin. Auch deshalb wurden die Anforderungen der Einstiegsstufen in den Kriterien im Vergleich zur Zertifizierung von neu gebauten Quartieren gezielt gesenkt.Schlanker Kriterienkatalog an sieben Pilotprojekten erfolgreich getestet
Der Kriterienkatalog ist das Ergebnis eines fast zweijährigen Beteiligungsprozesses mit zahlreichen Workshops. Mit Blick auf die Praxistauglichkeit wurden die Kriterien bereits an sieben Pilotprojekten getestet. Dabei hat sich gezeigt, dass diese Systementwicklung im Vergleich zu anderen Varianten der DGNB Zertifizierung besonders herausfordernd war. Gründe dafür waren die heterogenen Eigentumsstrukturen, Datenlücken sowie eine große Diversität beim Zustand der vorhandenen Bausubstanz. Sie machten es schwierig, ein gemeinsames Set an Anforderungen zu formulieren, das optimal anwendbar ist und zugleich keine unnötigen Kosten und Aufwand erzeugt.
Im Vergleich zum bestehenden Quartierssystem ist die Zertifizierung von Bestandsquartieren deutlich kompakter gehalten und umfasst mit insgesamt 15 Kriterien weniger als die Hälfte der Kriterien. Beim am stärksten gewichteten Kriterium „Klima und Energie" geht es darum, Quartiere auf angemessene Art und Weise in Richtung Klimaneutralität zu führen. Möglich wird dies mithilfe eines Energiekonzeptes, das individuelle CO2-Reduktionspfade festlegt. Besonders belohnt wird dabei die Umsetzung von Niedrigst-CO2-Maßnahmen.
Neben dem Klimaschutz bildet auch die Resilienz im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels ein zentrales Thema des DGNB Systems. Dies betrifft insbesondere die ökologischen Kriterien Wasser, Biodiversität sowie Fläche und Boden. Wesentlich sind zudem auch die ökonomischen Kriterien Klimaanpassung und Umweltrisiken sowie Anpassungsfähigkeit und Flexibilität.
Soziale Aspekte spielen ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Bewertung. Dabei geht es genauso um die Vielfalt für Menschen wie um Freiraum, Mobilität sowie die Einbindung des Quartiers ins Umfeld. Belohnt werden zudem Partizipationsprozesse und ein systematisches Quartiersmanagement, um die Nachhaltigkeitspotenziale in Betrieb und Nutzung langfristig auszuschöpfen.
Verschiedene Fördermöglichkeiten vorhanden
Für Interessierte gibt es bereits jetzt eine Reihe von Fördermöglichkeiten und Finanzierungsvorteilen, die inhaltliche Schnittstellen zur DGNB Zertifizierung aufweisen und die Umsetzung nachhaltiger Quartiersentwicklungen unterstützen können. Zu nennen ist hier beispielsweise das KfW-Programm 432 „Energetische Stadtsanierung" oder die Städtebauförderung für Kommunen, bei denen Maßnahmen, die sich inhaltlich mit dem DGNB System decken, in der Regel gefördert werden. Sollten einzelne Gebäude im Quartier ein separates DGNB Zertifikat anstreben, ergeben sich Vorteile in Form von Vereinfachungen bei der Nachweisführung.
„Wir können nur alle Kommunen und Quartiersentwickler, Bestandshalter und Sanierungsträger einladen, das DGNB System für Bestandsquartiere selbst einmal auszuprobieren", sagt Lemaitre. „Es hilft gezielt dabei, ungenutzte Potenziale systematisch auszuschöpfen. Je früher im Projektverlauf begonnen wird, sich mit den Kriterien und den dazugehörigen Zielkonflikten auseinanderzusetzen, umso mehr können sie profitieren."
Digitale Infoveranstaltung mit Praxiserfahrungen aus Pilotprojekt
Alle Informationen zur neuen Variante der DGNB Zertifizierung für Bestandsquartiere gibt es online unter www.dgnb.de/bestandsquartiere. Dort gibt es auch den vollständigen Kriterienkatalog kostenlos als Download.
Am 16. Juli 2026 stellt die DGNB das neue Zertifizierungssystem im Rahmen einer digitalen Informationsveranstaltung nochmals genauer vor. Mit dabei ist auch ein Projekt, das an der Pilotphase teilgenommen hatte und von den Praxiserfahrungen im Umgang mit dem System berichtet. Eine Anmeldung ist kostenlos über die Website der DGNB möglich.
Hinweis der Redaktion: forum erstellt aktuell eine Sonderausgabe "Zirkuläres Bauen". Akteure aus der Bauwirtschaft sind herzlich zur Mitwirkung eingeladen!
Kontakt: Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen - DGNB e.V., Pia Weiland | p.weiland@dgnb.de | www.dgnb.de
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