Kai Platz
Wirtschaft | Green Events, 14.01.2026
Prowinter Bozen: Nachhaltigkeit als Weg
Die Messe Bozen zeigt, wie nachhaltige Transformation im Messebetrieb geht
forum war zu Besuch auf der Prowinter, dem internationalen Treffpunkt des Sportfachhandel für Wintersport und Outdoor in Bozen, um einen Blick auf die Nachhaltigkeitsbemühungen der Messe zu werfen.

In Gesprächen mit Messedirektor Thomas Mur, Präsidentin Gerti Ladurner und Brand Managerin Geraldine Coccagna wurde deutlich: Nachhaltigkeit ist in Bozen kein Nebenprojekt, sondern wird auf Führungsebene sichtbar getragen. Alle drei beschreiben das Thema als Weg, auf dem man sich bewusst befindet – mit dem Anspruch, Maßnahmen kontinuierlich weiterzuentwickeln und gemeinsam mit Partnern und Ausstellern zu schärfen.
Dieses Selbstverständnis passt zur Atmosphäre vor Ort: Die Prowinter wirkt kompakt, nahbar und gut organisiert, punktet mit einem kompakten, angenehm menschlichen Format – und gerade deshalb eignet sie sich als Testfeld, um Nachhaltigkeit nicht nur zu behaupten, sondern im Betrieb Schritt für Schritt sichtbar zu machen.
„Nachhaltigste Messe Italiens" – ein Anspruch mit sichtbarem Meilenstein
Die Messe Bozen hat sich ein klares Ziel gesetzt: die nachhaltigste Messe Italiens zu werden. Ein erster wichtiger und auch für Besucher sichtbarer Schritt ist die Auszeichnung EarthCheck Silver – verbunden mit vielen kleinen und größeren Maßnahmen. Entscheidend ist dabei weniger das Label selbst als das, was dahinter steht: ein strukturiertes Vorgehen, das überprüfbar ist und nicht bei Einzelaktionen stehenbleibt.Weniger Material, weniger Müll, weniger Wettrüsten: was am Standbau auffällt
Nachhaltigkeit beginnt bei Messen oft dort, wo man sie sofort sieht: beim Bauen, Ausstatten, Wegwerfen. In Bozen fallen gleich mehrere Punkte positiv auf:
- Keine Teppiche in den Messegängen, die nach wenigen Tagen entsorgt werden müssten.
- Stände sind überwiegend standardisiert und nicht übermäßig groß. Das spart Budget, reduziert Materialeinsatz und verhindert, dass jedes Mal neue „Showrooms" gebaut werden, die am Ende wieder im Abfall landen.
- Auch das gefühlte „Wettrüsten" – größer, teurer, spektakulärer – ist hier deutlich gebremst. Für Besucher heißt das: bessere Orientierung. Für die Nachhaltigkeitsbilanz: weniger Aufwand, weniger Ressourcen, weniger Entsorgung.
Gerade diese Kombination – kompakt, überschaubar, ohne überdrehte Inszenierung – macht das Format interessant: Es wirkt wie eine Messe, die ihre Rolle neu definiert, ohne den Charakter einer Fachplattform zu verlieren.
Mobilität und Infrastruktur: gute Hebel, die bereits greifen
Ein weiterer Bereich, in dem Bozen spürbar ansetzt, ist die Mobilität – ein zentraler Emissionshebel bei Veranstaltungen.
- E-Ladeinfrastruktur auf den Parkplätzen ist vorhanden.
- Kostenlose Tickets für den Nahverkehr in Verbindung mit dem Messeticket schaffen einen echten Anreiz, in Südtirol ohne Auto unterwegs zu sein.
- Und nicht zuletzt: Die Lage der Messe macht es möglich, auch aus dem DACH-Raum klimafreundlicher anzureisen. Die Bahnanreise aus München ist unkompliziert in vier Stunden möglich – und genau diese Erreichbarkeit ist ein Joker, den Bozen als Veranstaltungsort ausspielen kann.
Nachhaltigkeit im Prowinter Award: sanfter Einstieg, klare Lernkurve
Ein starkes Signal kam in diesem Jahr aus dem Programm: Beim Prowinter Award wurde Nachhaltigkeit neu als Kriterium eingeführt – mit 10 % der Gesamtpunkte. Das war bewusst als Startpunkt gedacht, damit sich Einreicher und Jury an Anforderungen, Nachweise und Sprache der Nachhaltigkeit gewöhnen können.Fachlich begleitet wurde das durch Mario Pinoli, der seit über 30 Jahren im Nachhaltigkeits- und Zertifizierungsumfeld arbeitet. Gleichzeitig zeigte sich im Prozess sehr konkret, wo die Branche aktuell steht: Viele Nominierte können die geforderten Informationen noch gar nicht oder nur mit erheblichem Aufwand liefern – weil Daten, Dokumentation und Zuständigkeiten in den Unternehmen oft fehlen oder noch nicht sauber aufgesetzt sind.
Genau deshalb ist die neue Gewichtung ein sinnvoller Startpunkt: Für das nächste Jahr sind alle vorgewarnt. Nach der diesjährigen Messe wird nun entschieden, in welchem Umfang und mit welchen Kriterien Nachhaltigkeit beim nächsten Award eine Rolle spielen soll.
Perspektiven zum Reifegrad der Branche
Italien: Aufholprozess, aber noch viel Grundlagenarbeit
Im Gespräch mit Günther Acherer (Italian Outdoor Group) wurde deutlich: In Italien wächst das Engagement – gerade in Schuh- und Textilsegmenten –, doch viele Unternehmen stehen noch am Anfang. Nicht aus bösem Willen, sondern weil Nachhaltigkeit in der Praxis heißt: Prozesse aufsetzen, Daten erheben, Lieferketten verstehen, Zuständigkeiten klären. Acherer beschreibt das als Arbeit, die „vom kleinsten Detail in der Firma bis zum Zulieferer" reicht.
Besonders interessant ist seine Beobachtung zur Marktdynamik: Nachhaltigkeit ist zwar ein Begriff, der oft fällt – aber das Konsumentenverhalten (und damit auch der Druck über den Handel) bremst noch. Sein pragmatischer Punkt: Greifbar wird Nachhaltigkeit für viele dort, wo es um Produktsicherheit geht – Materialien, Färbung, Schadstoffe. Das ist ein Ansatz, den die Branche stärker nutzen könnte, um aus abstrakten Debatten in konkrete Kauf- und Beschaffungsentscheidungen zu kommen.
Skandinavien: mehr Kooperation bei Nachhaltigkeit, mehr Reibung im Geschäft
Martin Kössler (Scandinavian Outdoor Group) sieht den Reifegrad anders: Bei Nachhaltigkeit steige die Kooperation, weil die Aufgaben zu groß seien, um sie alleine zu bewältigen. Gleichzeitig sieht er eine neue Reibung zwischen Marken und Handel – vor allem durch Direct-to-Consumer-Strategien und Abverkaufsdruck seit der Pandemie. Das sei ein echtes Risiko für die Branche, wenn Kooperation außerhalb der Nachhaltigkeitsthemen weiter abnimmt.
Für Bozen ist in diesem Kontext spannend: Das Scandinavian Village ist nicht nur Ausstellerfläche, sondern auch ein Signal, dass sich Märkte vernetzen – und dass es Formate braucht, die Kooperation erleichtern statt Wettbewerb zu verschärfen.
ICEBUG: Purpose, Kultur und Governance als Transformationshebel
Ein besonderer Perspektivwechsel kam im Gespräch mit David Ekelund (ICEBUG). Seine Kernthese ist so simpel wie unbequem: „The purpose of purpose is purpose." Wenn Purpose nur ein Instrument fürs Image ist, leidet Authentizität – und Mitarbeitende merken das sofort.
ICEBUG setzt den Gedanken praktisch um: dreimal pro Woche wird das Büro für eine Stunde geschlossen, damit Menschen sich bewegen – idealerweise draußen. Und: Das Unternehmen ordnet in einer Eigentümer-Direktive Gesellschaft und Natur als Stakeholder vor Shareholder-Interessen ein. Profitabilität bleibt wichtig, aber nicht als oberstes Ziel. Ein starkes Beispiel dafür, wie Nachhaltigkeit über Produktfragen hinaus auch Unternehmensführung und Kultur betrifft – und wie diese Dimension im Alltag tatsächlich sichtbar werden kann.
Room for Improvement: wo Messe Bozen nachschärfen kann
So überzeugend vieles bereits ist: Perfekt ist es noch nicht – und das ist auch nicht der Anspruch. Gerade weil die Messe sich als „auf dem Weg" versteht, lohnt der Blick auf die nächsten Hebel:
- Mehrweg in den Messehallen konsequenter ausrollen; mit Lösungen statt reinen Verboten. Kaffee schmeckt aus Porzellan besser, als aus Pappe
- Vegetarisch/vegan deutlich breiter anbieten und klarer kennzeichnen
- Bio und Fairtrade stärker priorisieren (Catering, Kaffee, Snacks)
- Aussteller-Guidelines schärfen: Giveaways und Werbematerialien nachhaltiger, keine Massen an Luftballons und kurzlebigen Einweg-Gimmicks
- Nachhaltigkeit im Award weiter professionalisieren: klare Nachweise, bessere Vergleichbarkeit, höhere Verbindlichkeit – ohne Überforderung, aber mit Ambition
Fazit: Der Weg ist eingeschlagen – die nächsten Schritte entscheiden über Wirkung
Die Prowinter in Bozen zeigt, wie Nachhaltigkeit bei Veranstaltungen konkret aussehen kann: mit Struktur (EarthCheck Silver), mit sichtbar weniger Wegwerf-Logik im Standbau, mit Mobilitätsanreizen – und mit dem Versuch, Nachhaltigkeit in Bewertungssysteme wie den Award zu integrieren.
Was aus den Interviews besonders hängen bleibt: Der Reifegrad der Branche ist sehr unterschiedlich. Viele wollen, haben aber noch keine Daten. Genau hier liegt die Chance – für Messen als Plattform, für Unternehmen als Umsetzer und auch für Medien als Übersetzer und Beschleuniger. Die Messe kann aktiv als Plattform zum Erfahrungsaustausch genutzt werden, auch über die Produkt- und Unternehmensebene hinaus.
Bozen wirkt dabei wie ein Ort, an dem man diese Transformation in einem kompakten Format testen kann – ohne den Anspruch, schon am Ziel zu sein. Entscheidend wird sein, ob aus den guten ersten Schritten nun konsequente Standards werden, die Jahr für Jahr sichtbar weitertragen.
Kai Platz ist Redakteur bei forum und betreut unter anderem das Kooperationsmanagement mit dem Themenschwerpunkt Tagen & Tourismus.
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