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Kai Platz

Messe-Events neu denken

Herausforderungen und Chancen einer umweltbewussten Eventgestaltung

Messe Bozen will die nachhaltigste Messe Italiens und damit ein Vorreiter in der Eventbranche werden. Ihr Direktor Thomas Mur, spricht im Interview über den tiefgreifenden Wandel der Eventbranche, neue Anforderungen an Locations und Partnerschaften – und wie Nachhaltigkeit zur Haltung wird. 

© Fiera MesseHerr Mur, warum will Messe Bozen ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit sein?
Die Entscheidung, Nachhaltigkeit strategisch in den Mittelpunkt unserer Entwicklung zu stellen, war kein Reflex auf äußere Trends, sondern Ausdruck einer schon lang existierenden inneren Haltung – und der Einsicht, dass wirtschaftliches Handeln in Zukunft nur dann Bestand haben wird, wenn es ökologisch und gesellschaftlich verantwortbar ist.

Messen gestalten Räume für Austausch, Innovation und Fortschritt. In dieser Rolle tragen wir Verantwortung: Wir glauben an eine Zukunft, die auch für kommende Generationen lebenswert ist. Das erfordert Mut zur Veränderung und einen klaren Kompass – nicht nur für uns selbst, sondern auch, um anderen Orientierung zu geben.

Welche Rolle spielt dabei die EarthCheck-Zertifizierung 
Thomas Mur auf der Fiera Messe in Bozen © Fiera MesseDer Weg zur EarthCheck-Zertifizierung begann mit einer umfassenden Analyse: Energie-, Wasser- und Abfallverbräuche, ESG-Prozesse, interne Richtlinien. Dabei haben wir nicht nur Lücken identifiziert, sondern neue Standards gesetzt; etwa mit der Einführung einer umfassenden Nachhaltigkeits-Policy. Die Auszeichnung EarthCheck Silver war ein sichtbarer Meilenstein, ist aber auch Verpflichtung, diesen Weg bis zur Zertifizierung EarthCheck Gold weiterzugehen.
 
Deshalb arbeiten wir intensiv daran, uns immer nachhaltiger aufzustellen. Ein zentrales Element ist dabei die Energieversorgung durch die eigene Photovoltaikanlage und zusätzlich mit 100% Ökostrom des lokalen Energieanbieters Alperia, mit dem wir auch Südtirols modernstes E-Ladezentrum mit 40 Ladepunkten auf unserem Gelände betreiben. Zudem fördern wir die nachhaltige Mobilität der Messe-Besucher und Aussteller durch kostenlose Tickets für den ÖPNV in Südtirol. 

Außerdem verzichten wir konsequent auf Einwegmaterialien: wie Plastikflaschen, oder Teppichböden in den Messegängen. Letzteres reduziert unsere CO2-Bilanz jährlich um rund 150 Tonnen. Und mit gemeinnützigen Vereinen wie den „Bröseljägern" setzen wir Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung um, etwa durch die gezielte Weitergabe nicht verbrauchter Speisen. 

Aber besonders wichtig: Unsere Veranstaltungen werden konsequent darauf ausgerichtet, nachhaltige Lösungen innerhalb der jeweiligen Branche sichtbar zu machen und zu fördern.
 
Wie schaffen Sie es Aussteller, Besucher und Dienstleister in Ihren Nachhaltigkeitsansatz einzubinden?
Nachhaltigkeit gelingt nur im Zusammenspiel. Wir bevorzugen deshalb Dienstleister, die Nachhaltigkeitszertifizierungen und ein sichtbares Commitment vorweisen, damit unser Anspruch entlang der gesamten Wertschöpfungskette mitgetragen wird.

Bei den Ausstellern setzen wir auf Transparenz und Dialog, um gemeinsam die nächsten Schritte in Richtung nachhaltiger Standgestaltung und ressourcenschonender Messeauftritte zu definieren.
 
Diese Maßnahmen wirken: Zum Beispiel im Bereich Abfallmanagement, wo wir klare und verbindliche Regeln etabliert haben: Wer Abfälle unsachgemäß entsorgt, trägt die Kosten. Das schafft Bewusstsein und führt zu deutlich mehr Eigenverantwortung auf allen Seiten.

Die Eventbranche steht unter Druck, sich neu zu erfinden. Wie gestalten Sie den Wandel?
In einer zunehmend digitalen und KI-geprägten Welt gewinnen reale Begegnungen, persönliche Beratung und direkte Interaktion zunehmend an Relevanz. Messen sind heute mehr denn je vertrauensbildende Plattformen. Sie bieten das, was Algorithmen nicht ersetzen können: Nähe, Glaubwürdigkeit und authentische Marken- und Produkterlebnisse.
 
Internationale Studien bestätigen, dass Präsenzveranstaltungen zu den effektivsten Marketinginstrumenten überhaupt zählen – mit messbarem wirtschaftlichem Nutzen für Unternehmen.
 
Wir schaffen deshalb Raum für interaktive Formate wie Roundtables oder Kurzvorträge. Dabei verstehen wir uns nicht nur als Veranstalter, sondern als Innovationsplattform und physischer Begegnungsraum für Wirtschaft, Gesellschaft und Zukunftsthemen.

 „Unsere EarthCheck-Zertifizierung und Formate wie „Klimahouse" oder „BEAM" sind klare Signale für Innovation und Verantwortungsübernahme."
Thomas Mur
 
Eventexperte Stefan Lohmann sagt: "Events müssen nicht lauter, sondern relevanter werden…" 
Der Satz bringt es auf den Punkt. Wir sind nicht lauter geworden – sondern fokussierter. Indem wir Themen gezielt aufbereiten, mit begrenzten Ressourcen strategischer umgehen, und unsere Messen fest bei den Akteuren der lokalen Wirtschaft verankern.
 
Gleichzeitig gelingt es uns durch den Einsatz neuer Technologien – etwa KI - Inhalte gezielter zu kuratieren und die Veranstaltungserfahrung für alle Beteiligten zu vertiefen...

Welche Rollen spielen dabei neue Veranstaltungsformate?
Unsere Rolle als Messe geht weit über das Veranstalten hinaus. Wir verstehen uns als Plattform, die Veränderung ermöglicht und werden damit zum Facilitator für nachhaltige Entwicklung.
 
Beispiele dafür sind der „Hotel Sustainability Award" auf der Fachmesse „Hotel" oder der „Wood Architecture Prize" im Rahmen von „Klimahouse": Damit fördern wir gezielt Pioniere, machen innovative Lösungen sichtbar und tragen so zur Verbreitung nachhaltiger Prinzipien in Hotellerie und Architektur bei.
 
Wir setzen auch auf neue Formate wie etwa „BEAM - Hospitality Gamechanger Summit", der auf persönliche Interaktion, thematische Tiefe und Qualität der Besucher setzt.
 
Kurz gesagt: Als Messe können wir nicht alles selbst verändern, aber wir können Voraussetzungen schaffen, um Veränderung zu ermöglichen. Für unsere Kunden, Aussteller, unsere Besucher – und auch für jene, die ihre eigenen Events bei uns organisieren. 

Wo sehen Sie die Messe Bozen in fünf Jahre
Unser Weg führt über Spezialisierung und Tiefe. Wir setzen auf die starken Themenfelder Südtirols und entwickeln genau dort Veranstaltungsformate mit Substanz. Möglich ist das nur, weil wir starke Partner haben – in der Region, aber zunehmend auch darüber hinaus. Dabei bildet Nachhaltigkeit unseren strategischen Rahmen, ökologisch wie wirtschaftlich. Denn wirtschaftlich nachhaltig zu handeln, heißt auch: dauerhaft erfolgreich zu sein.
 
In fünf Jahren sind wir damit eine Messeplattform, die nachhaltige Entwicklung nicht nur möglich macht, sondern messbar beschleunigt – durch Inhalte mit Wirkung, durch Begegnungen mit Bedeutung und durch Formate, die dauerhaft zukunftsweisend sind.

Gibt es Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Besucheransprüchen?
Wir sind ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen, das mit unternehmerischer Verantwortung agiert, denn ohne wirtschaftliche Stabilität sind weder Innovation noch Nachhaltigkeit langfristig möglich. Wir verstehen uns somit als Impulsgeber und Trendsetter für zukunftsfähige Entwicklungen, die mehr sind als einmalige Maßnahmen.
 
Unser Anspruch ist es, Formate zu schaffen, die wirtschaftlich tragfähig und nachhaltig wirksam sind um Qualität, Wirkung und Verantwortung in Einklang zu bringen.
 
„Es geht um Meaningful Connections: echte, sinnstiftende Begegnungen statt bloßer Reichweite." 
Thomas Mur

Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie?
Wir analysieren regelmäßig unsere Verbrauchsdaten – etwa zu Energie, Wasser, Abfall oder Mobilität – und vergleichen sie mit Vorjahren sowie mit Benchmarks anderer Veranstaltungsorte. Die EarthCheck-Zertifizierung liefert uns dafür ein strukturiertes Rahmenwerk mit klaren Messgrößen und transparenten Zielvorgaben.
 
Aber Erfolg zeigt sich für uns nicht nur in internen Kennzahlen. Er zeigt sich auch dann, wenn wir durch unsere Veranstaltungen neue Branchenstandards anstoßen und Unternehmen dazu inspirieren, ihre Lieferketten neu zu denken. Zusätzlich werten wir regelmäßig das Feedback unserer Aussteller, Besucher, Stakeholder und Partner aus – qualitativ wie quantitativ. 
 
Erfolg bedeutet für uns, dass der Veränderungsprozess Wirkung entfaltet – im eigenen Haus, aber vor allem in den Köpfen und Entscheidungen derer, die mit uns zusammenarbeiten.

Welche weiteren Veranstaltungsformate planen Sie - speziell mit Blick auf den deutschsprachigen Markt?
Wir haben bereits heute Formate mit internationaler Strahlkraft. „Interpoma", die Weltleitmesse rund um den Apfel, ist dafür ein Beispiel, mit wachsender Bedeutung auch für den deutschsprachigen Raum.
 
Ebenso wie „Prowinter", dass sich als einzigartiges B2B-Format für den Wintersport etabliert hat und besonders stolz sind wir auf „Klimahouse": Dieses Messeformat für energieeffizientes und nachhaltiges Bauen werden wir gemeinsam mit unserem Partner Hinte nach Deutschland exportieren. Das alles zeigt: Nachhaltige Formate aus Südtirol finden ihren Platz im europäischen Dialog.

Was sind Ihre drei wichtigsten Erkenntnisse auf dem Weg zur nachhaltigen Messe?
Erstens: Die Balance zwischen ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Nachhaltigkeit ist anspruchsvoll – aber essenziell. Eine Veranstaltung ist nur dann zukunftsfähig, wenn sie wirtschaftlich tragfähig bleibt, ökologische Belastungen reduziert und von der regionalen Bevölkerung mitgetragen wird. Nachhaltigkeit bedeutet: Qualität des Lebens zu erhalten – heute und morgen.
 
Zweitens: Werte brauchen Standhaftigkeit. Gerade in einer Zeit, in der geopolitische Krisen und wirtschaftlicher Druck die Debatte über nachhaltiges Wirtschaften ins Wanken bringen, ist es entscheidend, Orientierung zu geben – und den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben.
 
Und drittens: Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema und keine Ein-Personen-Aufgabe. Es betrifft das ganze Team – und beginnt mit Selbstreflexion. Der Mut, sich kritisch zu hinterfragen, Prozesse zu analysieren und sich kontinuierlich zu verbessern, ist eine Grundvoraussetzung. Als Messe tragen wir Verantwortung: nicht nur für das, was wir tun – sondern auch dafür, welche Entwicklungen wir sichtbar machen, fördern und beschleunigen. 

Herr Mur, wir danken für das Gespräch und wünschen viel Erfolg.
 
Hinweis: Dieser Beitrag ist die Langversion des gleichnamigen Artikels aus der forum-Ausgabe 04/25 „Zukunft gestalten"

Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.

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