Christoph Quarch

Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag

Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position: Moderne Technologien seien an sich nicht verwerflich. Nur müsse darauf geachtet werden, dass sie dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Dies sicherzustellen, sei eine zentrale Aufgabe sowohl der Politik als auch der Digitalwirtschaft. Was soll man davon halten? Hat der Papst das Recht, sich solcherart einzumischen? Und sind seine Bedenken begründet? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
 
© Fabio Fistarol, unsplash.com Herr Quarch, was hält der Philosoph von einem päpstlichen Lehrschreibens zu Fragen von Technologie und Wirtschaft?
Viel. Ich denke, der Papst hat nicht nur das Recht, sondern nachgerade die Pflicht, zu einem so wichtigen Thema wie KI seine Stimme zu erheben. Immerhin geht es dabei um nicht mehr und nicht weniger als um die Zukunft der Menschheit. So viel scheint mir nämlich sicher: Wenn es der Weltgemeinschaft nicht gelingt, verbindliche und verlässliche Leitplanken für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz aufzustellen, wird diese Technologie zu einer beispiellosen Bedrohung für uns alle. Damit muss man sich auch nicht mehr lange aufhalten. Die viel wichtigere Frage ist, wie solche Leitplanken aufgestellt werden können. Und da liegt es nahe, dass sich der Repräsentant von mehr als einer Milliarde Katholiken öffentlich Gedanken darüber macht; und dass er sich dabei auf das christliche Menschenbild und die katholische Soziallehre bezieht, ist legitim und konsequent. Immerhin ist er in der glücklichen Position, auf einen riesigen Fundus ethischer Diskurse zurückgreifen zu können.

Die Frage ist doch aber, ob die katholische Kirche noch über die nötige moralische Autorität verfügt, um ethische Normen aufzustellen.
Was mir an dem Schreiben des Papstes gefällt, ist, dass er der Versuchung widersteht, als moralischer Lehrmeister aufzutreten oder die Menschen zu maßregeln. Er gibt zu erkennen, dass er die Sache anders angehen will - so wie es der Titel vermuten lässt. Anstatt sich auf katholische Werte zu berufen, fokussiert sich Leo auf die sehr philosophische Frage, was es eigentlich mit dem Wesen des Menschen auf sich hat. Das ist klug, weil er nur auf diese Weise die Kriterien gewinnen kann, an denen sich auch außerhalb der Kirche auf einsichtige Weise entscheiden lässt, ob und wie KI-Systeme zum Einsatz gebracht werden dürfen. Natürlich argumentiert er dabei auf der Basis des christlichen Menschenbildes, das den Menschen anders als die herrschende Ideologie der US-amerikanischen Tech-Giganten nicht als technisch optimierbare Ego-Maschine deutet, sondern als fragiles, soziales Wesen, dessen Würde gerade darin besteht, in der Gemeinschaft mit anderen Menschen den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

Um seine Gedanken zu illustrieren, verweist der Papst auf biblische Geschichten: Er vergleicht die gegenwärtige Entwicklung der KI mit dem Turmbau zu Babel - einem gewaltigen Projekt, das damit endet, dass die Menschen einander nicht mehr verstehen. Und er vergleicht den von ihm befürworteten Umgang mit KI mit der Geschichte vom Wiederaufbau des zerstörten Tempels in Jerusalem - als ein ein Gemeinschaftsprojekt. Leuchtet Ihnen das ein?
Ja und nein. Den Vergleich der aktuellen KI-Industrie mit dem Turmbau zu Babel finde ich sehr stimmig. Auch ich sehe hier eine Dynamik, die jedes menschliche Maß sprengt. Zurecht hat der Historiker Yuval Noah Harari in seinem Weltbestseller "Homo Deus" darauf hingewiesen, dass hinter der techno-ökonomischen Ideologie der US-Tech-Giganten ein quasi religiöses Projekt steckt, das dem Menschen der Zukunft nicht mehr und nicht weniger als die Selbstvergottung in Aussicht stellt: Allmacht, Allwissenheit und Unsterblichkeit mit Hilfe von KI und anderen avancierten Technologien. Was der Papst darüber hinaus zu Recht geltend macht, ist, dass diese Heilsversprechen einem fragwürdigen Menschenbild folgen - einer Sichtweise, die dem christlichen Menschenbild diametral widerspricht. Der verheißene Homo Deus ist nämlich in Wahrheit nichts anderes als ein perfektionierter und auf Dauer gestellter Egoist, dem es nur um sich selbst geht. Dieses Menschenbild aber - und das ist es, was Leo vor allem kritisiert - ist in den KI-Systemen verbaut: in deren "Denkweise" und vor allem in dem Business-Modell, in dessen Dienst sie stehen. Das ist es, was KI so gefährlich macht. Nicht die Technik als solche, sondern das Mindset, das hier als "Intelligenz" postuliert wird.

Das heißt: Gegen KI wäre nichts einzuwenden, wenn sie ein anderes Menschenbild bzw. eine andere "Denkweise" operationalisiert - diejenige, die durch die Geschichte vom Wiederaufbau des Tempels illustriert wird?
Ja, so verstehe ich jedenfalls den Papst. Er möchte daran erinnern, dass Menschen ihrem Wesen nach keine rationalen Egoisten sind, sondern soziale Wesen, die über eine soziale Intelligenz verfügen - Wesen, die gut daran tun, nicht nur ihren eigenen Vorteil zu suchen, sondern sich in dasjenige einfügen, was Christen die "Schöpfungsordnung" nennen; und was die griechischen Philosophen als kosmische Ordnung bezeichneten. Beiden großen Traditionen geht es dabei darum, dass das Leben des Menschen nur dann gelingt, wenn es respektiert und achtet, was den Menschen als Menschen auszeichnet. Es geht um die Humanitas - nicht den artifiziell erzeugen Homo Deus, sondern den sozialen Homo Humanus. Und die Aufgabe, vor der wir alle miteinander stehen, ist, uns darüber zu verständigen, was für uns die unveräußerlichen Aspekte des Menschseins sind und wie es gelingen kann, auf dieser Grundlage ein Framework für die KI aufzustellen. Zu dieser Debatte einzuladen und einen hochwertigen Beitrag geliefert zu haben, ist in meinen Augen das Verdienst dieser Enzyklika.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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