Warum kann ich beim Online-Einkauf nicht nach Nachhaltigkeit sortieren? DU KANNST! Mehr erfahren.
Christoph Quarch

Das Recht des Stärkeren

Christoph Quarchs philosophische Analyse zum US-Angriff auf Venezuela

Am 3. Januar haben die USA Venezuela angegriffen und den Staatspräsidenten in ihre Gewalt gebracht. Dabei wurden zahlreiche Sicherheitskräfte und Zivilisten getötet. © OpenClipart-vectors, pixabay.comDas neue Jahr war noch keine drei Tage alt, da rollte eine Schockwelle rund um den Planeten: Die USA greifen Venezuela an, bombardieren Militäreinrichtungen und bringen den Staatspräsidenten Nicolas Maduro nebst seiner Ehefrau in ihre Gewalt. Wie nicht anders zu erwarten, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Trump-Anhänger in den USA und befreundete Staatschefs bejubeln den gelungenen Coup, kritische Stimmen hingegen werfen den USA vor, mit der Aktion einen eklatanten Verstoß gegen Völkerrecht und UN-Charta begangen zu haben. Vor allem in Europa wird die Sorge laut, Trump habe der internationalen Ordnung in Venezuela einen irreparablen Schaden zugefügt. Ist das Völkerrecht am Ende? Tritt an seine Stelle das Recht des Stärkeren, der sich legitimiert sieht, eigene Interessen gewaltsam durchzusetzen? Und wie kann man sich dazu verhalten? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autoren Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, lässt sich der US-Angriff auf Venezuela rechtsphilosophisch rechtfertigen?
Wie Sie schon sagen, müsste man dafür das sogenannte "Recht des Stärkeren" bemühen - ein Konzept, mit einer langen Geschichte. Zum ersten Mal begegnet man ihm in einem Dialog des Philosophen Platon. Dort tritt ein Redner namens Kallikles auf, der behauptet, dem Stärkeren stehe es zu, über die Schwächeren zu herrschen. Er begründet das mit einem Hinweis auf die Natur, in der die starken Tiere die schwächeren dominieren - ein Gedanke, der den Darwinismus des 19. Jahrhunderts vorwegnimmt. Die Herrschaft der Starken über die Schwachen wird also damit begründet, dass sie die natürliche Ordnung in den Verkehr der Menschen überträgt. Menschliche Gesetzgebungen hingegen seien widernatürlich: eine Erfindung der Schwachen, um die Starken zu domestizieren. In der neueren Zeit wurden diese Gedanken durch Friedrich Nietzsche zu neuem Leben erweckt, bevor sie nach dem zweiten Weltkrieg durch die Autorin Ayn Rand radikalisiert wurden - die hierzulande meist unbekannte, wichtigste Impulsgeberin der MAGA-Bewegung in den USA.

Mag sein, dass in der Natur der Löwe das Recht hat, Gazellen zu fressen, aber es fühlt sich trotzdem nicht richtig an, daraus ein Recht des Stärkeren im zwischenstaatlichen oder zwischenmenschlichen Verkehr herzuleiten. Was kann man diesem Konzept aus philosophischer Sicht entgegenhalten?
Man kann die ganze Geschichte der Rechtsphilosophie als das Projekt deuten, das "Recht des Stärkeren" zurückzuweisen. Den Anfang macht Sokrates, der in dem gerade erwähnten Text von Platon dem Kallikles mit einer Argumentation begegnet, die noch immer einiges für sich hat. Sokrates stimmt dem Kallikles darin zu, dass ein Rechtsprinzip nur legitimiert werden kann, indem man es aus der Natur herleitet. Nur hat Sokrates ein ganz anderes Naturverständnis. Für ihn ist die Natur - anders als für sein Gegenüber oder für Darwin - nicht ein Kampfplatz, auf dem der Stärkere sich gegen den Schwächeren durchsetzen darf und muss, sondern ein komplexes, interaktives System, dessen Gelingen daran hängt, dass alle Beteiligten miteinander kommunizieren und sich irgendwie verständigen und einigen. Die daraus hergeleitete Rechtsauffassung sagt: Naturgemäß ist eine Rechtsordnung nur dann, wenn sie die friedliche Interaktion innerhalb und zwischen den Staaten ermöglicht.

Aber lässt sich eine solche Argumentation überhaupt noch auf die Gegenwart übertragen? Ich sehe jedenfalls nicht, dass in der gegenwärtigen Debatte über die Rechtmäßigkeit des Angriffs auf Venezuela irgendjemand die Natur als Legitimationsgrundlage bemühen würde.
Das liegt daran, dass wir heute nicht mehr unter dem Einfluss des griechischen Denkens stehen, sondern unter dem Einfluss des Christentums. Hier haben wir die Idee eines allmächtigen Potentaten, der dem Menschen Gebote gibt, an die sie sich zu halten haben. Diese theologische Konstruktion ist die Blaupause für die neuzeitliche Staatstheorie, bei der Begriffe wie Souveränität und Macht ins Zentrum rücken. Auf diesem Boden wächst dann der sogenannte Rechtspositivismus, demzufolge Recht legitimiert ist durch die Macht, die es setzt. Dann ist die Frage nur: Wer ist diese Macht, oder wer hat diese Macht? Die Bürger eines Gemeinwesens, oder diejenigen, die über militärische und ökonomische Machtmittel verfügen? Antwort eins führt zu Demokratie und Rechtsetzung durch Übereinkunft, Antwort zwei zu Autokratie und Gewaltanwendung. Die USA haben sich jetzt für Antwort 2 entschieden. Das bedeutet: Weg mit dem Völkerrecht! Solange uns keiner aufhalten kann, nehmen wir uns, was wir wollen. China wird dem Beispiel folgen, Russland wird es weiterhin versuchen. 

Und wir in Europa halten weiterhin die Fahne des Völkerrechts aufrecht - was oft als Zeichen der Schwäche ausgelegt wird; und dies womöglich zu Recht, wenn Europa sich unfähig erweist, die USA von Grönland fernzuhalten. Können Sie mir einen Grund nennen, warum wir nicht auch zum Recht des Stärkeren übergehen sollten?
Ja, und dafür möchte ich auf Platon zurückkommen. Wir müssen uns fragen, worum es uns eigentlich geht. Platons Antwort war: Lebendigkeit; und das setzt voraus: freie Entfaltung des Lebens in der Interaktion mit anderen - denn niemand von uns kann sein Leben allein meistern. Um als Mensch wirklich lebendig zu sein, braucht es einen politischen Raum, der das zulässt. Wo das Recht des Stärkeren gilt, wird es genau das nicht geben. Autokratische Macht basiert unweigerlich auf der Unterdrückung menschlicher Freiheit und Lebendigkeit, beides sind unkontrollierbare Faktoren. Um sie zu eliminieren, muss man den Menschen weißmachen, ihr Leben erfülle sich darin, als Zahnrad in der Machterhaltungsmaschine der Mächtigen zu funktionieren und hemmungslos zu konsumieren, - genau das, was Tech-Bros, Rechtspopulisten und Autokraten wünschen. Wenn wir dem nichts entgegensetzen, wird ein menschenwürdiges Leben unmöglich werden. Wer für Humanität und Leben ist, hat deshalb keine andere Wahl, als sich für ein einiges Europa einzusetzen, das seine Stärke nicht aus Gewaltanwendung gewinnt, sondern daraus, der Wahrheit des Menschseins zu genügen. 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.


Neues "Mental Operating System" für Social Media und Ki-Systeme
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen.


Überlegen ist, wer Neues wagt
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen.


Re-Renaissance des europäischen Denkens
66 seconds for the future mit Dr. Christoph Quarch
Wir wissen immer mehr, aber verstehen wir noch genug? Christoph Quarch vergleicht die globalen Krisen unserer Zeit mit Fehlermeldungen eines Computers. Das Problem liegt dabei im "mentalen Betriebssystem" der Menschheit.


Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
18
APR
2026
Erneuerbare Energien verteidigen
Großdemonstrationen in mehreren Großstädten
Berlin, Hamburg, Köln, München
21
APR
2026
Sustainable Economy Summit
Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft
10117 Berlin
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Gesundheit & Wellness

Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Transformation braucht Gemeinschaft

We choose to go to the Moon… und was das kostet

BEAM 2026 - Hospitality Gamechanger Summit

Das Ende der Deutungshoheit. Oder ihr Neuanfang.

Ressourcenleicht leben 2045

Nachhaltigkeitskriterien bei Power-to-X

pacemaker.ai wird Smart Freight Centre-Mitglied und erreicht „Book and Claim”-Zertifizierung

gr33nUP: Neues Projekt an der Universität Paderborn fördert nachhaltige Geschäftsmodelle

  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Engagement Global gGmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • circulee GmbH
  • Global Nature Fund (GNF)
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • NOW Partners Foundation
  • WWF Deutschland
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • SUSTAYNR GmbH
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • 66 seconds for the future
  • ZamWirken e.V.
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig