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Roland Benedikter

Nachhaltigkeit und Kultur

Ein Kurzbericht von der MONDIACULT Konferenz 2025

Zur Nachhaltigkeit gehört heute immer stärker die Kultur. In Zeiten des Umbruchs, wo die Nachhaltigkeits-Agenda sowohl von geopolitischen wie inneren Gegnern in Ost und West angegriffen wird, verleiht Kultur ihr Stabilität. Das zeigte jüngst die größte globale Kulturkonferenz: die von der UNESCO organisierte Weltkonferenz MONDIACULT.
 
Eröffnungszeremonie der Mondiacult 2025, © Roland BenedikterSie fand vom 29. September bis 1. Oktober 2025 in Barcelona statt. Die Konferenz findet alle drei Jahre mit dem Ziel der Vereinigung von Nachhaltigkeit und Kultur statt. An ihrem Schnittpunkt sollen sich beide immer wieder neu erfinden.

Diese jüngste MONDIACULT-Konferenz war tatsächlich historisch: hatte sie doch zum Ziel, Kultur als eigenständiges Entwicklungsziel der Vereinten Nationen weltweit zu etablieren.

Kultur soll erstens im Kern der globalen UNO-Post-2030 Nachhaltigkeits-Agenda bis 2050 stehen.

Zweitens soll Kultur auch die Rolle einer alternativen Diplomatie einnehmen, weil in der heutigen internationalen Situation die wichtigsten Gremien zwischen Demokratien und Autokratie gespalten sind und traditionelle Weltpolitik deshalb gelähmt ist.

Die diesjährige MONDIACULT Konferenz markierte drittens einen historischen Fortschritt bei der Anerkennung von Kultur als zentralem Politik- und Gesellschaftsfaktor. So unter anderem durch den Plan, Kultur als eigenständiges, 18. Nachhaltigkeitsziel (SDG) in der bislang 17 Ziele umfassenden SDG-Agenda der Vereinten Nationen festzuschreiben.

Viertens wurde bei der Konferenz der erste Tatsachen- und Zustandsbericht über Kulturpolitiken weltweit vorgelegt, was zu ihrer stärkeren Vernetzung und Kohärenz führen soll.

Fünftens wurden zwei Themen grundsatzorientiert diskutiert: die Rolle der Kultur für den Frieden in einer Ära der Konflikte und die künftigen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz (KI) auf das bisherige Verständnis von Kultur.

Die MONDIACULT-Konferenz und ihr Zweck
MONDIACULT versammelte 2025 2.500 Kulturexperten, mehr als 100 Kulturminister, 30 interministeriale Arbeitsgruppen und 83 UNESCO-Lehrstühle aus 165 Mitgliedstaaten, um über den Zustand und die Zukunft der menschlichen Kultur zu diskutieren. Die Konferenz widmete sich dem Dialog zwischen Zivilgesellschaft und Politik über kulturelle Kern-Herausforderungen mit dem Ziel, Kultur zu Nachhaltigkeitszwecken stärker in globale Entwicklungs- und Politikrahmen zu integrieren.

Die Ausgabe 2025 zeichnete sich insbesondere durch die Behauptung des Multilateralismus in einer Ära der De-Globalisierung aus, wozu eine neue globale Agenda zur Stärkung der Rolle der Kultur in allen Bereichen der Gesellschaft gefordert wurde. Davon ausgegangen wurde, dass eine gemeinsame Menschheitskultur auf der Grundlage der Nachhaltigkeitsagenda heute Konturen annehmen kann, wenn eine bewußt auf Ausgleich und Zusammenarbeit ausgerichtete Politik sie unterstützt.

Die „Kultur der Menschheit" unter einem breiten Begriff fassen
Die Konferenz verfolgte zu diesem Zweck, wie die UNESCO insgesamt, einen weit gefassten Kulturbegriff. Dieser geht über die reine kulturelle Produktion hinaus. Er bezieht sich auf sozial vermittelte und geteilte Verhaltensweisen und Werte, die das Zusammenleben der Menschen über Generationen hinweg strukturieren. Trotz kultureller Vielfalt gibt es grundlegende Gemeinsamkeiten in der Art und Weise, wie Gemeinschaften Rituale, Ethik und Werte entwickeln, die für gesellschaftliche Ordnung und Vertrauen sorgen.

Kultur wird somit als ein sich langsam entwickelndes, grundlegendes Element der menschlichen Gesellschaft angesehen, das Kontinuität mit Innovationen und Kritik in Einklang bringt.

Kultur als verbindende Kraft inmitten globaler Herausforderungen
Jüngste Krisen wie die COVID-19-Pandemie und globale Konflikte haben den Bedarf an Kultur als Quelle von Sinn und Zusammenhalt erhöht. Der erste weltweite Bericht über Kulturpolitik, der auf der MONDIACULT vorgestellt wurde, zeigt, dass 93% der UNESCO-Mitgliedstaaten Kultur mittlerweile als zentralen Bestandteil ihrer Pläne für nachhaltige Entwicklung betrachten.

Das spiegelt die wachsende Anerkennung der wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung von Kultur wider. Der Bericht hebt jedoch auch erhebliche Ungleichheiten hervor, da die Kulturförderung in Europa und Nordamerika pro Kopf dreizehnmal höher ist als im Rest der Welt, was die Notwendigkeit einer inklusiven, datengestützten Kulturpolitik unterstreicht, die die verschiedenen Weltpraktiken verbindet.

Schlüsselthemen: Technologie, Ungleichheit und Frieden

Der Blick ins Plenum, © Roland BenedikterDie Konferenz konzentrierte sich auf drei wichtige Themen, die die Weltkultur heute prägen:

  • Künstliche Intelligenz und Technologie: Die UNESCO entwickelt ethische Leitlinien für KI und neue Neurotechnologien, um sicherzustellen, dass diese technologischen Fortschritte den menschlichen Werten dienen und nicht die Kultur ersetzen. Der Aufstieg der KI stellt traditionelle Bildungs- und Kulturinstitutionen vor Herausforderungen, erfordert aber auch die Förderung menschlicher Kreativität und interdisziplinärer Ansätze.
  • Abbau von Ungleichheit durch Kultur: Es gab auf der Konferenz Bestrebungen, Kultur als Menschenrecht anzuerkennen und als 18. SDG zu verankern, um Ungleichheiten zu beseitigen und weltweit die Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit zu fördern.
  • Kultur als Instrument für den Frieden: Die Gründung der UNTRAD (UN Unit for Non-Traditional Diplomacy) stellt die Kulturdiplomatie in den Mittelpunkt, um die Grenzen der konventionellen Diplomatie inmitten geopolitischer und ideologischer Spannungen zu überwinden.
Die künftige Rolle der Kultur in einer technologischen Welt
Während die Bedeutung der Kultur stetig zunimmt, da die Menschen weiterhin nach sinnvollen Verbindungen untereinander jenseits der Technologie suchen, gibt es Bedenken, dass Technologie, insbesondere die KI-gesteuerte „Chatbot-Kultur”, traditionelle kulturelle Rollen und Bildungssysteme schwächen könnte. Technologien können Nachhaltigkeit sowohl steigern, wie sie sie in Frage stellen können.

Die Fähigkeit, künftige Herausforderungen zu antizipieren und kulturelle Rechte mit technologischem Fortschritt in Einklang zu bringen, wird von den meisten Experten am Schnittpunkt zwischen Nachhaltigkeit und Kultur als entscheidend für die Aufrechterhaltung der menschlichen Identität und des sozialen Zusammenhalts angesehen, um gemeinsam sinnvollen und stetigen Fortschritt zu bewirken.

Auswirkungen auf Europa und den deutschsprachigen Raum
Europa positionierte sich auf der MONDIACULT zu Recht als kulturelles Laboratorium, das Einheit und Vielfalt in Einklang bringt. Im Rahmen der Konferenz wurden Pläne für einen europäischen Kulturkompass vorgestellt, um die menschliche Kreativität gegenüber generativen Technologien wie KI zu unterstützen.

Kulturelle Rechte und die Integration verschiedener Kulturen, insbesondere in urbanen Zentren, werden im Mittelpunkt künftiger Debatten zur europäischen Kulturpolitik stehen. Die Erfahrungen des europäischen Kontinents im Umgang mit kultureller Vielfalt bieten wertvolle Erkenntnisse für die globale Kulturpolitik.

Globale Perspektive und strategische Bedeutung der Kultur
Demografische Veränderungen deuten darauf hin, dass Kulturen im globalen Süden aufgrund des höheren Bevölkerungswachstums an Einfluss gewinnen werden, während hypertechnologische Kulturen des Nordens an globaler Bedeutung verlieren könnten. Das wird sich auf die Nachhaltigkeits-Agenda auswirken.

Europa kann sich durch die Aufrechterhaltung eines hohen kulturellen Selbstbewusstseins und die Förderung nicht-traditioneller Diplomatie kreativ in der sich wandelnden internationalen Kulturlandschaft positionieren, um Nachhaltigkeit weiterhin aktiv zur Kultur auszugestalten – und damit die Richtungnahme der Weltkultur bis 2050 beeinflussen.

Investitionen in Kultur dürften langfristig erhebliche Vorteile bringen und Kultur als zentrales Element der nachhaltigen Entwicklung und globalen Zusammenarbeit stärken.

Sicher ist insgesamt: die Anknüpfung nationaler und regionaler Nachhaltigkeitsinitiativen gerade auch in Deutschland an die Vereinten Nationen und ihre Aktivitäten im Kulturbereich wird wichtiger, um der Nachhaltigkeit die Zukunft zu sichern. Gerade vor Ort erfolgt Sicherung und Entwicklung künftig verstärkt durch globale Verbindung. Also mehr denn je: Global denken, lokal handeln – und lokal denken, global handeln!

Roland Benedikter, Dr. Dr. Dr., ist Politikwissenschaftler und Soziologe am Center for Advanced Studies von Eurac Research in Bozen und dort auch UNESCO-Lehrstuhlinhaber für Antizipation & Transformation. Er ist Mitglied des forum-Kuratoriums. 


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