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Kai Platz

Reisen mit positivem Impact für Mensch, Natur und Klima

Wie Reiseunternehmen mit Projektentwicklern zusammenarbeiten können

Irgendwie spürt man es, auch ohne alle Details zu kennen: Wir stehen als Menschheit vor einer existenziellen Krise. Der Klimawandel wird immer bedrohlicher, der Verlust an biologischer Vielfalt schreitet voran und immer noch gibt es 700 Millionen Menschen, die in extremer Armut leben. Passt Reisen da überhaupt noch in unsere Zeit?

Die Ernte wird vor Ort mit einer Art Mörser für den Eigenbedarf weiterverarbeitet. Durch die lokale Verarbeitung bleibt mehr Wertschöpfung zur Sicherung des Lebensunterhalts in der Region. © Christoph SchaafLasst uns mal die Perspektive weiten. Reisen kann eine großartige Möglichkeit sein, den eigenen Horizont zu erweitern, fremde und üppige Natur zu entdecken, die eigene Vorstellung vom Leben im Spiegel anderer Kulturen zu hinterfragen. Nach jeder echten Reise kommt man ein bisschen verändert zurück. Und: Idealerweise hat man dazu beigetragen, dass die Menschen, die man besucht hat, Einkommen und wirtschaftlich-soziale Perspektiven bekommen. Ein Beispiel: Der Tourismus in Vietnam hat laut ourworldindata einen Anteil von über neun Prozent am Bruttoinlandsprodukt.

Leider erfüllt der heutige Massentourismus diese unglaublichen Möglichkeiten des Reisens nicht einmal im Ansatz. Fliegen ist oft billiger als jedes andere Verkehrsmittel, die Zahl der Ankünfte hat sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt und die Entwicklung steigt exponentiell. Mit ihm steigen Emissionen und Ressourcenverbrauch. In Deutschland gehen zehn Prozent der Emissionen pro Einwohner auf das Konto des Tourismus. Internationale Touristikkonzerne verdienen mit Hotelkomplexen im globalen Süden viel Geld, das aber nicht primär der lokalen Bevölkerung zugutekommt. Die Reisenden schließlich bleiben oft unter sich und es findet kein echter kultureller Austausch statt. All das, was Reisen einmal war, scheint verloren gegangen zu sein.

Was ist die Alternative?
Um die positiven Aspekte des Reisens, den Austausch und die Entwicklungsperspektiven, zu erhalten, müssen wir das Reisen verändern. Es geht um Nachhaltigkeit und Regeneration – und das ist weit mehr als nur Klimaschutz:
  • Ökologische Nachhaltigkeit ist mehr als CO?: Natürlich müssen wir kompensieren und zwar mehr als wir emittieren und doch können wir auf mehr achten. Welche Ressourcen werden verwendet, um die Gäste mit Essen zu versorgen? Wie bewegt man sich im Land und wie können Tiere in ihrer natürlichen Umgebung geschützt werden? Wie ist der Umgang mit Abfall? Welche Energie wird verwendet?
  • Soziale Nachhaltigkeit ist mehr als faire Bezahlung: Wie kann man ganze lokale Wertschöpfungsketten aufbauen von der Rohware, über Verarbeitung bis Zubereitung? Wie kann man für Energieversorgung der Landbevölkerung sorgen? Wie ein naturpositives Wirtschaftswachstum unterstützen? Wie kann man Bildung von Kindern fördern?
  • Kulturelle Nachhaltigkeit ist mehr als Musik & Tanz: Wie können wir einen echten Einblick in das Leben der Menschen bekommen, ohne dass deren Lebensweise zur Folklore verkommt? Wie können Traditionen erhalten werden, wenn Kontakt zu anderen Kulturen besteht? Wie erfolgt kultureller Austausch auf Augenhöhe?
Kleine Unternehmen zeigen: Yes we can
TripLegend-Reisegruppen in Namibia. Mit dabei TripLegend Ambassador Tamara Bons. Freiwillige Helfer und Reisende unterstützen die Bewohner direkt und indirekt durch Partnerschaften, wodurch authentische Reiseerfahrungen mit dem positiven Impact der Reise verbunden werden. © TripLegendTripLegend, ein Berliner Start-up, hat sich diese Fragen zu Herzen genommen und kooperiert mit dem Münchner Social Business Unternehmen ClimateNuts, um echten sozialen und ökologischen Impact zu generieren. Sie arbeiten mit kleinen, lokalen Reiseveranstaltern zusammen, die Geheimtipps und Kontakt zu den Einheimischen haben, sie kaufen bei kleinen Unternehmen vor Ort ein und tragen damit dazu bei, dass Geld vor Ort nachhaltig verwendet und die Lebenssituation der einfachen Menschen verbessert wird. Sie kompensieren 110 Prozent der CO?-Emissionen jeder Reise. Und es gibt weitere Pioniere wie etwa REnatour oder Tourythm. Zertifizierer wie etwa TourCert und TravelLife und engagierte Berater wie Andreas Koch von blueContec oder Herbert Hamele von ecotrans. Sie haben es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, Reisen wieder zu dem zu machen, was es einmal war. Sie alle wollen dazu beitragen, Reisen zukunftsfähig zu gestalten.

Geht da nicht noch mehr Impact?
Kann man den Impact noch erhöhen? Ja, man kann und man muss. In vielen Regionen weltweit verschwinden die Wälder in erschreckendem Tempo. Die Gründe für die Entwaldung sind vielfältig: Die Menschen brauchen Platz für landwirtschaftliche Flächen, Siedlungen, Bergbau und Infrastrukturprojekte. Das Holz hat einen Wert am Markt und verspricht schnelles Geld für oftmals arme Menschen. Mit dem Wald verschwinden Tier- und Pflanzenarten, die natürlichen Senken für Treibhausgase verringern sich, Hitze und Dürre breiten sich aus und die Gefahr von Erdrutschen und Verlust an Boden steigt, wenn es regnet.

"Planst Du ein Jahr, so säe Korn, planst Du ein Jahrtausend, so pflanze Bäume."
Chinesisches Sprichwort

Auch hier gibt es großartige Lösungsansätze. Auf der Restor Plattform, einer Ausgründung der ETH Universität Zürich werden Renaturierungsprojekte gesammelt, dokumentiert und vernetzt, mittlerweile sind es 130.000 (!) Projekte in der ganzen Welt. Eine Schatztruhe an Kooperationsmöglichkeiten! ClimateNuts ist einer dieser Projektentwickler in Afrika, der die Herausforderungen Klimawandel, Artenschwund und globale Armut adressiert. Die Organisation pflanzt in Afrika zusammen mit Kleinbauern Nahrungswälder, die CO? binden, Wildtieren ein Zuhause bieten und für die Menschen in den Dörfern Ernährungssicherung und Einkommen bieten.

Wie sollte die Zukunft aussehen?
Die Branche sollte von den genannten Pionieren lernen. Reiseveranstalter der Zukunft leisten dann ökologischen Impact mit dem Aufbau von Agroforstsystemen, Investitionen in dezentrale, solare und biologische Lebensmittelproduktion und durch Kooperation mit lokalen Unternehmen. Die Reiseveranstalter der Zukunft nutzen Vernetzungsmöglichkeiten mit ökologisch-sozialen Projekten vor Ort und bieten ihren Kunden neben dem Urlaubserlebnis tiefgreifenden Einblick in Entwicklung und ökologische Projekte. Das Reisen der Zukunft wird damit wieder zu einem reichhaltigen Erlebnis und es hilft Mensch, Natur und Klima.

Kai Platz ist Wirtschaftsingenieur, festes Mitglied der forum-Redaktion und zuständig für den Bereich Tagen & Tourismus.

Gut zu wissen
  • www.gstcouncil.org 
    Der Global Sustainable Tourism Council verwaltet globale Standards für nachhaltiges Reisen und Tourismus.
  • tourismus-labelguide.org 
    Dieser Wegweiser unterstützt Sie, sich im touristischen Label-Dschungel zurechtzufinden.
  • www.travelife.info 
    Travelife ist eine Initiative mit dem Ziel, die Einführung von nachhaltigen Prinzipien im Tourismus zu ermöglichen. Sie verleiht das Travelife Zertifikat.
  • tourcert.org 
    TourCert berät und begleitet Tourismusunternehmen und Destinationen bei der Umsetzung einer nachhaltigen und erfolgreichen Wirtschaftsweise.
  • www.futouris.org 
    Futouris-Mitglieder engagieren sich weltweit für die Verbesserung der Lebensverhältnisse, den Erhalt der biologischen Vielfalt und den Umwelt- und Klimaschutz.
  • climatenuts.de 
    Climate Nuts ist ein innovatives Klima-Start-up, das Nahrungswälder in Afrika pflanzt, die Ernte vor Ort verarbeitet und für nachhaltige Unternehmen Waldpatenschaften anbietet.
  • triplegend.com 
    TripLegend ist die nachhaltige Reisemarke für junge Abenteurer für individuelle Reiseerlebnisse in Kleingruppen.
  • www.renatour.de 
    ReNatour ist nachhaltiger Tourismus in Reinkultur, ein alternativer Reiseveranstalter mit Schwerpunkt Familienurlaub.
  • www.greenpearls.com 
    Green Pearls ist die führende Quelle für grüne Hotels auf der ganzen Welt.

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2023 mit dem Schwerpunkt Innovationen & Lösungen - Innovationen und Lösungen für Klima und Umwelt erschienen.

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  • SUSTAYNR GmbH
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • WWF Deutschland
  • TÜV SÜD Akademie
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften