66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Christoph Quarch

Wille zur Macht und Lebensfeindlichkeit

Christoph Quarch analysiert den neuen Sexualkonservatismus, der auch in Deutschland zunehmend Resonanz findet.

Erst traf es Michelangelos David, nun geraten Shakespeares Dramen in die Schusslinie. Die großen Meisterwerke der Weltkultur sind im US-Bundesstaat Florida nicht mehr wohl gelitten; zumindest dann nicht, wenn sie „sexualisierte Inhalte" aufweisen, vor denen Schülerinnen und Schüler nach Ansicht der republikanischen Regierung um Gouverneur Ron DeSantis geschützt werden müssen. So will es ein neues Gesetz, das „Pornographie oder obszöne Beschreibungen sexuellen Verhaltens" in Klassenzimmern verbieten soll. Aber was steckt wirklich hinter diesem neuen Sexualkonservatismus, der auch in Deutschland zunehmend Resonanz findet? Darüber reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, aus der Sicht des Philosophen: Was veranlasst Menschen eigentlich dazu, „sexualisierte Inhalte" untersagen zu wollen?
Die Genitalien der Gipskopie von Michelangelos Florentiner David, die im 19. Jh. für Königin Victoria von England hergestellt wurde, wurden mit einem Feigenblatt bedeckt. © stokpic, pixabay.comDa Sie nach der Sicht des Philosophen fragen, antworte ich mit einem Philosophen, und zwar mit Friedrich Nietzsche. Seine Antwort wäre eine doppelte: Wille zur Macht und Lebensfeindlichkeit. Lebensfeindlichkeit deshalb, weil Sexualität die Kraft ist, vermöge derer das Leben am Leben bleibt. Man sollte meinen, dass Menschen diese Kraft schätzen, zumal dann, wenn sie sich bei anderer Gelegenheit als Sachwalter des ungeborenen Lebens aufspielen. Aber so ist es nicht. Diese Menschen verachten das Leben. Das Leben ist ihnen suspekt. Sie wollen es maßregeln – und zwar nach Maßgabe ihres eigenen Willens. Dafür brauchen sie Macht: Macht über das Leben, Kontrolle über die Menschen und ihre Sexualität. 

Die Protagonisten des amerikanischen Sexualkonservativismus geben als ihr Motiv an, Kinder und Jugendliche schützen zu wollen. 
Die Feinde des Lebens haben immer noch Wege gefunden, ihre Machtgelüste zu verschleiern. Meistens ist es die Religion, die ja auch bei den Republikanern dafür missbraucht wird. An diesem Punkt unterscheiden sie sich um keinen Deut von den Mullahs im Iran oder anderen rechtsgerichteten Despoten, die sich als Sittenwächter aufspielen. Mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen – oder von Frauen, die verschleiert werden müssen – hat das rein gar nichts zu tun. Zumal nicht in einer Welt, in der jeder minderjährige Smartphone-Besitzer mühelos Pornos anschauen kann. Würde es den rechten Sittenwächtern wirklich um Kinder und Jugendliche gehen, müssten sie dagegen Front machen – was aber nicht passiert. 

Aber steckt hier nicht ein echtes Problem: Kursieren in unseren digitalen Medien nicht tatsächlich zu viele „sexualisierte Inhalte", vor denen man Kinder und Jugendliche schützen sollte?
Selbstverständlich, aber Shakespeare und Michelangelo gehören sich nicht dazu – genauso wenig wie Tausende andere Meisterwerke der europäischen Kultur, die sicher auch bald auf den Index kommen. Ich war gerade in Pompeji. Keine Villa, die nicht ausgemalt gewesen wäre mit nackten Göttern oder erotischen Szenen. Dabei handelt es sich aber nicht um „sexualisierte Inhalte" oder „Porn", wie die US-Touristen witzelten, sondern um etwas völlig anderes: um erotische Kunst. Dass man heute den Unterschied nicht mehr versteht, ist die eigentliche Katastrophe. Erotische Kunst transformiert Sexualität in eine schöpferische, kulturbildende Kraft. Es ist kein Zufall, dass kulturelle Blütenzeiten immer auch Phasen waren, in denen Sexualität erotisch kultiviert wurde: die Antike, das 18. Jahrhundert, die 1970er Jahre.

In Ihren Augen ist der Sexualkonservatismus der amerikanischen Rechten ein Symptom des kulturellen Niedergangs?
Absolut. Eben darin sind sie sich ja alle gleich, die Republikaner, die Islamisten, die Rechtskonservativen: Sie wollen keine Kultur, sondern Herrschaft. Sie wollen keine Lebendigkeit, sondern Kontrolle. Sie fürchten die subversive Kraft der Sexualität und verteufeln deshalb den Eros. Am liebsten wäre ihnen ein Gemeinwesen wie eine Maschine: funktionabel, effizient, kontrollierbar, steril, sicher – und tot. Sexualität, Erotik, Leidenschaft. Das alles hat dort keinen Platz. Und klassische Literatur, die Menschen dazu veranlassen könnte, gegen die Sterilität und Lebensfeindschaft des rechten Denkens aufzubegehren, muss unter fadenscheinigsten Gründen verboten werden. Es bleibt doch immer gleich: Wer sich als Sittenwächter geriert, denkt nur an seine eigene Macht. Das ist alles nichts als Heuchelei. 
 
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.


Wie sieht eine "Wahre Wirtschaft" aus?
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.


Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?


Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".


Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
20
MÄR
2026
Erneuerbare - rund um die Uhr (nutzen)
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
21
APR
2026
Sustainable Economy Summit
Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft
10117 Berlin
08
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Pioniere & Visionen

Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Die Chance der Krise

Auftakt mit Strahlkraft - Let's talk about Cotton

3-phasiges Solar- und Speichersystem der nächsten Generation mit integrierter Ersatzstromfunktion

Warum Recycling allein nicht reicht

Sondervermögen: Das 11 Milliarden-Potenzial des Klima- und Transformationsfonds (KTF)

Nachhaltig Ostern feiern

Klimaziele 2030 und 2040 werden deutlich verfehlt

Vertane Chance für mehr Menschenrechtsschutz in globalen Lieferketten

  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • WWF Deutschland
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • circulee GmbH
  • NOW Partners Foundation
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Engagement Global gGmbH
  • ZamWirken e.V.
  • SUSTAYNR GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • TÜV SÜD Akademie
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Global Nature Fund (GNF)