Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 10.04.2022
Anstand, Ehrgefühl und Respekt vor dem Leben
Christoph Quarch fordert dazu auf, sich angesichts des Grauens in der Ukraine der medialen Verrohung im eigenen Land entgegenzustellen
Systematische Exekutionen von Zivilisten, planmäßige Vergewaltigungen von Frauen, Schändungen von Leichen. Die Liste der mutmaßlich von Angehörigen der russischen Streitkräfte begangenen Kriegsverbrechen in der Ukraine wird Tag für Tag länger. Augenzeugenberichte und Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen lesen sich wie ein Panoptikum des Grauens. Zumal die Verbrechen nach heutigem Erkenntnisstand nicht von marodierenden Söldnern verübt wurden, sondern auf Anordnung russischer Offiziere. Wie kann man mit einer derart trostlosen Situation umgehen? Darüber sprechen wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, kann einem die Philosophie angesichts des Grauens in der Ukraine irgendeinen Trost spenden?
Ehrlich gesagt: Nein. Eher verschärft sie die Verzweiflung. Denn als Philosoph ist einem klar, dass die Verbrechen, die an der ukrainischen Zivilbevölkerung begangen werden, nicht allein die Opfer und ihre Angehörigen betreffen, sondern jeden einzelnen Menschen auf unserem Planeten. Was dort geschieht, ist ein Angriff auf die Menschheit, deren Würde auf eine barbarische Weise verletzt wird. Dabei werden nicht nur die Opfer ihrer Humanität beraubt. Auch die Täter enthumanisieren sich selbst. Und dass die verantwortlichen Militärs und Politiker, die so etwas nicht nur dulden, sondern anordnen, unbehelligt bleiben könnten, ist schlechterdings unerträglich.Die Verantwortlichen könnten vor einem internationalen Kriegsverbrechertribunal angeklagt und zur Rechenschaft gezogen werden, wie die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Nicola Beer, gefordert hat.
Ja, aber ob es jemals dazu kommen wird, ist mehr als fraglich. Zumal berichtet wird, dass die russischen Streitkräfte systematisch die Spuren ihrer Schandtaten vertuschen. Trotzdem ist es von allergrößter Wichtigkeit, dass wir den Glauben an die internationale Rechtsordnung bewahren. Wieviel Jahrhunderte hat die Menschheit gebraucht, bis sie sich auf die Genfer Konventionen oder die Haager Landkriegsordnung verständigen konnte? Es ist schlimm genug, dass es die russische Armee diese Errungenschaften mit Füßen tritt. Aber noch schlimmer wäre es, wenn wir aufhörten, uns auf das Recht zu berufen und auf seine Einhaltung zu pochen. Dann würden wir vor dem Bösen kapitulieren.
Können die Verbrechen, die in der Ukraine verübt werden, überhaupt jemals gesühnt werden?
Ich glaube, es gibt ein Ausmaß an Bosheit und Niedertracht, das unverzeihlich ist. So war es bei den Gräueltaten des Holocaust und so ist es auch bei dem, was in Batschi und andernorts geschehen ist. Hier hat man es mit dem Bösen in seiner radikalsten Erscheinungsform zu tun, bei der nicht nur Menschenleben vernichtet werden, sondern zugleich alle Werte und jeder Sinn – ja, die Humanität selbst. Man müsste ein gnädiger Gott sein, wenn man den Urhebern solcher Verbrechen vergeben wollte. Als Menschen bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als irgendwie mit dem Faktum des Bösen zu leben und unseren Lebenssinn darin zu finden, alles daran zu setzen, dass so etwas nie wieder geschieht; wohlwissend, dass die Barbarei vermutlich unausrottbar ist.
Das klingt nach einem verzweifelten Trotzdem. Wollen Sie damit unsere Leserinnen und Leser in das Osterwochenende entlassen?
Ungern, aber es wäre einfach nicht redlich, in dieser Angelegenheit Optimismus zu versprühen. Selbst wenn ich jetzt darauf hinwiese, dass erstaunlicherweise viele Kriegsverbrecher – etwa aus den Balkankriegen – zuletzt doch noch vor Gericht gestellt wurden, wäre das kein echter Trost. Nach meiner Erfahrung gibt es nur eine erfolgreiche Strategie, wie man mit dem Horror dieser Tage umgehen kann: nach vorne schauen und tätig werden; überlegen, was wir hier in Deutschland tun können, um der Barbarei zu wehren. Und da gibt es eine Menge zu tun. Denn Anstand, Ehrgefühl, Respekt vor dem Leben; das alles ist auch bei uns bedroht. In den sozialen Medien wird ebenfalls gemeuchelt und geschändet, was das Zeug hält. Bislang nur mit Worten, aber wer verbal verroht, wird seiner Niedertracht auch Taten folgen lassen. Hier sind wir alle gefragt: Deshalb – auch wenn es noch so berechtigt ist: Nicht nur Finger Pointing auf die Russen, sondern bitte auch ein beherzter Griff an die eigene Nase. Wehret den Anfängen!

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Wie sieht eine "Wahre Wirtschaft" aus?
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
20
MÄR
2026
MÄR
2026
Erneuerbare - rund um die Uhr (nutzen)
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
21
APR
2026
APR
2026
08
JUN
2026
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Politik
Gute Politik bedient nicht PartikularinteressenChristoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Jetzt auf forum:
Bundespreis Ecodesign 2026: Jetzt bis 02.April bewerben!
Campaigning School: Weiterbildung für strategische Kampagnenarbeit startet am 27. April 2026
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
4. Süddeutscher Holzbau Kongress (SHK) am 01./02. Juli 2026 in Stuttgart-Fellbach



















