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Christoph Quarch

Investitionen ermöglichen Zukunft

Christoph Quarch analysiert die aktuellen Debatten im Bundestag aus philosophischer Sicht

In Berlin wird in dieser Woche über Geld diskutiert - viel Geld. Kredite in Höhe von 81,8 Milliarden Euro will Bundesfinanzminister Lars Klingbeil in diesem Jahr aufnehmen, knapp 90 Milliarden sollen in 2026 folgen - und das bei Ausgaben von 503 Milliarden Euro noch in diesem Jahr. Den Griff in die Kasse begründet Klingbeil damit, dass das Land über Jahrzehnte kaputtgespart worden sei und deshalb "Rekordinvestitionen" in Infrastruktur und Industrie nötig seien - von der Bundeswehr ganz zu schweigen. Von der Opposition hagelt es Kritik: Die Regierung mache es sich zu einfach, lebe auf Pump und mute künftigen Generationen zu viel zu. Sparen oder Investieren - daran scheiden sich die Geister. Vielleicht hilft die Philosophie uns weiter. Christoph Quarch ist ein renommierter Vertreter dieser Zunft.
 
© elf-moondance, pixabay.comHerr Quarch, wie schafft man Zukunft: durch Sparen oder durch Investieren?
Ich votiere für Investieren. Und das aus zwei Gründen. Den ersten verdanke ich Martin Heidegger. Er sagt: Der Mensch ist zukünftiges Wesen. Wir sind offen auf Zukunft und genügen unserem Wesen nur dann, wenn wir uns auf die Zukunft hin entwerfen. Sparen ist keine zukunftsorientierte Strategie. Sie bedient die Interessen und Ängste der Heutigen - und die sind in Deutschland alt. Der von Wolfgang Schäuble initiierte Kult der Schwarzen Null war Politik fürs Seniorenheim. Das muss sich ändern. Wir brauchen Zukunftsorientierung. Und damit bin ich bei Punkt 2: Zukunftsorientierung bedeutet Generationengerechtigkeit. Wir Heutigen sind verantwortlich für künftige Generationen. Durch Sparen werden wir dieser Verantwortung nicht gerecht.

Die Kritiker des Haushaltsplans sehen das anders. Sie sagen: Es verstößt gegen die Generationengerechtigkeit, wenn man künftigen Generationen zumutet, in den kommenden Jahren Unsummen für die Schuldentilgung aufwenden zu müssen. Was wollen Sie dem entgegnen?
Es hängt alles davon ab, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Wenn es dazu dient, Wahlversprechen zu erfüllen oder Lobbygruppen zu bedienen, ist die Kritik berechtigt - vor allem, wenn damit wieder nur die Alten gepampert werden, wie im Fall der Mütterrente. Anders ist es, wenn das Geld in Infrastruktur und Militär geht. Den künftigen Generationen ist nicht geholfen, wenn man das Land verrotten lässt oder seine Verteidigungsfähigkeit preisgibt. Wer seinen Kindern etwas Gutes tun will, muss dafür sorgen, dass sie ein Land vorfinden, das ihnen alle Chancen gibt, ihren Weg zu gehen und selbständig zu entscheiden. Unserer Verantwortung für die Zukunft genügen wir nicht, indem wir sparen und nichts tun, sondern indem wir nach bestem Wissen und Gewissen unser Land auf Stand bringen.

Investieren bedeutet immer auch riskieren. Was, wenn die Investitionen scheitern - weil die Kosten explodieren, Arbeitskräfte fehlen oder der Klimawandel uns einen Strich durch die Rechnung macht?
Zukunft gestalten ist immer riskant. Aber sparen ist es nicht minder. Wir reden hier von Geld. Geld ist Energie - wenn das Geld auf dem Konto liegt, ist es bloß potenzielle Energie, die dem Wertschöpfungsprozess entzogen ist. Dafür ist das Geld nicht gemacht. Es muss in Umlauf gebracht werden, um seine Energie zu entfalten. Das erkannt zu haben, ist eine Stärke des Kapitalismus: Kapital ist dafür da, investiert zu werden, um die Wertschöpfung voranzubringen. Die verhängnisvolle Schwäche des Kapitalismus liegt jedoch darin, dass er für Kapitalgeber und Investoren einen Return of Invest fordert: also satte Renditen für wenige. So darf der Staat nicht denken. Seine Investitionen müssen dem Gemeinwohl dienen. 

Und was heißt das konkret?
Das heißt zum Beispiel, dass man die Stromsteuer nicht bloß für Landwirtschaft und Industrie senkt, sondern für alle. Das heißt, dass man in Energieautarkie investiert und nicht in neue Abhängigkeiten; dass man nicht die Mütterrente anhebt, sondern Geld in Bildung, Schulen, Hochschulen pumpt; dass man nicht die Alten umgarnt, sondern Anreize für junge Leute schafft, damit sie in Deutschland bleiben oder nach Deutschland kommen; dass man die Digitalisierung voranbringt. Jede Investition des Bundes muss sich daran messen lassen, in welchem Maße sie Zukunft ermöglicht. Ob das für den Haushaltsplan der aktuellen Regierung zutrifft, muss bezweifelt werden, zumindest in Teilen. Wäre Robert Habeck noch Wirtschaftsminister wäre ich diesbezüglich optimistischer.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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