82 Leistungen. Ein Vertrag. Ein Preis. Transformation as a Service - Planungssicherheit statt Projekte
Christoph Quarch

"Gerechtigkeit – soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit – ist so etwas wie die Gesundheit des Gemeinwesens"

Christoph Quarchs philosophische Überlegungen zur Kinderarmut in Deutschland

Knapp drei Millionen Kinder und Jugendliche leben in Armut. Das entspricht etwa jedem fünften Kind, also zwanzig Prozent. Darüber hinaus gelten mehr als zwei Millionen Kinder als armutsgefährdet, weil sie in Haushalten leben, deren Einkommen unter 60 % des mittleren Einkommens liegt. Damit liegt Deutschland auf Platz 25 von 39 untersuchten OECD- und EU-Staaten - und das trotz einer alles in allem wohlhabenden Gesellschaft. Warum tun wir uns schwer damit, unseren Wohlstand so zu verteilen, dass auch Kinder und Jugendliche davon profitieren? Wo ist unser Gerechtigkeitssinn geblieben? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.

Herr Quarch, wie erklären Sie sich, dass in unserem Land so viel Kinder und Jugendliche in Armut leben müssen?
© Katie Gerrard, unsplash.comKinderarmut ist ein Armutszeugnis für unsere ganze Gesellschaft. Da spielen vielen Faktoren zusammen - zumal, wenn man bedenkt, dass proportional zur Kinderarmut die Zahl der Superreichen ständig steigt. Man muss sich das klar machen: Knapp 4000 Personen in Deutschland besitzen mehr als ein Viertel des gesamten Finanzvermögens. Das zeigt, wie dsysfunktional unser System ist: Es lässt die Reichen reicher werden und den Mittelstand nach unten hin verarmen. Dass davon immer mehr Kinder und Jugendliche – und damit die Zukunft des Landes – betroffen sind, müsste in Berlin sämtliche Alarmglocken klingeln lassen – aber das geschieht nicht, weil die Wahlen von den Senioren entschieden werden und man deshalb wohl lieber die Renten erhöht als in Kinder und Jugend zu investieren.

Okay, wir wollen aber nicht über Politik reden, sondern über Philosophie. Sie sprachen von verschiedenen Faktoren, die man für die hohe Kinderarmut bedenken muss. Welche mentalen Ursachen sehen dafür in unserer Gesellschaft?
In unserer Gesellschaft hat sich ein Mindset der Besitzstandswahrung ausgeprägt. Man will unter keinen Umständen seinen Wohlstand gefährden - wobei ich mich frage, wie man von Wohlstand reden kann, wenn mehr als jedes fünfte Kind von Armut betroffen ist. Aber lassen wir das. Mein Eindruck ist, dass wir viel zu sehr in der Vergangenheit leben und vor der Zukunft die Augen verschließen - wie wollen nicht wahrhaben, was da auf uns zukommt: Klimawandel, Migration, geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Turbulenzen, die KI-Revolution. Würden wir es wahrhaben wollen, würden wir alle Anstrengungen dafür unternehmen, dass die wenigen Kinder und Jugendlichen, die wir noch haben, hier und heute all das bekommen, was sie brauchen, um morgen das Land übernehmen zu können.

Aber ist das nur eine Frage der Zukunftsblindheit? Hat das nicht auch etwas mit unserem Gerechtigkeitssinn zu tun?
Absolut. Gerechtigkeit bedeutet oft nichts anderes mehr als: das bekommen, von dem man meint, dass es einem zusteht. Das heißt: Gerechtigkeit wird ökonomisch gedacht: im Sinne eines fairen Austauschs von Geben und Nehmen. Aber mit diesem Gerechtigkeitskonzept allein kann man keinen Staat machen. Dafür braucht es ein Konzept politischer Gerechtigkeit, was seinerseits erst einmal ein politisches Denken voraussetzt. Darunter verstehe ich im Anschluss an Aristoteles ein Mindset, das nicht von der ständigen Sorge getrieben ist, als Einzelner bloß nicht zu kurz kommen zu dürfen. Wer politisch denkt, fragt danach, wie der Wohlstand in einem Gemeinwesen – einer polis – verteilt sein muss, damit es allen gut geht; was wiederum die Voraussetzung für den Bestand und die Stabilität der Gesellschaft ist.

Das heißt in Kurzform: Weniger Egoismus und mehr soziales Engagement?
Im Prinzip Ja. Aber nicht aus moralischen, sondern aus pragmatischen Gründen. Die Reichen und die Alten sollten nicht deshalb ihren Wohlstand mit den Armen und Jungen teilen, weil sie dadurch moralische Pluspunkte sammeln – sondern weil sie damit etwas für die Stabilität und den Fortbestand der Gesellschaft tun. Gerechtigkeit – soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit – ist so etwas wie die Gesundheit des Gemeinwesens – zumal dann, wenn man Gesundheit als das Gleichgewicht des Organismus deutet. Ist es gestört, werden wir krank. Genauso ist es mit der Gesellschaft: Ihr Gleichgewicht heißt Gerechtigkeit – doch wenn man über lange Zeit Ungerechtigkeit perpetuiert, wird sie irgendwann kollabieren; und das wird schneller geschehen, wenn ausgerechnet diejenigen ignoriert werden, die unsere Zukunft sind: unsere Kinder.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Könnte KI die Grundlagen der Mathematik zerstören?
Christoph Quarchs Überlegungen dazu, ob ein möglicher KI-Supergau näher rückt
Mathematiker sind eher stille Menschen. Wenn sie ihre Stimme erheben, muss etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein. So am 11. September, als 24 Fields-Medaillengewinner – quasi die Nobelpreisträger der Mathematik – in einem offenen Brief davor warnten, dass KI die Grundlagen der Mathematik zerstören könnte. Hintergrund ist eine Veröffentlichung des Tech-Giganten OpenAI, der zufolge es ihrer KI gelungen ist, eines der sieben „Millennium-Probleme“ zu lösen, die im Jahr 2000 als die wichtigsten mathematischen Aufgaben der Gegenwart ausgewählt wurden. Konkret werfen die Mathe-Cracks der KI vor, gegen ihr Wissenschaftsethos zu verstoßen: Dinge zu beweisen, ohne sie zu verstehen, sei eine Gefahr für die intellektuelle Arbeit im Allgemeinen. Sägt die KI an dem Ast, auf dem diejenigen sitzen, die sie überhaupt möglich gemacht haben? Ist das ein weiteres Indiz dafür, dass ein möglicher KI-Supergau näher rückt. Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.


Macht KI dumm?
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht.


Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten.


Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.


Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Die Natur lebt vom Kreislauf – und wir?

forum 04/2026

  • Kreislaufwirtschaft
  • Biodiversität
  • Bildung
  • Wasserweisheiten
  • Altöl im Kreislauf
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
08
OKT
2026
forumESGready - Fortsetzung unserer beliebten Online-Events ab 8. Oktober
Transformation im Mittelstand: Aktuelle relevante Themen in drei Terminen
Online
20
OKT
2026
Personalmesse München powered by Zukunft Personal
Die Messe für Recruiting, Personalmanagement, BGM und Weiterbildung
80939 München
23
NOV
2026
European Sustainability Week
Built on Trust. Driven by Insight. Focused on Impact. - Ticketrabatt für forum-Leser*innen
53639 Königswinter
Alle Veranstaltungen...
Transformation für den Mittelstand. In vier Wochen wissen, was zu tun ist.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Digitalisierung

Macht KI dumm?
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.

Jetzt auf forum:

Es brennt! Doch kaum regnet es, ist alles vergessen …

Wie smarte Technologie Würde und Sicherheit im Alter sichert

LEEF wird fürs Nachhaltigkeitsmanagement ausgezeichnet

Konkrete Gefahren für Betriebe

Nachhaltigkeit beginnt mit gutem Design

Bereits über 70 Veranstaltungen für Munich Climate Week 2026 angekündigt

Bessere Verpackungen, weniger Müll

Regenwald-Konferenz erhält den "Making a Difference" Award 2026 des Jane Goodall Instituts Deutschland

B.A.U.M. Insights
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • SUSTAYNR GmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • ZamWirken e.V.
  • Zendure DE GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • NOW Partners Foundation
  • Engagement Global gGmbH
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • 66 seconds for the future
  • WWF Deutschland