Christoph Quarch
Lifestyle | Kunst & Kultur, 23.06.2025
"Kulturpolitik, Literatur und die Freiheit des Wortes"
Christoph Quarch wünscht sich Literatur, die groß ist in dem, was sie zeigt, nicht in dem, was sie will
In dieser Woche findet in Darmstadt die Jahrestagung des deutschen PEN-Zentrums statt. Das Thema der Zusammenkunft der Schriftstellervereinigung lautet in diesem Jahr "Kulturpolitik, Literatur und die Freiheit des Wortes". Damit wollen die im PEN organisierten Autorinnen und Autoren ein deutliches Zeichen gegen zunehmende antidemokratische und rechtspopulistische Tendenzen setzen, die systematisch die Freiheit des Wortes und der Literatur einschränken. Aber tun sich Literaten wirklich einen Gefallen, wenn sie sich offensiv in die Kulturpolitik einmischen? Und was können sie und ihr Werk zur gesellschaftlichen Debatte beitragen? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, wie politisch kann und darf Literatur sein?
Ich glaube, Literatur ist immer politisch. Wer etwas schreibt, will etwas sagen - will ein Publikum erreichen. Deshalb übergibt er sein Werk der Öffentlichkeit. Und dadurch wird es automatisch politisch - auch dann, wenn der Autor das gar nicht wollte. Denken Sie nur an Salman Rushdie. Als er die "Satanischen Verse" schrieb, war das nicht als politisches Statement gemeint. Aber es wurde durch den iranischen Staatschef Chomeini dazu gemacht. Oder nehmen wir das Gedicht "The Hill We Climb" der jungen US-Amerikanischen Dichterin Amanda Gorman. Das war nur so lange unpolitische Poesie, bis sie es bei der Inaugurationsfeier von Joe Biden vortrug. Damit will ich sagen: Wie politisch Literatur ist, entscheidet nicht so sehr der Autor, sondern vielmehr die Öffentlichkeit, der sie übergeben wird.Das mag sein, aber es gibt doch auch Autoren, die dezidiert politisch sein wollen und ihre Werke als Beiträge zu öffentlichen politischen Diskussionen verstehen.
Bei dem, was Sie sagen, kommt mir Thomas Mann in den Sinn. 1929 hatte er den Literaturnobelpreis erhalten. Seitdem war er eine internationale Celebrity. Als solche sah er sich im Jahre 1930 dazu berufen, in Berlin seine "Deutsche Ansprache" zu halten, in der er mit einer für ihn ungewohnten Schärfe gegen Hitler und die NSDAP wetterte. Und dabei blieb es nicht. Immer wieder hat er sich gegen die Nazis positioniert und dafür einiges gewagt. Aber das tat er nicht primär als Autor, sondern als besorgter Bürger und gefeierter Promi. Als Autor ging er andere Wege. Da schrieb er den "Doktor Faustus", um die Katastrophe der Nazi-Zeit geistig zu durchdringen. Das ist - wenn Sie so wollen - zeitlose Literatur, die sich von der Tagespolitik gelöst hat; seine Reden und Rundfunkansprachen hingegen sind historische Dokumente.
Aber können nicht auch politische Statements wie die von Ihnen erwähnten Ansprachen von Thomas Mann als Literatur bezeichnet werden?
Okay, bei einem literarischen Genie wie Thomas Mann ist die Grenze zwischen „literarisch" und „nicht literarisch" durchlässig. Aber ich denke, es hilft trotzdem, sie im Geist zu ziehen. Wenn sich ein Autor oder eine Autorin - wie jetzt beim PEN-Kongress – zu kulturpolitischen Fragen äußern, dann ist das zunächst einmal eine Meinungsäußerung wie jede andere auch. Vielleicht hat sie ein besonderes Gewicht, weil sie aus der Mitte einer Art Berufsverband stammt - aber es wäre, meine ich, ein Missverständnis, ihr nur deshalb besondere Autorität zuzuschreiben, weil sie von einem Schriftsteller stammt. In Sachen Politik sind Schriftsteller genauso wenig Autoritäten wie Naturwissenschaftler oder Philosophen. Vielleicht können sie ihre Sichtweise schöner darbieten als andere und vielleicht erreichen sie durch ihre Prominenz ein großes Publikum. Aber Literatur ist etwas anderes.
Sie scheinen einen sehr hohen Begriff von Literatur zu haben. Woran denken Sie?
Literatur ist da am stärksten, wo sie ein klärendes, erhellendes Licht auf die Welt wirft - wenn sie die Welt so sehr verdichtet, dass etwas sichtbar und verstehbar wird; oder wenn sie etwas über den Menschen offenbart, was unserer Selbsterkenntnis dient. Literatur ist nicht groß in dem, was sie will, sondern in dem, was sie zeigt. Sie kann z.B. ein entlarvendes Licht auf die Lügen eines Regimes werfen - ohne konkretes politisches Statement, einfach, indem sie etwas zu erkennen gibt. Genau darin steckt ihre Kraft - und genau deshalb verbrennen Diktatoren so gute Literatur. Statements von einzelnen sind ungefährlich. Sie verbrauchen sich irgendwann. Aber ein Buch, dass die Wahrheit offenbart, ist Sprengstoff. Und genau davon wünsche ich mir mehr von unseren Literaten: mehr Sprengstoff und weniger Meinung.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.
Neues "Mental Operating System" für Social Media und Ki-Systeme
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen.
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen.
Überlegen ist, wer Neues wagt
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen.
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen.
Re-Renaissance des europäischen Denkens
66 seconds for the future mit Dr. Christoph Quarch
Wir wissen immer mehr, aber verstehen wir noch genug? Christoph Quarch vergleicht die globalen Krisen unserer Zeit mit Fehlermeldungen eines Computers. Das Problem liegt dabei im "mentalen Betriebssystem" der Menschheit.
66 seconds for the future mit Dr. Christoph Quarch
Wir wissen immer mehr, aber verstehen wir noch genug? Christoph Quarch vergleicht die globalen Krisen unserer Zeit mit Fehlermeldungen eines Computers. Das Problem liegt dabei im "mentalen Betriebssystem" der Menschheit.
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
20
MAI
2026
MAI
2026
21
MAI
2026
MAI
2026
Munich Impact Night
Dieser Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
Dieser Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
20
JUN
2026
JUN
2026
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Megatrends
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und HetzeChristoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Jetzt auf forum:
R*Evolution aus dem Kleiderschrank
Nachhaltig shoppen, ohne Detailseiten zu lesen?
Warnruf zur aktuellen Energiepolitik: Vermeintliche Mythen und die wahren Fakten
Letzte Chance auf eine umfassende Förderung
BEAM 2026 - Hospitality Gamechanger Summit
BMV fördert Ladeinfrastruktur für schweren Straßengüterverkehr
Neue Studie entzaubert „Wunderpflanzen“ für die Herstellung von Kraftstoffen




















