Sind wir alle viel zu geldfixiert geworden?
Mit Blick auf auf das Börsenchaos überlegt Christoph Quarch, was ein gutes Leben ausmacht
Diese Woche blickt die Welt gebannt auf ihre Börsenplätze: Kursverluste in Ost und West, Turbulenzen, schlechte Stimmung. Der Grund dafür ist schnell benannt: Der von US-Präsident Donald Trump vom Zaun gebrochene Zollkonflikt mit fast allen Handelspartnern führt bei Anlegern und Händlern zu Unsicherheit und Vertrauensverlust. Schon geistern Ängste vor globaler Rezession und Inflation durch die Medien. Sie beunruhigen auch diejenigen, die keine Wertpapierdepots ihr Eigen nennen und nicht mit Wertpapieren handeln. Wie kommt es, dass uns Börsenturbulenzen so leicht erschüttern? Sind wir zu sehr aufs Geld fixiert? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, warum wecken die Vorgänge um Trumps
Zollpolitik so viele Ängste bei den Menschen?
Wir alle haben uns angewöhnt, durch eine
ökonomische Brille in die Welt zu schauen. Das kann man niemandem vorwerfen,
denn alle Akzentsetzungen in Politik und Medien bedienen diese Denkweise. Ohne
genau zu verstehen, wieso eigentlich, erscheinen uns Rezession oder Inflation
als apokalyptische Szenarien, die unbedingt vermieden werden müssen. Umgekehrt
sind wir überzeugt, dass Wirtschaftswachstum wünschenswert ist und steigende
Aktienkurse die Verheißung einer glücklichen Zukunft sind. Aber das alles ist
wenig reflektiert und erinnert mich an religiöse Glaubenssätze. Und vielleicht
handelt es sich tatsächlich genau darum: um eine Pseudoreligion, die sich in
dem von den Kirchen hinterlassenen Vakuum ausgebreitet hat.
Anders als bei in der Kirche geht es an der Börse aber
doch um handfeste materielle Güter: Sinkende Aktienkurse gefährden nicht nur
die Vermögenswerte der Reichen, sondern auch die Altersvorsorge vieler
Bürgerinnen und Bürger. Ist nicht unser ganzer Wohlstand in Gefahr?
Ein guter Punkt, denn er wirft die Frage auf,
was das denn eigentlich sein soll - unser Wohlstand? Lässt sich Wohlstand
tatsächlich an Vermögenswerten festmachen oder geht es dabei nicht auch um
kulturelle Werte. Manchmal frage ich mich, ob wir nicht viel zu geldfixiert
geworden sind. Ein Beispiel: Wir haben bei uns daheim gerade eine Solaranlage
aufs Dach und eine Wärmepumpe im Vorgarten montieren lassen. Die Passanten, die
bei uns vorbeikommen, stellen immer nur die eine Frage: Ja, rechnet sich das
denn? Dass man auch andere als rein ökonomische Motive oder Gewinnabsichten
verfolgen könnte, scheint im Denken vieler Zeitgenossen nicht mehr vorzukommen.
Das finde ich äußerst bedenklich.
Naja,
money makes the world go round. Sie sagen ja selbst, dass wir in einer
Welt leben, die vom ökonomischen Denken beherrscht wird und dass man sich dem
kaum widersetzen kann. Was wollen Sie denen entgegenhalten, die dieser
Denkweise folgen?
Entgegenhalten will ich diesen Leuten gar nichts,
aber ich möchte sie gerne ins Nachdenken bringen. Meine Wärmepumpe ist dafür
ein gutes Beispiel dafür. Wenn ich nach dem ökonomischen Nutzen gefragt werde,
antworte ich, dass mir das ziemlich schnuppe ist: dass es mir vielmehr darum
geht, möglichst energie-autark zu sein und obendrein etwas für Klima und Umwelt
zu tun. Klar, die Leute schauen mich dann mit großen Augen an, aber dann
entsteht idealerweise ein Gespräch. Ich frage: Wofür sollte ich Geld sparen oder
gewinnen, wenn nicht für einen Zuwachs an Lebensqualität? Und ich erkläre, dass
ich mir genau das von meiner Wärmepumpe verspreche. Und dass ich deshalb mein
Geld dafür in die Hand nehme. Was ich damit sagen will: Geldverdienen oder
Sparen sollte nie ein Zweck an sich sein, sondern immer nur ein Mittel zum
Zweck - und zwar zum Zweck des guten Lebens. Nur das rechnet sich.
Aber kommt nicht vor dem guten Leben erst einmal das
Überleben – oder die Grundsicherung. Und dafür brauchen wir nun einmal Geld,
Rücklagen oder Vermögenswerte.
Vielleicht liegt genau da unser Problem: dass
wir meinen, die materielle Grundsicherung sei wichtiger als die Lebensqualität.
In seiner Abhandlung über die Ökonomie hat Aristoteles genau das bestritten. Er
sagt: Alles Wirtschaften muss Maß nehmen an einem guten Leben; und das
bedeutete für ihn: ein Leben in Freiheit, Muße und guter Gesellschaft.
Vielleicht würden wir heute noch das eine oder andere Kriterium dazu nehmen,
aber der springende Punkt ist: Man bekommt nur dann ein stimmiges Verhältnis zum
Geld, wenn man eine Idee davon hat, was man für ein freies, gutes und gesundes
Leben braucht. Eine solche Idee ist maßgeblich. Hat man sie nicht, wird man
maßlos und verfällt auf die Idee, immer mehr Geld anhäufen zu müssen. Dann
wird Wachstum zur Gottheit und ein Börsencrash zur Apokalypse. Wer hingegen
eine Idee vom guten Leben hat und seine Mittel in jedem Augenblick auf seine
Lebensqualität verwendet, wird über so etwas nur müde lächeln.

Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen.
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen.
66 seconds for the future mit Dr. Christoph Quarch
Wir wissen immer mehr, aber verstehen wir noch genug? Christoph Quarch vergleicht die globalen Krisen unserer Zeit mit Fehlermeldungen eines Computers. Das Problem liegt dabei im "mentalen Betriebssystem" der Menschheit.
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
MAI
2026
MAI
2026
Dieser Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
JUN
2026
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Megatrends
Deutsche wünschen starke FührungChristoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Jetzt auf forum:
R*Evolution aus dem Kleiderschrank
Nachhaltig shoppen, ohne Detailseiten zu lesen?
Letzte Chance auf eine umfassende Förderung
BEAM 2026 - Hospitality Gamechanger Summit
BMV fördert Ladeinfrastruktur für schweren Straßengüterverkehr
Neue Studie entzaubert „Wunderpflanzen“ für die Herstellung von Kraftstoffen
Weniger Bürokratie und dafür mehr Umsetzung im Umwelt- und Klimaschutz




















