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Re’aD Summit 2018

Wegweiser für die Digitalisierung der Supply Chain in der Textilbranche

Keine ideellen Träumereien, keine entfremdeten und trockenen Theorien von digitalen Lösungen für die Textilbranche von morgen. Stattdessen praxisbezogene, aktuelle Erkenntnisse aus erster Hand, von Vorreitern, die zeigen, dass Real Digital Colour Management, Produktentwicklung in 3D und digitaler Textildruck schon Realität sind.
 
Das DMI hat mit Re'aD ein Forum für den digitalen Wandel in der Branche initiiert. Mehr als 200 Experten und Interessiierte aus der Mode-, Lifestyle- und Konsumgüterbranche nahmen Teil. © Deutsches Mode InstitutKernthema des Re’aD Summit (Re–invent / analog Digital / read.) war die Digitalisierung der Supply Chain. Für die meisten Branchen ein Synonym für gesteigerte Effizienz. Schwierig, denken sich jedoch viele Textiler. Sie begegnen dem Wandel mit Scheu und Skepsis, aus Sorge vor den Investitionen und strukturellen Veränderungen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Textilbranche, wie wenige andere, besonders durch Sinne wie Sehen und Fühlen des echten Stoffes, der Schnitte, der Farben erlebt wird.
 
Das Deutsche Mode Institut (DMI) versteht sich seit jeher als Netzwerk der Bekleidungsbranche. Somit ging das DMI am 15.11.2018 in Düsseldorf mit dem diesjährigen Gipfel für „Digitale Produktentwicklung im Netzwerk der Supply Chain" in die zweite Runde. Es kamen mehr als 200 Teilnehmer zusammen, Experten und Anwender, wie auch Interessierte. Wegbereiter aus der Branche schilderten praxisnah ihre Erfahrungen, dominiert durch verblüffende Chancen, die die Transformation mit sich bringt. Herausforderungen und Hindernisse, sowie mögliche Lösungen wurden dabei offen diskutiert.
 
Blau ist nicht gleich blau und selbst schwarz nicht gleich schwarz
Die Farbe ist ausschlaggebend (neben Preis und Passform) für die Kaufentscheidung. Damit das Kleidungsstück in der richtigen Farbe in den Regalen landet, wird bislang ein enormer logistischer Aufwand betrieben. Physische Muster, Farbmuster, Produktionsmuster werden weltweit hin und her geschickt.
 
Julian Jetten von der Mammut Sports Group veranschaulichte diesen Prozess mit Zahlen: Für die Winterkollektion 2018 wurden 1.500 Farbmuster vom Produzenten zum Auftraggeber geschickt und wieder zurück. Jedes einzelne dieser Muster musste ausgewertet und katalogisiert werden. Digital Colour Management soll nun Abhilfe schaffen, indem es Objektivität, eindeutige Messwerte und vereinheitliche Standards ermöglicht. Klar gibt es noch Schwierigkeiten in der Umsetzung… tatsächlich liegen diese nicht nur in der Inkompatibilität von Hard- und Software, sondern häufig an der Bereitschaft der Färber. Ein absolut lösbares Problem, behauptet Jetten aus Erfahrung und Überzeugung.
 
Zum Abschluss beantworteten Experten und Anwender die offenen Fragen aus dem Publikum. Es wurden Lösungsansätze diskutiert und weitergedacht. © Deutsches Mode Institut
Killt Digitalisierung die Kreativität?
Jule Widmann und Birgit Wiech von Hugo Boss berichteten aus eigener Erfahrung über die diversen Möglichkeiten der 3D-Produktentwicklung. Das Unternehmen zählt zu den Pionieren, wenn es um digitalisierte Produktionsprozesse geht. So lässt sich beispielsweise gleich am Bildschirm testen, ob der Print eines Stoffes auf den gewählten Schnitt passt. Dafür erstellt der Anwender zuerst den 2D-Schnitt, daraus wird der 3D-Prototyp generiert, zum Schluss kommt das 3D-Fitting - die Anprobe am Avatar. Die Simulation ist verblüffend, sie berücksichtigt Variablen von der Textur des Stoffes über die Materialbeschaffenheit bis hin zu Lichteinflüssen. Ihre größte Einschränkung stellt hier aktuell nur die Hardware dar, die dem hohen Maß an Datenverarbeitung hinterherhinkt.
 
Kreativität in der Produktentwicklung wird in eine neue Form gebracht und schafft ein neues Erleben von Textilien und Kleidung. Hier entsteht ein komplett neues Berufsbild, angesiedelt zwischen Design und Schnitttechnik.
 
On-Demand-Produktion und Individualisierung im Dienste der Nachhaltigkeit
Ladenhüter sind totes Kapital und, noch verheerender, es sind Ressourcen, die ungenutzt auf dem Müll landen. Im Durchschnitt entsorgen Europäer 40 Kilo Kleidung pro Jahr, Amerikaner sogar bis zu 80 Kilo. Klamotten wandeln sich zum Wegwerfprodukt und der Verbraucher zum Entwerter. Kaum verwunderlich, wenn Bekleidung zu Preisen angeboten wird, die niedriger sind als ein Coffee-to-go. Marte Hentschel von Sourcebook, Insiderin und Matchmakerin der deutschen Textilbranche, kommt als Moderatorin des Paneltalks zu einer einfachen Schlussfolgerung: Wenn der Hersteller entsprechend des tatsächlichen Bedarfs des Marktes produzieren kann, muss die Ware nicht zu Billigpreisen angeboten werden. Anton Schumann von der Beratungsfirma Gherzi formuliert prägnant: „Auf Nachfrage produzieren heißt: nicht für das Lager zu produzieren, sondern für die (und entsprechend der) Nachfrage". Neue Geschäftsmodelle sind hier gefragt.
 
Als Beispiel dient TMC, derzeitig größter deutscher Textildrucker im digitalen Thermotransferdruck. Dessen ambitioniertes Ziel ist die Konfektionierung von Einzelstücken binnen 48 Stunden nach Dateneingang. Digitaler Textildruck ermöglicht dieses Vorhaben schon ab einer Produktionsgröße von einem Stück. Eine direkte Antwort auf die zunehmende Individualisierung, die der Markt fordert. Das Produktionsverfahren bedeutet: deutliche Reduzierung des Verschnitts, Motivanpassung an die Konfektionsgröße bis hin zum automatisierten Laserzuschnitt.
 
Sourcing 2.0 - Marketplaces dienen als Ergänzung zur Messe
Bis dato waren Messen die Hauptquelle für die neuesten Entwicklungen und Trends der Branche, und eine Plattform zum Netzwerken. Mit einem Wachstum von 15 Prozent pro Jahr übernehmen Marketplaces als neues Geschäftsmodell eine zunehmend wichtige Rolle. Als Reaktion darauf hat die weltgrößte Stoffmesse, die Première Vision Paris, das Messeformat angepasst und die beiden Ansätze kombiniert. Der an die Messe angeschlossene Marketplace dient als komplementäre Lösung: Kunden werden auf dem neuesten Stand ihrer favorisierten Hersteller gehalten, Stoffmuster können ab Verfügbarkeit online geordert werden. Zusätzlich informiert ein Online-Magazin monatlich über die neuesten Trends. Der redaktionelle Inhalt ist direkt verlinkt mit den Shops auf dem Marketplace.
 

Es sind drastische Veränderungen gefragt, die alle Akteure der Textilbranche in die Verantwortung ziehen.

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Und was sagt der Verbraucher dazu?
Dazu gab es keine Stimmen auf dem Summit zur angewandten Transformation. Schließlich ging es um die Digitalisierung der Prozessketten. Der Verbraucher steht hier ganz am Schluss. „Shopping" ist ein Freizeitvergnügen und dominiert unsere Innenstädte. Das Internet hat unser Kaufverhalten zusätzlich verändert; Konsumgüter und die Vielfalt, in der sie angeboten werden, sind zu jeder Zeit verfügbar, ohne dabei das Haus zu verlassen zu müssen. Digitalisierte Produktionsabläufe und -daten bedeuten allerdings auch mehr Transparenz. Es liegt am Verbraucher, den Zugriff auf Information einzufordern und zu diese nutzen.
 
Fazit des Summits: Es geht um die gesteigerte Effizienz einer digitalisierten Produktionskette, um zukunftsfähige Geschäftsmodelle und die Möglichkeit, den Wandel aktiv mitzugestalten. Wenn Wege gespart und Ressourcen dabei geschont werden, hat das einen direkten positiven Effekt auf die Umwelt. Wirtschaftlichkeit geht hier einher mit Nachhaltigkeit.
 
Die Vertreter aus Handel, Messen, Industrie, Forschungs- und Beratungsfirmen bestärkten ihre Mitstreiter, den Schritt zu wagen und sich offen auszutauschen, um den Prozess voranzutreiben. Gemeinsam können die Herausforderungen der Digitalisierung schneller gemeistert und die Chancen besser genutzt werden, im Sinne einer zukunftsfähigen Textilbranche.
 
Sarah Ullmann studierte European Studies sowie Globalisation and Development. Danach zog es sie in die Textilbranche. Zuerst arbeitete sie für einen britischen Corporate Wear Hersteller, anschließend in der Geschäftsführung eines Anbieters für Berufsbekleidung. Als forum-Redakteurin setzt sie sich für eine nachhaltige Textil- und Modewelt ein.

Wirtschaft | Branchen & Verbände, 21.11.2018

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