„Genießt uns“-Awards auf der ANUGA verliehen
Drei Unternehmen erhalten Award für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung | Essensretter-Bankett mit überschüssigen Nahrungsmitteln
Ein Bericht von Bernward Geier
Während weltweit knapp 800 Millionen Menschen hungrig ins Bett gehen, landen über 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel laut einer WWF-Studie in Deutschland jedes Jahr auf dem Weg vom Acker zum Teller im Abfall. „Das muss sich ändern", lautet die Devise der Initiative „Genießt uns!", zu der sich WWF Deutschland, Welthungerhilfe, United Against Waste, Foodsharing e.V., die Verbraucherzentrale NRW und der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. mit Förderung und fachlicher Unterstützung der deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zusammengeschlossen haben. Auf der ANUGA 2015 fand als Höhepunkt der Initiative und als Premiere die Verleihung der ersten „Genießt uns"-Awards statt,die mit viel Kompetenz und Charme von der Food-Aktivistin, Journalistin und Buchautorin Tanja Busse moderiert wurde. Die Koelnmesse GmbH unterstützte engagiert den festlichen Abend.
Aus den 27 sehr überzeugenden Unternehmensbewerbungen wurden 16 Finalisten ausgewählt, aus denen wiederum die Jury drei Preisträger ausgewählt hat. Die Jury bestand aus dem Koch- und TV-Moderator Christian Rach, der Foodtrend-Forscherin Hanni Rützler und Prof. Dr. Guido Ritter von der Fachhochschule Münster, die die „Qual der Wahl" hatten.
Gemeinsam mit dem Filmemacher Valentin Thurn, der mit seinem Film „Taste the Waste" das extrem wichtige und brennende Thema in die breite Öffentlichkeit und vor allem den Politikern ins Gebetbuch geschrieben hat, waren Unternehmer, Wissenschaftler und NGOs aus ganz Deutschland zur Preisverleihung gekommen. Die Firma Sodexo hatte zum „Essensretter-Bankett" eingeladen, das von Adrienne Axler (CEO Deutschland) eröffnet wurde. Aus vermeintlichem Abfall wurde ein genussreiches Büffet: Verwendet wurden Lebensmittel, die für die Messe gekauft wurden, die aber am letzten Messetag keine Verwertung mehr gefunden hätten und normalerweise in der Tonne gelandet wären. Das äußerst schmackhafte Gourmet-Büffet bot unter anderem als Vorspeise „SEHRreif", bei dem vollreife Tomaten mit Rucola-Espuma im Glas serviert wurden. Unter „Etwas welk" wurden Tranchen von der Hähnchenbrust im Pfeffermantel mit Sonnenblumen-Kräuterpesto gereicht, wobei das Pesto aus schon leicht verwelkten Basilikumblättern kreiert wurde, die im reifen Zustand ihr bestes Aroma entwickeln. Bei den Nachspeisen überzeugten „Eingekocht" und „Getrocknet", wobei Fallobst und getrocknetes Obst zum Einsatz kamen.
Die Finalisten und Preisträger sind kleine und mittlere Unternehmen und auch landwirtschaftliche Betriebe. Angesichts der Wertschätzung, die Biolebensmittel erfahren, verwundert es nicht, dass viele Unternehmen der Biobranche mit unter den Finalisten waren.
Gefeiert wurden alle Finalisten, aber natürlich standen die Gewinner besonders im Mittelpunkt.
Die glücklichen und verdienten Gewinner
Das „Weißes Bräuhaus München" ist eine Familienbrauerei, die in ihrem Stammhaus in München 660 Gästen Platz bietet. Das Bräuhaus zeichnet besonders aus, dass es die traditionelle bayrische Küche pflegt, die auch die totale Verwertung von Schlachttieren sicherstellt. Die Speisekarte wurde an die Esskultur und Wünsche der Gäste angepasst und dies besonders im Hinblick auf die Reduzierung von Abfall. Statt die Teller voll zu hauen, gibt es Haxen halbiert und Salat sowie Beilagen können entkoppelt vom Hauptgericht bestellt werden. Auch wurden neue Rezepturen zur Resteverwertung entwickelt. So konnte das Bräuhaus unter anderem die Entsorgungskosten für Lebensmittelreste seit 7 Jahren um 60 Prozent reduzieren und der Restmüll ging um 20 Prozeht zurück. Das Bräuhaus ist wegweisend darin, aufzuzeigen, dass „XXL Menüs mit integriertem Wegwerf-Faktor" von gestern sein sollten. Jurymitglied Christian Rach lobte die Preisträger: „Die Spitzengastronomie mit ihren Sterne-Restaurants war immer Vorreiter in Sachen Produktqualität und auch Nachhaltigkeit, aber die Vermeidung von Lebensmittelmüll – was für ein absurdes Wort – stand nie im Fokus. Da muss ein bayrisches Brauhaus kommen und allen zeigen, wie’s geht. Das sollte und muss Schule machen".
Der zweite Preisträger ist der Erlebnisbauernhof Gertrudenhof in Hürth bei Köln, der seit 1964 von der Familie Zens bewirtschaftet wird. Auf 130 Hektar werden etwa Weizen, Gerste, Zuckerrüben, Kartoffeln und Kürbisse angebaut. Im Hofladen wird nicht normgerechtes Gemüse, das vom Großhandel wegen Form und Optik nicht akzeptiert wird, angeboten. In einer „Schlemmerstation" werden Überschüsse verarbeitet und der Milchlieferant, welcher den Hof beliefert, nimmt nicht verkaufte Ware zurück, die später zu Käse wird! Der Schulbauernhof schafft es nach Einschätzung der Jury, in seiner Bildungsarbeit „eine neue Kultur der Wertschätzung von Lebensmitteln" zu schaffen.
Schließlich wurde noch die 1990 von Rike Kappler in Münster gegründete Biobäckerei cibaria ausgezeichnet, die rund 50 Beschäftigte hat. Die Backwaren werden im Stammhaus sowie in Bioläden und auf Wochenmärkten zum Verkauf angeboten. Außerdem beliefert cibaria Cafés und Kantinen. Da sich verschwenderischer Ressourceneinsatz nicht rechnet, hat der Betrieb nicht verkaufte Ware als wichtige Stellschraube zur Effizienzsteigerung in der Produktion identifiziert. Retouren werden hier systematisch erfasst und die Belegschaft regelmäßig zur Vermeidung derselben geschult. Nicht verkaufte Backwaren werden möglichst zu Paniermehl verarbeitet oder mittels überarbeiteter Rezepturen wieder in neue frische Backwaren eingearbeitet. Was darüber hinaus keinen Einsatz mehr findet, geht als Spende an Bahnhofsmissionen. Das Jurymitglied Hanni Rützler erläuterte zur Juryentscheidung: „Seit Jahrtausenden ist Brot das bedeutendste Lebensmittel überhaupt. Leider zählen Backwaren zu den Lebensmitteln, die an erster Stelle beim Abfall stehen. Eine Bäckerei auszuzeichnen, die sich gezielt der Vermeidung von Verlusten verpflichtet fühlt oder der dies durch intensive Kommunikation mit Mitarbeitern und Kunden gelingt, ist daher ein Zeichen für die gesamte Branche."
Die Aktualität des Themas und der große Erfolg der Award-Premiere sollten in jedem Fall dazu führen, dass die Initiative gegen Lebensmittelverschwendung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, die mit der Award-Gala ihr Highlight hatte, in jedem Fall als Projekt weitergeführt wird. Es ist auch zu hoffen, dass der Event auch in Zukunft nicht etwa in der Bundeshauptstadt sondern auf der ANUGA in Köln stattfindet. Schließlich ist die Messe auch ein Hotspot für das Thema Lebensmittelverschwendung!
Mehr Infos via www.geniesst-uns.de
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