Christoph Quarch
Technik | Digitalisierung, 19.08.2026
Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten. Mit dieser Dynamik Schritt zu halten, ist schwierig. Deshalb wollen wir uns in den kommenden Wochen Zeit dafür nehmen, mit dem Philosophen Christoph Quarch darüber nachzudenken, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns sinnvollerweise zu ihnen verhalten sollten.
Herr Quarch, vor einigen Wochen ging durch die Medien, dass US-Tech-Konzerne im ersten Quartal 2026 rund 80.000 Jobs abgebaut haben - zumeist begründet durch KI-Automatisierung. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Weltweit und in fast allen Branchen verdrängt KI menschliche Arbeitskräfte. Folgen wir alle dem Beispiel der Tech-Firmen: Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?Vieles spricht dafür. Die Entwicklung der Systeme ist atemberaubend. Wenn ich mit Unternehmern oder Managern - egal aus welche Branche - spreche, höre ich jedes Mal von neue KI-Anwendungen, die schneller, besser und zuverlässiger arbeiten als menschliche Beschäftigte. Gerade erst sprach ich mit einem Verlagsleiter, der mir von seiner neuen Lektorats-App erzählte. Ergebnis: wieder ein Beruf weniger. Grafik, Übersetzung, Lektorat, Illustrationen - alles macht die KI; auch Texte werden immer häufiger automatisch erstellt. Und das ist nur ein Bereich. Im Prinzip müssen alle, die einen Computerarbeitsplatz haben, damit rechnen, dass die KI sie früher oder später ersetzen wird. Nicht weil sie besser wäre, sondern weil sie alle Kriterien erfüllt, die unsere Ökonomie gelten lässt: KI ist schneller, effizienter, produktiver, profitabler. Das enorme Beschäftigungsproblem, das wir bekommen werden, ist primär nicht der KI geschuldet, sondern dem ökonomischen Denken, in dessen Dienst sie steht.
Die Tech-Firmen betonen immer wieder, dass KI nicht nur alte Arbeitsplätze nimmt, sondern auch neue schafft - und dass sie den Menschen Raum gibt für die Arbeiten, die sie wirklich befriedigen.
Ich halte das für Augenwischerei. Alle Kreativ-Berufe sind massiv gefährdet. KI malt Bilder, komponiert Songs, schreibt Gedichte - und zwar so, dass man nicht merkt, dass eine KI dahintersteckt. Und sie macht sich breit in Führungsetagen von Politik und Wirtschaft. Argentinien lässt rein KI-geführte Unternehmen zu. Wenn wir die Robotik dazunehmen, ist klar, dass auch andere, eher physische Arbeiten verschwinden: Lastwagenfahrer, Chirurgen, Gärtner, Haushaltshilfen. Da bleibt nicht mehr viel, womit Menschen Geld verdienen oder worin sie sich beweisen könnten. Das einzige, was uns bleibt, ist das, was unser ökonomisches System von uns verlangt: Konsumieren. Am Ende werden wir alle zu Nutzern und Verbrauchern. Vielleicht wird dann ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt, um die Konsumenten am Leben zu halten - aber geistig und seelisch werden die meisten schon vorher verkümmert sein. Kurz: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass unsere Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.
Manche Beobachter sprechen im Zusammenhang der KI-Entwicklung von der "vierten Kränkung" des Menschen. Erst habe der Mensch schlucken müssen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, dann habe Darwin ihn gelehrt, dass er nicht von Gott erschaffen wurde, dann sei Freud gekommen und habe ihm gezeigt, dass er nicht Herr im eigenen Haus ist. Und nun wird auch noch die Einzigartigkeit des menschlichen Geistes in Frage gestellt. Was halten Sie von der These?
Ich würde nicht von Kränkungen, sondern von Herausforderungen sprechen. Die ersten drei Entwicklungen haben dazu geführt, dass wir uns und die Welt heute besser verstehen können. Genau dazu kann und sollte auch die KI-Entwicklung führen. Auch sie stellt unser Welt- und Menschenbild in Frage. Und es kommt darauf an, die richtige Antwort zu finden. Was sie infrage stellt, ist unsere Annahme, dass nur unsere Rationalität uns Menschen adelt und auszeichnet. Dabei setzen wir unreflektiert voraus, menschliche Intelligenz sei genau das, was die KI scheinbar so viel besser kann. Dabei ist die von KI simulierbare Intelligenz nur ein Teilaspekt des menschlichen Geistes - und zwar eine Intelligenzform, die erst im 17. Jahrhundert so prominent wurde, dass wir sie heute für die Intelligenz halten. Max Horkheimer nannte sie "instrumentelle Vernunft", Max Weber sprach von "Zweckrationalität". Das kann die KI besser. Für uns erwächst daraus die Aufgabe, diejenigen Formen menschlicher Intelligenz zu stärken und zu entwickeln, die wir seit Jahrhunderten vernachlässigen.
Woran denken Sie da? Was wären das für Intelligenzformen, die wir neu zur Geltung bringen sollten?
Ich denke an so etwas wie emotionale Intelligenz, kommunikative Intelligenz, spirituelle Intelligenz oder hermeneutische Intelligenz - die Fähigkeit Sinn zu verstehen oder zu stiften. Das sind Intelligenzformen, die in früheren Zeiten viel mehr Aufmerksamkeit gefunden haben und denen sich die großen kulturellen Blütezeiten verdanken. Das liegt daran, dass wir in der Neuzeit die Dimensionen von Geist, Seele oder Gefühl aus dem Blick verloren haben. Für uns beschränkt sich Rationalität auf Berechnen, Kalkulieren, Kontrollieren - und deshalb glauben wir, die KI sei rationaler als wir. Das stimmt aber nicht. Die KI simuliert nur die Intelligenz, die bei ihren Herstellern gefragt ist: in den USA die ökonomische Zweckrationalität, in China die totale Überwachung. Dem müssen wir in Europa etwas entgegensetzen: den europäischen Humanismus, die Idee, dass Menschen keine Konsumenten, sondern interaktive Wesen sind, deren Körperlichkeit, Rationalität, Emotionalität und Spiritualität darauf zielen, ein freudvolles und schönes Leben zu führen. Das ist die Herausforderung, die wir jetzt angehen müssen: eine humane, europäische KI entwickeln, die den Menschen dient und nicht einem Unternehmen oder Regime.
Danke, beim nächsten Mal werden wir darüber reden, inwiefern KI eine Bedrohung, aber auch eine Chance für unsere Demokratie darstellt.
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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