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Christoph Quarch

Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA

Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann

Es ist der aufsehenerregendste Kinostart des Jahres: "Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien hingegen beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird. Gleichwohl war das Startwochenende in den USA erfolgreich: Rund 100 Millionen US-Dollar spielte "The Odyssee" in den ersten Tagen ein. Wie kommt es, dass so ein alter Stoff noch heute die Menschen fesselt? Und wieviel Freiheit darf sich ein Regisseur bei einer solchen Verfilmung erlauben? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Mythologie-Experten Christoph Quarch.
 
© GDG, pixabay.comHerr Quarch, wie erklären Sie sich, dass mythologische Themen im Allgemeinen und die Odyssee im Besonderen derzeit so viel Aufmerksamkeit auf sich lenken?
Homers Odyssee ist neben der Ilias das älteste literarische Werk der europäischen Kultur. Es ist ein Epos, von dem schon der antike Philosoph Platon sagte, dass es die griechische Kultur entscheidend geprägt hat. Und das ist kein Wunder, denn in diesem Text ist eine ganze Welt eingefaltet - eine Welt, die sehr anders ist als die Welt von heute und die uns dennoch sehr viel zu sagen hat. Denn es geht in der Odyssee um sehr menschliche Themen, die im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Bedeutung verloren haben: um Heimweh und Liebe, um Freundschaft und Mut, um Rache und Verzweiflung. Aber diese Themen werden bei Homer ganz anders bearbeitet als heute: nicht moralisch und schon gar nicht psychologisch, sondern im Kontext einer mythologischen Religion, die überall mit der Gegenwart und dem Einfluss von Göttinnen und Göttern rechnet.

Das offizielle Videospiel zum Film heißt "The Odyssey. Defy the Gods": Trotzt den Göttern. Kann man der religiösen Komponente von Homers Epos heute noch irgendetwas abgewinnen?
Christopher Nolan scheint dem nicht viel abgewinnen zu können. Jedenfalls spielen die Götter in seinem Film - anders als bei Homer - eine untergeordnete Rolle. Das überrascht mich wenig, da wir in einer Welt leben, in der Götter allenfalls als Fantasy-Figuren ernst genommen werden, ganz sicher aber nicht als das, was sie für die antiken Leser einmal waren: nämlich das Wichtigste und Heiligste, das es für sie sie gab. Das kann heute niemand mehr verstehen, denn nach 2000 Jahren Christentum haben wir eine völlig andere Vorstellung vom Göttlichen als die alten Griechen. Und was sollen erst diejenigen, denen schon der christliche Gott nichts mehr sagt, mit griechischen Göttern anfangen? Nichts, wie man vermuten dürfte. Aber damit liegt man völlig falsch. Gerade in der Begegnung mit den alten Mythen der Griechen könnte man begreifen, dass Religion auch ganz anders geht als wir das heute kennen - und nicht nur anders, sondern vielleicht auch besser. Wenn ich Nolans Film etwas vorwerfe, dann, dass er dieses Potenzial nicht erkannt hat.

Worin liegt denn Ihrer Ansicht nach dieses Potenzial? Was könnte uns die antike Mythologie mit ihren eigenartigen Göttern heute zu sagen haben? 
Griechische Gottheiten sind etwas ganz anderes als der allmächtige Schöpfergott der christlich-jüdischen, oder auch der muslimischen Tradition. Diese Götter sind nicht dadurch definiert, dass sie über besondere Macht verfügen oder den Menschen bestimmte Gebote auferlegen. Ihre Göttlichkeit gründet nicht in ihrer Macht, sondern in ihrem Sein. Sie sind ganz und gar das, was sie sind. Und das, was sie sind, ist jeweils ein sinnstiftender Aspekt des lebendigen Seins. Deshalb sind diese Götter so eng verbunden mit der Natur. Sie wohnen nicht im Jenseits, sondern im Diesseits. Und von dort entfalten sie ihre Wirkung. Athene etwa, die in der Odyssee eine wichtige Rolle spielt, tritt ihrem Schützling Odysseus wiederholt zur Seite, um ihm zu sagen, was zu tun ist. Wir würden das heute Intuition nennen. Für die Griechen war das die Einwirkung einer freundlichen Gottheit.

Und inwiefern ist diese mythologisch antike Deutung der Intuition des Odysseus etwas, das für die Menschen im 21. Jahrhundert bedeutungsvoll sein könnte?
Weil die alten Mythen daran erinnern, dass es im Leben nicht darauf kommt, alles aus eigener Kraft, durch eigene Macht oder eigenes Können zu erreichen, sondern dass es vieles gibt, das sich unseren Machenschaften entzieht. Genau das kann die Odyssee lehren. Odysseus ist gerade nicht der typisch amerikanische Super-Hero, der wegen seiner Überlegenheit alle Gefahren meistert. Im Gegenteil: Homer erzählt davon, dass Odysseus einmal dem Übermut erliegt und damit den Zorn des Meeresgottes Poseidon auf sich zieht. Er würde buchstäblich untergehen, wenn ihm nicht andere Götter - allem voran Athene - wohlgesonnen wären und ihm gute Eingebungen schenkten. Weil Odysseus dafür empfänglich ist, kehrt er zuletzt in die Heimat zurück und nimmt die Geschichte ein Happy End. Der Anti-Held fordert dazu auf, das Maß des Lebens und der Natur zu achten, bescheiden zu bleiben und das Vertrauen ins Leben zu bewahren. 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum future economy. © Christoph Quarch
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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