Christoph Quarch
Umwelt | Klima, 14.08.2026
Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Selbst Freibad-Fans und Biergarten-Enthusiasten haben zunehmend Sorgenfalten auf der Stirn. Wie kann man damit umgehen? In klimatisierte Räume flüchten und sich ansonsten in sein Schicksal fügen? Oder Klimaaktivistin werden, um zu retten, was zu retten ist? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autor Christoph Quarch.
Herr Quarch, wie geht es Ihnen, wenn Sie derzeit den Wetterbericht hören?Ich habe gemischte Gefühle. Eine Stimme in mir sagt: Herrlich, die ganze nächste Woche Sonne und Wärme - perfekt für die italienischen Momente im Leben. Und die andere Stimme sagt: Um Gottes willen, nimmt das denn kein Ende? Der Garten verdorrt, der Fluss trocknet aus, die Wälder sehen elend aus, der Mais verkümmert. Und dann kommen auch noch die Bilder von den Waldbränden dazu. Da schleicht sich genau das Gefühl ein, von dem Sie eingangs sprachen: das Gefühl des ohnmächtigen Ausgeliefertseins an eine Natur, die wir nicht unmittelbar beeinflussen können und die ihren eigenen Regeln folgt. Und was noch erschütternder ist: Dank unserer Wissenschaft kennen wir eigentlich diese Regeln und wissen, was zu tun wäre, um mittelfristig mit den Klimaveränderungen klarzukommen; aber wir scheinen unfähig oder unwillig, das Verhalten dementsprechend zu ändern.
Wenn das Gespräch auf die aktuelle Hitzewelle zu sprechen kommt, hört man häufig Formulierungen wie: "Früher war es auch schon heiß" oder "Der nächste Regen kommt gewiss". Könnte es sein, dass die Menschen ungern den veränderten Realitäten in die Augen sehen?
Das ist ganz sicher so. Und deshalb ist so gefährlich, was in den Echo-Kammern der Social-Media geschieht. Wer an seinen bisherigen Lebensgewohnheiten festhalten und sich nicht ändern möchte, wird geflissentlich versuchen, die Veränderungen in der Welt auszublenden und seinen Mitmenschen erzählen, dass es früher auch schon solche Hitzewellen gab und es bislang doch immer noch gut gegangen ist. Das entspannt und fühlt sich gut an, weil man so zu denen gehört, die nicht in Panik verfallen oder auf das apokalyptische Gerede irgendwelcher Besserwisser reinfällt. Futter für diese Haltung ist in den Social Media reichlich vorhanden, und deshalb muss man sich nicht wundern, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Deutschen bezweifelt, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt. Im Social-Media-Zeitalter glauben viele Menschen nur noch das, was sie glauben wollen. Und sie ducken sich weg, wenn unangenehme Wahrheiten sie dazu zwingen, sich ändern zu müssen.
Aber war das nicht schon immer so? Haben nicht zum Beispiel die Religionen über Jahrhunderte davon profitiert, dass die Menschen ihren Heilsversprechen glaubten, weil sie daran glauben wollten. Und haben die Menschen nicht vor allem deshalb den Wissenschaften geglaubt, weil sie von deren Erkenntnissen profitieren könnten?
Wenn das zutrifft, dann entscheidet nicht die objektive Realität über wahr und unwahr, sondern die Autorität oder Macht derer, denen die meisten Menschen Glauben schenken - weil sie das sagen, was sie gerne hören wollen. In der Vergangenheit waren das erst die Stammesältesten, dann die Kirchen, dann die Wissenschaft - und jetzt die Algorithmen der Social Media. Das funktioniert aber nur, bis sich die objektive Realität bzw. die Natur so lautstark zu Wort meldet, wie es in diesem Hitzesommer geschieht. Da täte man gut daran, nicht länger irgendwelche Influenzer, sondern die eigenen Sinne einschließlich der Schweißtropfen auf der Stirn als Autorität anzuerkennen. Denn unser Körper lässt keinen Zweifel daran, dass es ungesund heiß ist und dass man gut daran täte, in den Schatten zu gehen. Und unser Geist sollte keinen Zweifel daran lassen, dass es sinnvoll ist, vorausschauend für mehr Schatten zu sorgen und sich zu überlegen, wie man verhindern kann, dass es nächstes Mal noch heißer wird.
Was wäre aus Ihrer Sicht dann die angemessene Reaktion auf diesen Hitzesommer?
Den Realitäten ins Gesicht schauen und sich klarmachen, dass wir es nicht mehr nur mit einem Wetterphänomen zu tun haben, sondern mit einem Symptom des Klimawandels. Und dann nicht in Panik verfallen, sondern überlegen, was man tun kann, um mit dem nächsten Hitzesommer besser klarzukommen. Auch im Nahbereich gibt es viele Möglichkeiten. Wir haben zum Beispiel eine Zisterne unter dem Vorgarten angelegt. Andere besorgen sich Solarpanels und eine Klimaanlage. Da geht einiges. Aber wichtiger noch dürfte es sein, etwas gegen die Ignoranz der Zeitgenossen zu unternehmen. Ich für meinen Teil werde nicht müde, daran zu erinnern, dass schon die alten Griechen wussten, dass wir gut daran tun, die Natur als wichtigste Autorität anzuerkennen, ihre Signale zu achten und entsprechend zu handeln. Und natürlich muss die Politik dafür sensibilisiert werden, dass Klimaschutz auch dann noch höchste Priorität haben muss, wenn viele Menschen das nicht wahrhaben wollen.
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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