Günter Rausch
Gesellschaft | Politik, 01.03.2026
Friedensstadt Freiburg
Praxis-Modell für gelebte Friedensförderung
Wie kann eine Stadt aktiv zum Frieden beitragen – jenseits von Rhetorik und Aufrüstung? Freiburg zeigt mit der Vision einer „Friedensstadt", wie aus Erinnerung, Zivilgesellschaft und konkreten Projekten eine lebendige Kultur des Friedens entstehen kann.
Freiburg, Montagabend, kurz vor 20 Uhr: ohrenbetäubender Lärm, Detonationen, Schreie, ein Flammenmeer. 25 Minuten später sind rund 3.000 Menschen tot, viele tausend verletzt und verschüttet. 80 Prozent der Altstadt sind zerstört. Der 27. November 1944 geht als „Operation Tigerfish" in die Geschichte ein – der mit Abstand schwerste Luftangriff der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg, bei dem über 14.000 Bomben auf Freiburg fielen. Das daraus entstandene kollektive Trauma teilt die Stadt mit vielen anderen deutschen Städten: von Dresden und Hamburg über Köln und Kassel.„Nie wieder Krieg!" lautete der Schwur nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges, der global mehr als 60 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Was haben wir daraus gelernt?
Freiburg war und ist weiterhin Teil dieser Verflechtungen: Das in Freiburg ansässige Unternehmen Litef lieferte schon 1944 wichtige Komponenten für militärische Waffensysteme. Heute ist es Teil des weltweit mächtigen US-amerikanischen Rüstungskonzerns Northrop-Grumman. So werden in Freiburg heute noch hochkomplexe, sicherheitskritische Sensor- und Navigationssysteme für moderne Kampfflugzeuge, Panzer und Drohnen entwickelt und
produziert.
„Global denken, lokal handeln"
Dieser Wahlspruch inspirierte einst die Umweltbewegung. 2022, nach dem Überfall des russischen Militärs auf die Ukraine, leitete diese Strategie die Gründung eines neuen Friedensbündnisses in Freiburg ein – die „Friedensstadt Freiburg". Schon 1984 war es gelungen, Freiburg als atomwaffenfreie Zone zu erklären. Lange Jahre stand dies auf gelben Stadtschildern an allen Ortseingängen. 2005 entschied der Gemeinderat zusätzlich, dass sich Freiburg der Bewegung „Mayor for Peace" anschließt, einem internationalen Städtenetzwerk, gegründet von den Bürgermeistern von Hiroshima und Nagasaki, das sich weltweit für nukleare Abrüstung, Frieden und die Abschaffung von Atomwaffen einsetzt.
Eine „Kerngruppe Friedensstadt" begann schließlich, Vorschläge für die Vision einer friedensstiftenden Stadt zu sammeln – um dann im Februar 2024 das Bündnis „Friedensstadt Freiburg" zu gründen. Es wurde ein Konzept mit vielfältigen Szenarien und Handlungsansätzen für die Vision einer lebendigen Friedensgemeinde entworfen. Verschiedene Formate – Feste, Vorträge, Diskussionen und Diskurse, interkulturelle Begegnungen, internationale Sportevents und kulturelle Veranstaltungen – sollen zum Frieden beitragen. Sie fördern das Kennenlernen, den Dialog und das gegenseitige Vertrauen zwischen den Menschen und ermöglichen gemeinschaftliches Handeln.
Die „10 Visionen der Friedensstadt Freiburg" als Vorbild
Auf diese Weise wird der Friedensgedanke in der Stadtgemeinschaft verankert und wirkt in das öffentliche wie alltägliche Leben hinein. Ziel ist es, die „10 Visionen einer Friedensstadt Freiburg" (siehe Kasten) Schritt für Schritt in die Realität umzusetzen. Die erste Leitidee, „Frieden durch Friedensbildung", folgt der Überzeugung Mahatma Gandhis, dass echter Frieden bei den Kindern seinen Anfang nehmen muss.
Durch vielfältige Begegnungsformate will man Dialog und gegenseitiges Vertrauen stärken. Ein internationales Friedensfestival könnte dazu beitragen, bei jungen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Kultur Vorurteile und Feindbilder abzubauen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und nachhaltige ökologische Entwicklung stehen dabei im Fokus und ermutigen die Stadtbewohner*innen, gemeinsam eine entmilitarisierte Modellstadt für eine zivile, soziale und gewaltfreie Verteidigung aufzubauen.
Dazu gehören differenzierte Aktionspläne, Trainings- und Schulungskonzepte oder Übungen für Boykotte und zivilen Ungehorsam. Einem etwaigen Aggressor soll vermittelt werden, dass es sich „nicht lohnt", diese Stadt zu besetzen.
Das offene Bündnis „Friedensstadt Freiburg" versteht sich als überparteiliche, demokratische Initiative, die ein friedensförderndes Miteinander in Vielfalt und Toleranz anstrebt. Es wird unter anderem unterstützt vom DGB, Greenpeace, der Inta-Stiftung, Pax Christi Freiburg und der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion. Aktuell werden Aktionen von Jugendorganisationen gegen die Einführung der Wehrpflicht, eine öffentliche Veranstaltung zum Thema Friedensstadt Freiburg mit OB-Kandidat*innen und mittelfristig ein Jugend-Friedens-Festival sowie konkrete Initiativen zur Friedensbildung vorbereitet.
Nach diesem Vorbild und im Bewusstsein des Schwurs nach dem Zweiten Weltkrieg sind alle aufgerufen, an einer Welt ohne Waffen zu arbeiten – in der Frieden keine Ausnahme, sondern Zuhause ist.
Günter Rausch ist Mitinitiator der „Initiative Friedensstadt Freiburg". Er ist, nach dem Philosophen Ernst Bloch, „ins Gelingen verliebt" und weiß, dass es darauf ankommt, „dieses Hoffen zu lernen".
Visionen
Die 10 Visionen der Friedensstadt Freiburg
- Friedensbildung von klein auf – Schulen und Kitas vermitteln Empathie, Respekt und gewaltfreie Konfliktlösung.
- Begegnung statt Abschottung – Feste, Kultur, Sport und Dialogformate stärken Vertrauen und Zusammenhalt.
- Anerkennung von Friedensarbeit – Aktivist*innen, Widerstandskämpfer*innen und Engagierte werden sichtbar gewürdigt.
- Aktive Unterstützung – Stadt und Zivilgesellschaft fördern Friedens-, Entwicklungs- und Flüchtlingsarbeit.
- Soziale Gerechtigkeit als Grundlage – Menschenwürde, Inklusion und Schutz Benachteiligter stehen im Zentrum.
- Forschung für das Gemeinwohl – Wissenschaft und Wirtschaft verpflichten sich auf ökologische und soziale Verantwortung.
- Frieden mit der Natur – Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden international vernetzt vorangetrieben.
- Wirtschaft für das Leben – Keine Rüstungsproduktion – stattdessen Förderung friedensorientierter, nachhaltiger Unternehmen.
- Entmilitarisierte Stadt – Atomwaffenfrei, „Offene Stadt" und Teil der Mayors for Peace-Bewegung.
- Gewaltfreie Verteidigung – Freiburg erprobt zivile, gemeinschaftliche Formen des Schutzes statt militärische Logik
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
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