Christoph Quarch
Gesellschaft | Bildung, 13.06.2026
Spielerischer Wettbewerb oder klassischer Wettkampf?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab. So viel "Kuschelpädagogik" schade den Kindern und schwäche deren Leistungsvermögen. Letzte Woche haben sich die Kultusminister dem Druck gebeugt und beschlossen, dass Schulen künftig selbst bestimmen sollen, wie sie die Bundesjugendspiele ausrichten: ob als spielerischen Wettbewerb oder als klassischen Wettkampf. Doch fragt sich, wie sie zu einer begründeten Entscheidung kommen sollen? Vielleicht hilft hier eine philosophische Perspektive. Fragen wir also den Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, worauf kommt es beim Sport eigentlich an: auf Leistung und Wettbewerb oder auf Freude und Spaß?Als ich zur Schule ging, hießen die Bundesjugendspiele bei uns noch "Sportfest". Von Wettkämpfen war nicht die Rede. Das verrät etwas von der eigentlichen Idee, die hinter dieser Veranstaltung steht. Es geht um ein Spiel, und ein Spiel zeichnet sich dadurch aus, dass es ein Geschehen ist, das seinen Sinn in sich selbst trägt. Das unterscheidet es von unserem Alltag. Wir sind gewohnt, irgendetwas leisten zu müssen, irgendeine Erwartung zu füllen, irgendein Ziel zu erreichen. Und wir werden daran gemessen, ob wir die Vorgaben erfüllen. So verlangt es die ökonomische Rationalität unserer Tage. Spiele aber folgen einer anderen Logik. Wer spielt, spielt um des Spielens willens. Deshalb ist es ganz wahr, wenn sich mit den Olympischen Spielen der Neuzeit das Motto durchsetzte: "Dabei sein ist alles". Und so sollte es auch bei den Bundesjugendspielen sein. Hier sollte nicht wichtig sein, wer was leistet - sondern dass die Schule gemeinsam ein Fest feiert.
Aber auch bei den Olympischen Spielen geht es doch ums Gewinnen. Wer als vierter neben dem Treppchen steht, wird den Satz "Dabei sein ist alles" als blanken Zynismus erleben. Ebenso wer bei der WM in der Vorrunde ausscheidet. Geht es am Ende nicht doch primär um Leistung?
So scheint es. Aber das hat für mich nichts mit der Idee der Spiele zu tun, sondern damit, dass wir unter dem Einfluss des ökonomisch-technischen Mindsets den Sinn für das Spiel verloren haben. Selbst unter Philosophen gibt es Leute, die dem Irrtum erliegen, beim Spielen gehe es ums Gewinnen und nicht ums Miteinanderspielen. Die Kulturgeschichte lehrt das Gegenteil. Das Spiel ist vom Alltag dadurch unterschieden, dass in ihm gerade nicht die Logik des Gewinnens gilt, sondern die Logik des Gelingens. Man denke nur an Geschicklichkeitsspiele, oder auch an Schauspiele jedweder Art. Selbst die Wettkämpfe folgten einst dieser Logik. Es ging im alten Olympia nämlich nicht darum, welcher Athlet besser ist als der andere, sondern wem es gelingt, das Wesen des Gottes Zeus zur Geltung zu bringen. Das Wettkampfsetting diente dazu, das Beste aus den Sportlern herauszuholen – dabei ging es nicht um die persönliche Leistung, sondern um eine kultische Feier.
Naja, wir leben aber im 21. Jahrhundert. Heute glaubt man nicht an Götter, sondern an Markt und Wettbewerb, die beide Leistung belohnen. Ist es da nicht nur konsequent, die Bundesjugendspiele als eine Übung zu konzipieren, bei der die einen Kinder erfahren, dass Leistung sich lohnt, während die anderen lernen, mit Misserfolgen umzugehen und Resilienz auszubilden?
Ehrlich gesagt halte ich das für Unsinn. Der Alltag der Schülerinnen und Schüler ist ohnehin geprägt durch Noten und Zeugnisse. Alles wird ständig bewertet. Die Kinder stehen permanent unter dem Druck, Leistungen erbringen zu müssen. Da ist mir unbegreiflich, wie man von Kuschelpädagogik reden kann. Und im Blick auf den Sport ist das sogar kontraproduktiv. Denn was will man mit dem Sportunterricht erreichen? Doch vor allem, dass Kinder sich viel und gerne bewegen. Das ist das Wichtigste, denn wir wissen aus Neurophysiologie und Pädagogik, dass eine gute Motorik für die geistige und körperliche Entwicklung unbedingt nötig ist. Wir wissen aber auch, dass Kinder sich immer weniger bewegen. Deshalb muss man überlegen, wie man die Kinder zur Bewegung motiviert. Und ich glaube nicht, dass es produktiv ist, wenn man sie auch hier einem Leistungsdruck aussetzt. Das mag bei wenigen Streber-Kindern zutreffen, aber bei den weniger talentierten wird es zu Frust und weniger Lust führen.
Sie haben aber doch gesagt, dass wir in einer Welt leben, die Leistung belohnt. Warum sollte man die Kinder dann gerade beim Sport davon abhalten, eine Leistungsmentalität auszuprägen?
Weil uns diejenige Form von Leistungsmentalität, an die die Befürworter des Wettkampfprinzips denken, mehr schadet als nützt. Einzelkämpfer, die nur an ihren eigenen Erfolg denken, gibt es in unserer Gesellschaft mehr als genug. Das sind genau die Typen, die schon beim Sportfest ihre Mitschüler aus der Bahn rempeln, weil sie um jeden Preis gewinnen wollen. Diese Ego-Booster-Mentalität wird zwar vom herrschenden Mindset belohnt - siehe Elon Musk - aber wir sehen immer deutlicher, dass sie unsere Gesellschaft zerrüttet. Was wir brauchen, ist Teamgeist. Wenn man schon bei den Bundesjugendspielen Wettkämpfe organisieren will, dann sollten es Mannschaftwettbewerbe sein: dass von mir aus Klassen gegeneinander antreten. Denn nicht, dass man als einzelner gewinnt oder verliert, ist eine wichtige Lektion fürs Leben, sondern dass man als Team gewinnt und verliert.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Teamgeist und Zusammenhalt
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.
Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.
Keine Zeit für Kinder und Zukunft
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Väterliche Güte - Liebe, Wohlwollen, Vertrauen
Zum Vatertag überlegt Christoph Quarch, was einen guten Vater ausmacht
Der Tag, an dem Gläubige seit Jahrhunderten das Fest der Himmelfahrt Christi begehen, ist den meisten nur noch unter dem Namen "Vatertag" geläufig. Die Überlappung beider Feste hat ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert, als unter Männern vor allem in Berlin und Umgebung das Brauchtum entstand, den Festtag für eine damals sogenannte "Herrentagspartie" zu nutzen.
Zum Vatertag überlegt Christoph Quarch, was einen guten Vater ausmacht
Der Tag, an dem Gläubige seit Jahrhunderten das Fest der Himmelfahrt Christi begehen, ist den meisten nur noch unter dem Namen "Vatertag" geläufig. Die Überlappung beider Feste hat ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert, als unter Männern vor allem in Berlin und Umgebung das Brauchtum entstand, den Festtag für eine damals sogenannte "Herrentagspartie" zu nutzen.
Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
20
JUN
2026
JUN
2026
30
JUN
2026
JUN
2026
28
SEP
2026
SEP
2026
Zertifikatskurs „Sustainability Management“
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Digitalisierung
Neues "Mental Operating System" für Social Media und Ki-SystemeChristoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Jetzt auf forum:
Neue Wege gehen: Die nächste Generation steht bereit
Confiance en Europe – Zuversicht in Europa. Risiken meistern, Chancen nutzen
Extreme Vermögen verursachen Klimaschäden in Billionenhöhe





















