Claudia Kemfert
Technik | Energie, 27.04.2026

Die Energiewende ist kein Kostenblock – sie ist ein Gewinnmodell für die Regionen

Der aktuelle Kommentar von Claudia Kemfert zur Studie zum Ausbau erneuerbarer Energien

Manchmal lohnt es sich, die Perspektive zu drehen. In Deutschland wird die Energiewende noch immer viel zu oft als Belastung erzählt: als Zumutung für Kommunen, als Konflikt um Flächen, als Kostenfaktor für Wirtschaft und Verbraucher*innen. Diese Erzählung ist nicht nur einseitig, sie ist falsch. Die eigentliche Belastung ist die Abhängigkeit von fossilen Energien – mit ihren Preisschocks, Importkosten, Klimaschäden und politischen Erpressbarkeiten.

© Coernl, pixabay.comDie Energiewende dagegen schafft Wert. Nicht irgendwo abstrakt, sondern konkret vor Ort: in Städten, Gemeinden und Landkreisen.
Eine neue Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung sowie der IW Consult macht genau das sichtbar: Wenn Deutschland seine Ausbauziele für Wind- und Solarenergie erreicht, kann sich die Wertschöpfung in den Regionen bis 2033 mehr als verdoppeln – von heute rund 5,5 Milliarden Euro auf 12,4 Milliarden Euro jährlich, die direkt vor Ort verbleiben.

Das ist keine Randnotiz. Das ist eine politische Kernbotschaft.
Erneuerbare Energien sind nicht nur Klimaschutz. Sie sind Standortpolitik. Sie sind Wirtschaftsförderung. Sie sind Strukturpolitik für den ländlichen Raum. Sie sind ein Gegenmodell zur fossilen Vergangenheit, in der Jahr für Jahr Milliarden für Öl, Gas und Kohle aus den Regionen abfließen – an autokratische Regime, internationale Konzerne und volatile Weltmärkte. Die alte Energiewelt entzieht den Regionen Kaufkraft. Die neue Energiewelt hält sie vor Ort.

Wind- und Solarenergie erzeugten bereits 2023 bundesweit rund zehn Milliarden Euro direkte Wertschöpfung und etwa 51.000 Vollzeitarbeitsplätze. Wird der Ausbau konsequent fortgesetzt, kann die direkte Wertschöpfung bis 2033 auf rund 21 Milliarden Euro jährlich steigen, die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze auf über 100.000. Hinter diesen Zahlen stehen konkrete wirtschaftliche Aktivitäten: Planung, Installation, Betrieb, Wartung, Pachten, Gewerbesteuern, kommunale Beteiligungen, lokale Dienstleistungen. All das bedeutet Einkommen, Beschäftigung und neue Handlungsspielräume.

Gerade ländliche Regionen können profitieren. Dort, wo häufig über Abwanderung, Strukturschwäche und fehlende Perspektiven gesprochen wird, kann die Energiewende neue wirtschaftliche Dynamik auslösen. Flächen werden vom vermeintlichen Nachteil zum Standortvorteil. Gemeinden, die Wind- und Solarenergie aktiv gestalten, können Einnahmen erzielen, Betriebe ansiedeln, Infrastruktur verbessern und Bürgerinnen und Bürger direkt beteiligen.

Doch dieser Gewinn stellt sich nicht automatisch ein. Genau darin liegt die politische Aufgabe.
Wenn große Anlagen ausschließlich externen Investoren gehören, fließt ein erheblicher Teil der Gewinne wieder aus den Regionen ab. Dann bleibt zwar das Windrad vor Ort, aber der wirtschaftliche Nutzen reist weiter. Das ist ökonomisch kurzsichtig und politisch gefährlich. Denn Akzeptanz entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Beteiligung. Menschen tragen Veränderungen eher mit, wenn sichtbar wird, dass ihre Gemeinde davon profitiert: durch bessere Kitas, moderne Schulen, schnelles Internet, sanierte Straßen, bezahlbare Energieangebote oder direkte finanzielle Beteiligung.

Die Energiewende muss deshalb demokratischer, kommunaler und regionaler werden. Bürgerenergiegesellschaften, kommunale Stadtwerke, lokale Stromtarife, Pachteinnahmen, Gewerbesteuern und Beteiligungsmodelle sind keine Nebenschauplätze. Sie sind der Schlüssel dafür, dass die Energiewende als Gewinn erlebt wird – nicht als Projekt, das „von oben" verordnet wird.

Hier liegt auch eine Antwort auf viele Scheindebatten der Gegenwart. Wer heute behauptet, erneuerbare Energien seien ein Risiko für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit, übersieht die tatsächlichen Risiken: die Abhängigkeit von fossilen Importen, die Preisschocks internationaler Energiemärkte, die Klimaschäden, die teuren Versäumnisse der Vergangenheit. Der wahre energiepolitische Kurzschluss besteht darin, aus Angst vor Veränderung an einem System festzuhalten, das längst zu teuer, zu unsicher und zu verletzlich geworden ist.

Erneuerbare Energien dagegen machen unabhängiger. Sie stabilisieren regionale Wirtschaftskreisläufe. Sie schaffen planbare Kosten statt fossiler Preissprünge. Sie verbinden Klimaschutz mit handfesten ökonomischen Vorteilen. Wer sie ausbremst, bremst nicht nur den Klimaschutz. Er bremst Investitionen, Beschäftigung und kommunale Entwicklung.

Damit die Chancen wirklich genutzt werden, brauchen Kommunen bessere Rahmenbedingungen. Viele wollen längst mehr tun, scheitern aber an Personalmangel, komplizierten Genehmigungen, fehlender Beratung oder engen Haushaltsregeln. Bund und Länder müssen hier unterstützen: mit starken regionalen Energieagenturen, klaren Beteiligungsleitlinien, einfacheren Regeln für Bürgerenergie, schnelleren Planungsprozessen und besseren Investitionsmöglichkeiten gerade für finanzschwache Kommunen.

Auch Förderprogramme sollten regionale Wertschöpfung von Anfang an mitdenken. Wer Wind- und Solarprojekte entwickelt, sollte nicht nur Megawatt planen, sondern auch Beteiligung, Einnahmen und lokale Effekte. Es geht nicht allein darum, Anlagen zu errichten. Es geht darum, wirtschaftliche Zukunft vor Ort zu organisieren.

Die Studie zeigt damit etwas Grundsätzliches: Die Energiewende ist kein Luxusprojekt für gute Zeiten. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Regionen in schwierigen Zeiten handlungsfähig bleiben. Sie schützt vor fossilen Preisschocks, stärkt kommunale Haushalte, schafft Arbeit und gibt Menschen das Gefühl, an der Transformation beteiligt zu sein.

Deutschland hat zu lange gefragt, was die Energiewende kostet. Die bessere Frage lautet: Was kostet es uns, sie weiter zu verschleppen?
© Oliver Betke
Die Antwort ist klar: Es kostet Wohlstand, Sicherheit und Zukunft. Erneuerbare Energien sind kein Kostenblock. Sie sind ein regionales Gewinnmodell. Jetzt kommt es darauf an, dafür zu sorgen, dass dieser Gewinn auch dort ankommt, wo die Energiewende stattfindet: in den Städten, Gemeinden und Landkreisen.
 
Claudia Kemfert ist forum-Kuratorin und leitet die Energie­abteilung am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Sie ist Professorin für Energie­wirtschaft und Energie­politik an der Universität Lüneburg, außerdem Vize-Vorsitzende des Sach­verständigen­rats für Umwelt­fragen der Bundes­regierung und Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

Unter "Der aktuelle Kommentar" stellen wir die Meinung engagierter Zeitgenossen vor und möchten damit unserer Rolle als forum zur gewaltfreien Begegnung unterschiedlicher Meinungen gerecht werden. Die Kommentare spiegeln deshalb nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider, sondern laden ein zur Diskussion, Meinungsbildung und persönlichem Engagement. Wenn auch Sie einen Kommentar einbringen oder erwidern wollen, schreiben Sie an kommentar@forum-csr.net.

Weitere Artikel von Claudia Kemfert:

Prof. Dr. Claudia Kemfert | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)
Energie & Infrastruktur
Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin.


Die Ideen der Koalition sind teuer, ineffizient und sozial ungerecht
Für forum-Kuratorin Prof. Dr. Claudia Kemfert ist der Plan, die Strompreise für alle zu senken, kaum umsetzbar
Der Koalitions-Plan, die Strompreise für alle zu senken, ist kaum umsetzbar. Netzentgelte und Stromsteuer zu senken, ist enorm teuer und ineffizient – und wird konterkariert durch das Ziel, 20.000 Megawatt Gaskraftwerke zu bauen.


Kluger Klimaschutz führt zu sozialer Gerechtigkeit
Wer zahlt die Rechnung?
Wenn der Green Deal zu einem Social Green Deal wird, dann besteht Hoffnung. Ein Klimabonus kann für mehr Gerechtigkeit sorgen und damit in jedem Wortsinn ein besseres Klima schaffen.


forum Kuratorin Claudia Kemfert:
Weder Stromnetze noch Speicher beschränken den Ausbau der erneuerbaren Energien
Die Diskussionen um die EEG-Reform sollten sich nicht mit dem vergangenen, sondern dem zukünftigen, zu 80 bis 100 Prozent erneuerbaren, Stromsystem beschäftigen.


forum-Kuratorin Prof. Dr. Claudia Kemfert zur Energiewende
Brauchen wir wirklich einen umfassenden Kapazitätsmarkt? Nur nichts überstürzen!
Im Zuge der Energiewende nimmt der Anteil erneuerbarer Energien stetig zu, das bestehende Stromnetz steht neuen Herausforderungen gegenüber und der Strombörsenpreis sinkt weiter. Weiterhin ist es fraglich, ob im Zuge des Atomausstiegs bis zum Jahre 2022 ausreichend Kraftwerkskapazitäten im Einsatz sein werden, die abgeschaltete Kraftwerke ersetzen können und gleichzeitig flexibel genug sind, um mit volatilen erneuerbaren Energien kombiniert werden zu können. Aus diesen Fakten resultiert die Frage: Brauchen wir einen Kapazitätsmarkt? Für die kommenden Jahre scheint dies nicht der Fall zu sein.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
28
APR
2026
BootCamp Impact Business Design
Zertifizierter Impact Business Design Master
Köln
21
MAI
2026
Munich Impact Night
Ein Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Gesundheit & Wellness

Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Aufbruch in Santa Marta

Die Energiewende ist kein Kostenblock – sie ist ein Gewinnmodell für die Regionen

Circular Economy stärkt Wettbewerbsfähigkeit

Engagement gegen Desinformation

Tipps zur Installation einer Balkon-Solaranlage für Anfänger

Gastfreundschaftslektionen aus Südtirol

Selbstwirksamkeit statt Geldtabu

G7 declaration recognizes land degradation and drought as global security risks

  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • ZamWirken e.V.
  • circulee GmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • SUSTAYNR GmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • NOW Partners Foundation
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • 66 seconds for the future
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • WWF Deutschland
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)