Garten-PV - Stromkosten um fast 80 Prozent gesenkt!
Claudia Kemfert
Technik | Energie, 01.03.2026

Energie für den Frieden

Erneuerbare als Anker für Stabilität und Sicherheit

Fossile Abhängigkeiten befeuern Konflikte und machen Staaten erpressbar. Erneuerbare Energien schaffen wirtschaftliche Stabilität, reduzieren geopolitische Abhängigkeiten und können langfristig Frieden fördern. Die Energiewende ist heute ein zentrales sicherheitspolitisches Projekt – für Unternehmen, Politik und Gesellschaft. Stadtwerke und Bürgerenergieprojekte zeigen, wie es geht.

© Pruthvi Sagar für Unsplash+Die vergangenen Jahre haben eindrücklich gezeigt, wie abhängig moderne Volkswirtschaften von einer sicheren, bezahlbaren und resilienten Energieversorgung sind. Die Energiekrise von 2022 legte mit großer Brutalität offen, welche sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Risiken aus fossilen Abhängigkeiten entstehen. Jahrzehntelang hatten viele Staaten – auch Deutschland – auf vermeintlich günstige fossile Importe gesetzt und damit nicht nur ihren Energiesektor, sondern ihre gesamte wirtschaftliche Stabilität verwundbar gemacht.
 
Als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die globalen Energiemärkte erschütterte, wurde die strategische Fehlkalkulation sichtbar: Preisexplosionen, Inflationsschübe und Versorgungsrisiken trafen Haushalte und Unternehmen gleichermaßen und schwächten die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit.

Fossile Abhängigkeiten als geopolitisches Risiko
Diese Ereignisse machen deutlich, dass Energiepolitik heute untrennbar mit Friedens- und Sicherheitspolitik verwoben ist. Fossile Energien schaffen Abhängigkeiten, fördern geopolitische Instabilität und verschieben ökonomische Machtverhältnisse zugunsten autoritärer Staaten. Viele Konflikte und Kriege der vergangenen Jahrzehnte hatten fossile Ressourcen als direkten oder indirekten Treiber. Wer Energieimporte kontrolliert, kann politische Entscheidungen beeinflussen, Preise diktieren und ganze Volkswirtschaften erpressbar machen. Eine Energiewende, die fossile Abhängigkeiten konsequent reduziert, wirkt deshalb als Stabilitäts- und Friedensfaktor – regional wie global.

Energiewende als Friedensprojekt
Erneuerbare Energien haben das Potenzial, diese strukturellen Risiken nachhaltig zu überwinden. Sie sind heimisch, unerschöpflich, kostengünstig und geopolitisch neutral. Jede Kilowattstunde aus Wind und Sonne verdrängt teure fossile Importe und entzieht aggressiven fossilen Regimen Einnahmequellen. Erneuerbare Energien bieten zudem planbare Preise und reduzieren das Risiko geopolitischer Preisschocks. Der Begriff „Friedensenergien" beschreibt daher nicht nur eine Vision, sondern eine realpolitische Notwendigkeit: Ein Energiesystem, das auf regionalen, erneuerbaren Ressourcen basiert, stärkt demokratische Souveränität und ökonomische Stabilität.

Was Unternehmen jetzt tun sollten
Unternehmen können maßgeblich zu einer ökonomischen Stabilität und Friedenssicherung beitragen. Eine strategische Dekarbonisierung erhöht nicht nur die Klimaperformance, sondern auch die Risikovorsorge. Energieeffizienz, Eigenstromerzeugung, der Ausbau elektrifizierter Produktionsprozesse und langfristige Lieferverträge für erneuerbaren Strom sind Investitionen, die Unternehmen resilienter gegenüber Preisrisiken und geopolitischen Schocks machen. Zugleich steigt der Druck internationaler Märkte, klimaneutrale Lieferketten sicherzustellen. Unternehmen, die frühzeitig auf erneuerbare Energien und zirkuläre Produktionsmodelle setzen, verschaffen sich somit nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Vorteile.

Gesellschaftliche Teilhabe stärkt Stabilität
Auch Verbraucherinnen und Verbraucher tragen wesentlich zur Stabilität bei. Haushalte, die durch Sanierungen, Wärmepumpen oder eigene Solaranlagen ihren Energieverbrauch reduzieren und unabhängiger werden, stabilisieren nicht nur ihre eigene Kostenstruktur, sondern stützen die gesamtwirtschaftliche Resilienz. Die zunehmende Verbreitung von E-Mobilität, intelligenter Energiesteuerung und kommunalen Wärmeverbünden zeigt, dass gesellschaftliche Teilhabe an der Energiewende möglich und wirksam ist.

Politische Rahmenbedingungen für Sicherheit und Frieden
Auf politischer Ebene braucht es klare und langfristige Leitplanken. Dazu zählen der schrittweise Abbau fossiler Subventionen, der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien, moderne Stromnetze, flexible Speicher und eine vorausschauende Infrastrukturplanung. Ein wirksamer CO2-Preis mit sozialer Rückverteilung stärkt gleichzeitig Klimaschutz und Akzeptanz. Ebenso entscheidend ist die Stärkung kommunaler Strukturen – von der Wärmeplanung über regionale Energiegesellschaften bis hin zu Bürgerenergieprojekten. Diese dezentralen Ansätze verbinden technologische Modernisierung mit lokaler Teilhabe und demokratischer Stabilität.

Beispiele aus der Praxis
Zahlreiche Best Practice-Beispiele zeigen, wie Kommunen, Industrie und Zivilgesellschaft bereits erfolgreich neue Wege gehen. Bürgerenergieprojekte, klimaneutrale Stadtwerke, grüne Industriecluster oder energieeffiziente Quartiere beweisen, dass ein resilienteres Energiesystem realisierbar ist. Viele dieser Initiativen sind nicht nur ökologisch erfolgreich, sondern wirtschaftlich profitabel und sozial integrierend.

Mehrere kommunale Stadtwerke in Deutschland setzen bereits vollständig oder weitgehend auf erneuerbare Energien, kombinieren Wind- und Solarstrom mit Speichern und kommunaler Wärmeplanung. So verfolgen die Stadtwerke München seit Jahren das Ziel, so viel erneuerbaren Strom zu erzeugen, wie ganz München verbraucht. Mit Beteiligungen an Windparks in Nord- und Ostdeutschland sowie Solarprojekten im In- und Ausland sichern sie langfristig stabile Preise, reduzieren Importabhängigkeiten und stärken regionale Wertschöpfung. Das Modell zeigt, wie kommunale Akteure aktiv zur Energie- und Versorgungssicherheit beitragen können.

Bürgerenergieprojekte ermöglichen die direkte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Wind- und Solarparks, erhöhen die Akzeptanz und beschleunigen den Ausbau erneuerbarer Energien. Sie stärken demokratische Teilhabe, reduzieren fossile Abhängigkeiten und machen Regionen widerstandsfähiger gegenüber geopolitischen Krisen. Ein prägnantes Beispiel sind die Elektrizitätswerke Schönau: Aus einer Bürgerinitiative entstanden, versorgen sie heute bundesweit Kundinnen und Kunden mit Ökostrom und zeigen, wie demokratische Kontrolle und Unabhängigkeit der Energieversorgung praktisch umgesetzt werden können.

Prof. Dr. Claudia Kemfert © Oliver Betke
Die Energiewende ist damit nicht nur ein Instrument zur Emissionsreduktion, sondern eine umfassende Modernisierungsstrategie, die wirtschaftliche Stärke, soziale Gerechtigkeit und geopolitische Stabilität miteinander verbindet. Friedensenergien schaffen Sicherheit – für Unternehmen, Haushalte und Staaten. In einer Welt multipler Krisen ist die beschleunigte Transformation des Energiesystems kein optionaler Fortschritt, sondern eine zentrale Voraussetzung für Wohlstand, Unabhängigkeit und Frieden.
 
Claudia Kemfert ist forum-Kuratorin und Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik am DIW Berlin und der Leuphana Universität. Sie forscht seit über 25 Jahren zu Energiewende, Klima- und Wirtschaftspolitik. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Forscherin, Ko-Vorsitzende im Sachverständigenrat für Umweltfragen sowie im Präsidium der deutschen Gesellschaft des Club of Rome; Sie ist Autorin von über 600 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, darunter mehrere Bücher. Zuletzt erschienen „Schockwellen" und „Unlearn CO2".

Weiterführende Links & Literatur 

  • Claudia Kemfert (2023) Schockwellen: Letzte Chance für sichere Energien und Frieden. Campus Verlag
  • Leonard Göke, Claudia Kemfert, Mario Kendziorski, Christian von Hirschhausen (2021): 100 Prozent erneuerbare Energien für Deutschland: Koordinierte Ausbauplanung notwendig. In DIW Wochenbericht 29/30 2021
  • Umweltbundesamt: Umweltschädliche Subventionen
  • DIW (2024) Versorgung mit Erdgas ist auch ohne Importe aus Russland gesichert 
  • IRENA renewable energy statistics 2025 

Zahlen, Daten, Fakten

  • fossile Subventionen Deutschland 2024: ungefähr 65 Mrd. €
  • Anteil russischen Gases in Deutschland vor 2022: 55 Prozent
  • Importkosten fossiler Energien 2022: über 100 Mrd. €
  • Preisreduktion Solarenergie seit 2010: – 90 Prozent
  • installierte globale Erneuerbaren-Leistung 2024: > 4 TW

Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.

Weitere Artikel von Claudia Kemfert:

Die Energiewende ist kein Kostenblock – sie ist ein Gewinnmodell für die Regionen
Der aktuelle Kommentar von Claudia Kemfert zur Studie zum Ausbau erneuerbarer Energien
Manchmal lohnt es sich, die Perspektive zu drehen. In Deutschland wird die Energiewende noch immer viel zu oft als Belastung erzählt: als Zumutung für Kommunen, als Konflikt um Flächen, als Kostenfaktor für Wirtschaft und Verbraucher*innen. Diese Erzählung ist nicht nur einseitig, sie ist falsch. Die eigentliche Belastung ist die Abhängigkeit von fossilen Energien – mit ihren Preisschocks, Importkosten, Klimaschäden und politischen Erpressbarkeiten.


Wertvoll und knapp

Intelligente Nutzung von Wasserstoff in Industrie, Verkehr und Haushalt
Grüner Wasserstoff ist unverzichtbar für Industrie, Flug- und Schiffsverkehr – aber ineffizient für Heizung oder Pkw. Warum klare Prioritäten entscheidend sind, um Klimaziele zu erreichen und Kosten zu begrenzen. Und was Unternehmen, Politik und Gesellschaft jetzt tun müssen.


Prof. Dr. Claudia Kemfert | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)
Energie & Infrastruktur
Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin.


Die Ideen der Koalition sind teuer, ineffizient und sozial ungerecht
Für forum-Kuratorin Prof. Dr. Claudia Kemfert ist der Plan, die Strompreise für alle zu senken, kaum umsetzbar
Der Koalitions-Plan, die Strompreise für alle zu senken, ist kaum umsetzbar. Netzentgelte und Stromsteuer zu senken, ist enorm teuer und ineffizient – und wird konterkariert durch das Ziel, 20.000 Megawatt Gaskraftwerke zu bauen.


Kluger Klimaschutz führt zu sozialer Gerechtigkeit
Wer zahlt die Rechnung?
Wenn der Green Deal zu einem Social Green Deal wird, dann besteht Hoffnung. Ein Klimabonus kann für mehr Gerechtigkeit sorgen und damit in jedem Wortsinn ein besseres Klima schaffen.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Frau Reiche – es reicht!

forum 03/2026

  • Resilienz
  • Klimafinanzierung
  • Wald
  • Startups
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
10
JUN
2026
Climate Transformation Summit (#CTS2026)
Making Scope 3 Action Our Business - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
12053 Berlin
16
JUN
2026
BootCamp Impact Business Design
Zertifizierter Impact Business Design Master
Hamburg
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Pioniere & Visionen

Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

“Mehr ist nicht weniger“

Welttag der Ozeane 2026 (UN World Oceans Day) am 8. Juni

Pflichtkammern in der Verantwortung

Confiance en Europe – Zuversicht in Europa. Risiken meistern, Chancen nutzen

RESOURCICA 2026, 24. - 26. September in Dresden

WM-Zeit muss keine Junkfood-Zeit sein: Anpfiff für gesunde Snacks

Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Europa redet über Recycling – aber weiß es, was danach wirklich passiert?

  • SUSTAYNR GmbH
  • ZamWirken e.V.
  • Engagement Global gGmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • NOW Partners Foundation
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Global Nature Fund (GNF)
  • WWF Deutschland
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • circulee GmbH
  • 66 seconds for the future