Claudia Kemfert
Technik | Energie, 01.03.2026
Wertvoll und knapp
Intelligente Nutzung von Wasserstoff in Industrie, Verkehr und Haushalt
Grüner Wasserstoff ist unverzichtbar für Industrie, Flug- und Schiffsverkehr – aber ineffizient für Heizung oder Pkw. Warum klare Prioritäten entscheidend sind, um Klimaziele zu erreichen und Kosten zu begrenzen. Und was Unternehmen, Politik und Gesellschaft jetzt tun müssen.
Die Diskussion um grünen Wasserstoff ist in den vergangenen Jahren dynamisch und zuweilen überhitzt geführt worden. Oft wird Wasserstoff als universeller Energieträger dargestellt, der sämtliche fossilen Energien ersetzen könne. Diese Sichtweise verkennt jedoch die physikalischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Wasserstoff ist in der Herstellung energieintensiv, in der Speicherung aufwändig und im Transport verlustreich.Diese Eigenschaften machen ihn zu einem wertvollen, aber knappen Gut, das mit großer Sorgfalt eingesetzt werden muss. Von der effizienten Alltagslösung bis zur flächendeckenden Heiz- oder Pkw-
Alternative ist Wasserstoff weit entfernt.
Industrie, Schifffahrt, Luftverkehr – wo Wasserstoff alternativlos ist
Der wesentliche Vorteil von grünem Wasserstoff liegt darin, dass er in Sektoren eingesetzt werden kann, für die es keine direkt-elektrischen Lösungen gibt. Die Stahlindustrie, die chemische Grundstoffproduktion, der internationale Flugverkehr und Teile der Schifffahrt sind Beispiele für Anwendungen, die hohe Temperaturen oder spezifische chemische Reaktionen benötigen.
Dort kann Wasserstoff fossile Energieträger ersetzen und zur vollständigen Dekarbonisierung beitragen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien (siehe Link unten), dass die verfügbare Menge an grünem Wasserstoff – selbst bei ambitioniertem Ausbau – begrenzt bleiben wird. Nationale Produktion wird nur einen Teil des Bedarfs decken können, der Rest wird importiert werden müssen. Umso wichtiger ist eine realistische Bedarfsplanung.
Warum Wasserstoff für Heizungen und Pkw ungeeignet ist
Die Effizienzunterschiede sind der zentrale Maßstab für die Priorisierung. Während elektrische Antriebe eine nahezu verlustarme Nutzung ermöglichen, fallen entlang der Wasserstoffkette – Elektrolyse, Speicherung, Transport und Rückverstromung – große Verluste an. Dieser Faktor macht den Einsatz von Wasserstoff in alltäglichen Anwendungen wie Heizen oder Autofahren ineffizient und teuer. Politische Debatten, die synthetische Kraftstoffe als dauerhaften Weg für Verbrennungsmotoren darstellen, ignorieren diese energieökonomischen Grundregeln und verzerren die öffentliche Wahrnehmung. Fehlgeleitete Erwartungen bergen das Risiko teurer Infrastrukturentscheidungen, die den Klimaschutz ausbremsen und Unternehmen wie Haushalte belasten.
„Grüner Wasserstoff ist dort sinnvoll, wo direkte Elektrifizierung nicht möglich ist – etwa in Stahl, Chemie, Luftfahrt und Teilen der Schifffahrt.”
Prof. Dr. Claudia Kemfert
Unternehmen müssen differenzieren
Unternehmen stehen daher vor der Herausforderung, ihre Transformationsstrategien präzise auszurichten. Entscheidend ist eine klare Trennung zwischen Bereichen, die elektrifiziert werden können, und solchen, die zwingend Wasserstoff benötigen. Effizienzsteigerungen, Prozessumstellungen, Elektrifizierung und der Aufbau eigener erneuerbarer Stromkapazitäten bilden die Grundlage einer belastbaren Dekarbonisierungsstrategie. Erst darauf aufbauend sollte Wasserstoff gezielt eingesetzt werden. Regionen, die Industriecluster, Offshore-Windpotenziale und Infrastrukturzugänge kombinieren, können als H2-Hubs internationale Vorreiter werden.
Politik braucht klare Prioritäten – Verbraucher:innen brauchen Transparenz
Die Politik ist gefordert, Prioritäten eindeutig zu setzen. Förderprogramme, Netzausbau und regulatorische Entscheidungen müssen sich auf jene Sektoren konzentrieren, die Wasserstoff zwingend benötigen. Gleichzeitig muss der Ausbau erneuerbarer Energien massiv beschleunigt werden, denn grüner Wasserstoff kann nur im Zusammenspiel mit einem starken und kostengünstigen Ökostromsystem skaliert werden. Realistische Bedarfsprognosen, effiziente Förderlogiken, verlässliche Rahmenbedingungen und eine integrierte Infrastrukturplanung sind unerlässlich, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.
Für Verbraucher:innen bleibt Wasserstoff in den nächsten Jahrzehnten ein Nischenprodukt. Effiziente Technologien wie Wärmepumpen, E-Mobilität, ÖPNV und Gebäudesanierung bieten erhebliche Klimavorteile und ökonomische Einsparungen. Ein realistischer Blick schützt vor unnötigen Kosten und vermeidet Enttäuschungen. Gleichzeitig stärkt eine klare Kommunikation die Akzeptanz für zukunftsfähige Technologien.
Best Practice-Beispiele zeigen den Weg
Mehrere Stahlhersteller, wie bspw. die Salzgitter AG, stellen schrittweise von kohlebasierten Hochöfen auf wasserstoffbasierte Direktreduktionsverfahren um. Grüner Wasserstoff ersetzt dabei Kohle als Reduktionsmittel und ermöglicht nahezu klimaneutrale Stahlproduktion – ein Schlüsselbeispiel für den gezielten, effizienten Einsatz von Wasserstoff.
Auch in Industrieregionen entstehen neue Wasserstoff-Hubs. So verbindet bspw. das Projekt „GET H2 Nukleus" Elektrolyseure, erneuerbaren Strom und industrielle Abnehmer in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die regionale Bündelung von Erzeugung, Infrastruktur und Nachfrage reduziert Transportverluste, senkt Kosten und stellt sicher, dass grüner Wasserstoff dort eingesetzt wird, wo er technisch unverzichtbar ist.
Richtig priorisiert, kann grüner Wasserstoff ein entscheidender Baustein der industriellen Modernisierung sein. Falsch priorisiert, droht er zum teuren Umweg zu werden. Die Energiewende braucht klare wissenschaftlich fundierte Leitlinien: Elektrifizieren, wo immer es möglich ist, und Wasserstoff dort einsetzen, wo es notwendig ist. Diese Strategie maximiert Klimaschutz, minimiert Kosten und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit eines klimaneutralen Wirtschaftsstandorts.
Claudia Kemfert ist forum-Kuratorin und Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik am DIW Berlin und der Leuphana Universität. Sie forscht seit über 25 Jahren zu Energiewende, Klima- und Wirtschaftspolitik. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Forscherin, Ko-Vorsitzende im Sachverständigenrat für Umweltfragen sowie im Präsidium der deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Sie ist Autorin von über 600 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, darunter mehrere Bücher. Zuletzt erschienen ihre Bücher „Schockwellen" und „Unlearn CO2".
Zahlen, Daten, Fakten
- Wirkungsgrad batterieelektrisch: 70–90 Prozent
- Wirkungsgrad Wasserstoffpfad: 15–30 Prozent
- Deutscher Wasserstoffbedarf 2045: 45–90 TWh
- Inländische Produktion: < 30 Prozent
- Kosten grüner H2 2024: 5–8 €/kg
Weiterführende Links zu Studien und Veröffentlichungen zum Thema Wasserstoff-Nutzung und Effizienz:
- DIW Berlin – Wasserstoffstudien
- SRU (2021): Wasserstoff- Klasse statt Masse
- Fraunhofer ISE – Effizienzvergleiche Energieträger
- Nationale Wasserstoffstrategie – Bundesregierung
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
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